Sie wartete noch einige Minuten – und eigentlich nur, um Aires zu ärgern, die genau wußte, wie schnell die Droge wirkte –, ehe sie mit ihrem Bericht begann. Aires ließ sie reden, bis sie von dem grellen Licht erzählte, das sie geweckt hatte.
»Ein Blitz, sagst du? Wie genau sah er aus?«
Kara schwieg, und nach zwei Sekunden fuhr Aires fort: »Eine Kugel aus weißem Feuer, die auf den Boden fiel und zu einem riesigen Flammenpilz wurde?« Sie klang sehr erschrocken. »Ich weiß es nicht«, gestand Kara. »Ich bin davon aufgewacht, aber... aber ich war ein paar Minuten lang fast blind. Es könnte so gewesen sein.«
»Aber sicher bist du nicht?«
»Nein.«
Sie war nicht sicher, ob Aires besorgt oder erleichtert war, aber was immer es war – sie war sehr erregt.
Kara fuhr in ihrem Bericht fort, doch schon bald wurde sie wieder von Aires unterbrochen. »Ein zweiter Drachenfels? Bist du sicher?«
Was für eine dumme Frage. »Ja«, antwortete sie, nur noch mühsam beherrscht. »Aber sehr viel größer. Die Drachentöchter hatten mehr als einen Stützpunkt.«
Und so ging es weiter. Aires – und bald auch Cord – unterbrachen sie immer öfter und stellten immer ungläubigere Fragen. Dabei war es keineswegs so, daß sie ihr nicht glaubten, vielmehr schien es selbst Aires so zu ergehen wie ihr und Zen, als sie am Ufer des Sees gestanden und versucht hatten, alle nur möglichen Gründe dafür zu finden, daß das, was sie zu sehen glaubten, einfach nicht existieren konnte.
»Das ist einfach lächerlich«, sagte Aires, als Kara alles erzählt hatte. »Pumpen, um das Meer wieder aufzufüllen! Wie groß sollen die Pumpen denn sein? So groß wie diese Burg hier?«
»Ungefähr«, antwortete Kara ernst. »Vielleicht nicht ganz so breit, aber höher.«
Aires starrte sie konsterniert an, aber sie sagte nichts mehr. »Die ganze Geschichte kommt mir immer unglaubhafter vor«, sagte Cord. »Wenn sie wirklich über eine solche Macht verfügen, warum sollten sie dann...«
»Du kannst Zen fragen«, unterbrach ihn Kara. »Er war dabei.«
Cord wirkte ein wenig betroffen, als begriffe er erst jetzt, was er gesagt hatte. Mit einer entschuldigenden Geste fuhr er fort: »Ich glaube dir jedes Wort. Es ist nur so, daß es alles keinen Sinn ergibt. Du warst damals nicht dabei, Kara. Aber ich weiß noch, wie verzweifelt sich Jandhis Drachentöchter gewehrt haben. Sie haben sich nicht aus taktischen Gründen zurückgezogen, glaube mir. Wir haben sie in den Schlund zurückgetrieben. Sie haben sich erbittert gewehrt. Viele tapfere Männer und Frauen sind damals gestorben. Wenn sie wirklich über diese Hilfsmittel verfügen, dann hätten sie uns in einer Woche schlagen können.«
»Vielleicht haben sie ihre Taktik einfach geändert«, vermutete Kara. »Diese Maschinen sahen neu aus.«
»Hast du Drachen gesehen?« fragte Aires.
Kara sah sie verwirrt an und schüttelte den Kopf.
»Vielleicht ist alles ganz anders«, fuhr die Magierin fort. »Ich meine: Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, daß es derselbe Feind ist, gegen den wir vor zehn Jahren gekämpft haben. Vielleicht ist das gar nicht so.«
»Elder könnte diese Frage beantworten«, sagte Kara.
»Dann bringt ihn her.«
»Das geht jetzt nicht.« Cord lächelte flüchtig und machte eine abwehrende Handbewegung. »Heute hätte das sowieso wenig Sinn. Wir sind alle zu Tode erschöpft. Verschieben wir es auf morgen früh.« Er warf Aires einen bezeichnenden Blick zu. »Ich denke, wir haben für heute noch genug zu tun.«
Aires schwieg, aber sie tat es auf eine ganz bestimmte Art, die Kara klarmachte, daß sie nicht die einzige war, die mit schlechten Neuigkeiten aufzuwarten hatte.
»Was gibt es Neues in Schelfheim?« fragte Kara aufs Geratewohl.
»Nicht viel«, antwortete Cord viel zu hastig. »Offiziell erfahren wir nichts. Anscheinend sind die neuen Führer der Stadt der Meinung, ganz gut ohne uns zurechtzukommen.«
»Aber ihr habt eure Quellen, um zu erfahren, was wirklich vorgeht«, vermutete Kara.
Cord lächelte flüchtig. »Sie haben eine bewaffnete Expedition in die Höhle unter der Stadt geschickt. Mehr als fünfhundert Mann, ausgerüstet mit allem, was sie hatten.«
»Und?« fragte Kara.
»Bis heute ist keiner von ihnen zurückgekehrt«, sagte Aires. »Aber das muß nichts bedeuten. Wenn diese Höhlen wirklich so groß sind, können sie jahrelang dort unten herumirren, ohne mehr als Steine und Wasser zu finden. Außerdem ist noch lange nicht gesagt, daß...«
Den Rest des Satzes hörte Kara nicht mehr. Aires’ Trank verlor seine Wirkung, und die Drachenkriegerin schlief von einem Moment auf den anderen ein.
32
Das Sonnenlicht auf ihrem Gesicht weckte sie spät am nächsten Morgen. Sie ließ sich Zeit damit, völlig aus dem Schlaf in die Wirklichkeit hinüberzugleiten. Vorerst genoß sie nur das Gefühl, wirklich zu Hause zu sein und in einem richtigen Bett zu liegen, statt auf steinigem Boden oder in einem harten Sattel. Als sie die Augen öffnete, sah sie Aires, die auf einem Stuhl neben ihrem Bett saß. Ihr Kopf und die Schultern waren nach vorn gesunken, die Hände im Schoß gefaltet; sie schien die ganze Nacht an Karas Lager verbracht zu haben.
Behutsam richtete Kara sich auf. Sie stellte fest, daß sie in Angellas Bett lag. Sie gab sich Mühe, so wenig Geräusche wie möglich zu machen, aber Aires wachte trotzdem auf. Sie blinzelte, sah Kara eine Sekunde lang fast verstört an, und war dann von einem Herzschlag auf den anderen hellwach. Kara hatte diese Fähigkeit, die auch Angella zu eigen gewesen war, stets mit Bewunderung erfüllt. Sie selbst brauchte mindestens eine halbe Stunde, um richtig wach zu werden.
Sie nickte Aires zu. »Hast du die ganze Nacht hier gesessen?« fragte sie.
Aires nickte. »Du warst in keiner guten Verfassung. Und ich bin die einzige Heilerin.« Ihr Blick verdüsterte sich. »Was du deinem Körper zugemutet hast, ist unverantwortlich. Wenn ich es könnte, würde ich dich dafür zur Verantwortung ziehen.«
»Ich dachte immer, er gehört mir«, sagte Kara, während sie die Decke beiseite schlug und sich nach ihren Kleidern bückte. »Nein, das tut er nicht«, antwortete Aires scharf. »Er gehört dem Hort. Wir haben ihn zu dem gemacht, was er ist. Du gehörst längst nicht mehr dir selbst. Du gehörst dir seit dem Moment nicht mehr, in dem Angella dich aufgelesen und hierher gebracht hat. Du warst ein kleines Balg, als sie dich gefunden hat, und das wärst du auch geblieben, wenn du überhaupt überlebt hättest. Alles was du bist, bist du durch uns, Kara. Es wird Zeit, daß du das endlich begreifst!«
Die scheinbar völlig grundlose Heftigkeit ihres Ausbruchs überraschte Kara. Als Aires das Zimmer verlassen wollte, rief Kara sie zurück. »Ich glaube, wir sollten uns unterhalten«, sagte sie.
Aires maß sie mit einem verächtlichen Blick. »Das wäre nicht sehr anständig von mir. Du bist im Moment kein sehr guter Gegner.«
»Für dich wird es reichen«, antwortete Kara spitz; ein billiger Triumph, der ihr im gleichen Moment schon wieder leid tat. »Also?«
»Seit Angellas Tod stimmt etwas nicht mit dir«, antwortete Kara. »Was ist los? Hast du das Gefühl, mich erziehen zu müssen? Oder ist das irgendeine törichte Probe?«
»Wenn es so wäre, wärst du durchgefallen«, sagte Aires kalt. »Warum bist du so feindselig, Aires? Wir waren niemals Freunde, aber seit... seit Angella nicht mehr da ist, bekämpfst du mich regelrecht. Warum?«
Sie hatte eine abfällige Bemerkung erwartet, oder eine ausweichende Antwort. Aber zu ihrer Überraschung sah Aires sie einige Sekunden lang sehr ernst an und antwortete dann: »Weil du mir alles weggenommen hast, Kara.«