»Ich weiß, worauf du hinaus willst«, antwortete Cord. »Vielleicht hast du recht. Aber sei vorsichtig. Man darf nie anfangen, zuviel in die Dinge hineinzugeheimnissen. Einen Gegner zu überschätzen kann ebenso verhängnisvoll sein wie ihn zu unterschätzen.«
»Lehrbuch für junge Krieger, Seite elf«, sagte Kara spöttisch. »Seite zwölf, erster Abschnitt, um genau zu sein.« Auch Cord lächelte, aber sein Blick blieb ernst. »Aber weißt du, warum man Dinge in Lehrbücher schreibt, Kara! Weil sie wahr sind.«
Er sah zum Himmel, um die Zeit am Stand der Sonne abzulesen. »Ich glaube, wir sollten Aires und die anderen nicht zu lange warten lassen.«
Vor allem die anderen, dachte Kara. Nicht Zen, Silvy und Maran, sondern den Rest des Drachenhortes.
Ihre Vermutung vom gestrigen Abend hatte sich als richtig erwiesen: Niemand hier wußte bis jetzt, was sie draußen im Schlund gefunden hatten. Silvy, Zen und Maran waren in ihre Quartiere gebracht worden und standen gewissermaßen unter Hausarrest, und Cord hätte am liebsten auch Kara das Verlassen des Zimmers verboten, aber das hatte er dann doch nicht gewagt, allerdings hatte er dafür gesorgt, daß ihr niemand begegnete. Es hatte eine Weile gedauert, bis Kara das halbe Dutzend Männer aufgefallen war, das sie und Cord diskret abschirmte. Sie lächelte. Als Cord sie fragend ansah, meinte sie:
»Ich dachte gerade daran, daß ich nie richtig verstanden habe, was Angella damit meinte, als sie sich einmal darüber beklagte, daß sie eine Gefangene dessen sei, was sie ist. Ich glaube, jetzt weiß ich es.«
Cord zog es vor so zu tun, als verstünde er nicht, und Kara wandte sich seufzend um und ging zum Haupthaus zurück. Sie war gleichzeitig erleichtert wie verärgert darüber, daß ihr Ausflug so kurz gewesen war. Sie hatte es genossen, endlich wieder zu Hause zu sein und das Gefühl der Sicherheit zu spüren, mit dem sie die vertraute Umgebung erfüllte. Aber der Anblick des Turms hatte ihr auch deutlich vor Augen geführt, wie trügerisch dieses Gefühl der Sicherheit war.
Cord und sie waren die letzten, die den Versammlungsraum betraten, und Aires’ Blick nach zu schließen, betrug ihre Verspätung mehr als ein paar Augenblicke. Zen, Silvy und Maran saßen neben ihr an der großen Tafel, auf der sie die erbeutete Karte ausgebreitet hatten. Außer ihnen waren noch Storm, Borss, Tera und natürlich Hrhon anwesend. Der harte Kern, dachte Kara spöttisch. Seltsam – sie fühlte sich plötzlich wie eine Fremde.
Sie verscheuchte den Gedanken, ignorierte Aires’ strafenden Blick und nahm auf dem Stuhl am Kopfende der Tafel Platz. Bisher hatte Angella hier gesessen. Sie verjagte auch diesen Gedanken. »Warum ist Elder nicht hier?« eröffnete sie das Gespräch.
Anstatt zu antworten, wandte sich Aires an Cord, der sich als einziger noch nicht gesetzt hatte, sondern seinen Platz ansteuerte. »Würdest du ihn holen. Und... beeil dich nicht zu sehr.«
Kara blickte fragend, und Aires machte eine Kopfbewegung in Marans Richtung. Kara fiel der düstere Ausdruck auf den Zügen des jungen Drachenkämpfers auf. Offensichtlich hatte Aires nicht auf sie gewartet, ehe sie mit dem Gespräch begann. »Wir sollten vorher entscheiden, was mit ihm zu geschehen hat.«
»Zu geschehen? Ich... verstehe nicht ganz, fürchte ich.«
Aires machte eine zornige Geste. »Er hat seinen Drachen verloren. Findest du nicht, daß wir darüber reden sollten?«
Kara seufzte leise. Natürlich hatte Aires recht – die Drachen waren der wertvollste Besitz des Hortes. Eines der Tiere durch Fahrlässigkeit oder gar Leichtsinn zu verlieren, war das schlimmste nur vorstellbare Verbrechen, dessen sich ein Drachenkämpfer schuldig machen konnte; schlimmer als Mord und unverzeihlicher als Verrat. Und auch sie zweifelte noch immer am Wahrheitsgehalt der Geschichte, die Maran ihnen erzählt hatte. Aber jetzt war einfach nicht der Moment, darüber zu reden.
»Maran hat uns bereits alles erklärt«, sagte Kara. »Er hat vielleicht unbedacht gehandelt, aber das ist auch alles, was man ihm vorwerfen kann. Der Verlust seines Drachen ist schlimm, aber nicht mehr zu ändern. Es war nicht seine Schuld.«
Selbst Maran sah sie überrascht an, während es in Zens Augen fast ebenso zornig aufblitzte wie in Aires.
»Und das ist alles?« fragte Aires. »Damit ist die Sache erledigt, meinst du?« Sie funkelte Maran an, dann wandte sie sich wieder an Kara. »Warum eigentlich nicht? Ich schlage vor, wir geben ihm einen neuen Drachen. Es dauert ja nur ungefähr fünfzig Jahre, ein solches Tier auszubilden!«
»Wir werden über das, was er getan hat, reden«, sagte Kara besänftigend. »Was er getan hat, war so dumm, daß er dafür eine Strafe verdient hat. Aber vergiß nicht, Aires, daß der Verlust seines Drachen allein schon Strafe genug ist.« Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, daß sie schon wieder einen schweren Fehler begangen hatte, und ein einziger Blick in die Runde bestätigte diese Vermutung. Trotzdem hielt sie Aires’ bohrendem Blick gelassen stand. Was hatte Angella einmal zu ihr gesagt? Besser, du machst einen Fehler, als du tust gar nichts.
Sie wechselte abrupt das Thema, indem sie die Zeit bis zu Cords Rückkehr nutzte, Storm und den beiden anderen Kriegern, die gestern abend nicht dabeigewesen waren, noch einmal mit knappen Worten zu schildern, was sie unter dem zweiten Drachenfels im Schlund gefunden hatte. Natürlich hatte Aires ihnen bereits alles erzählt. Trotzdem hörten sie gebannt zu, und auch auf dem Gesicht der Magierin erschien der gleiche, besorgte Ausdruck wie am vergangenen Abend, während sie Karas Geschichte zum zweitenmal lauschte.
Kara hatte den letzten Satz ausgesprochen, als die Tür aufging und Cord und Elder hereinkamen. Sie registrierte mit einer Mischung aus Schrecken und Verärgerung, daß Cord es nicht einmal für nötig befunden hatte, Elder zu fesseln. Sie ließ sich nichts anmerken, nahm sich aber vor, mit ihm darüber zu reden, daß man seine Feinde niemals unterschätzen sollte. Cord war einer der erfahrensten Krieger des Hortes, aber nur Kara wußte, wie gefährlich Elder war.
Hrhon löste sich plötzlich von seinem Platz neben der Tür und trat hinter den Stuhl, auf den Cord Elder bugsierte. Cord nahm ebenfalls Platz, jedoch nicht, ohne dem Waga einen sonderbaren Blick zuzuwerfen. Wie kompliziert Menschen doch waren, dachte Kara, und wieviele Probleme ihnen wohl allen erspart geblieben wären, weil sie es waren.
Für eine Weile trat ein unbehagliches Schweigen ein. Sie alle starrten Elder an, und Elder starrte zurück. Das Gefühl in seinen Augen, als er Kara ansah, erschreckte sie ein wenig. Es war kein Haß, aber ein tiefer Zorn. Kara konnte ihn beinahe verstehen. Sein Gesicht war noch immer angeschwollen, und die Kopfschmerzen, die er in den letzten zwei Tagen gehabt hatte, würde er wahrscheinlich in fünfzig Jahren noch nicht vergessen haben.
Schließlich war es auch Elder, der das Schweigen brach. »Darf ich jetzt reden?« fragte er herausfordernd.
»Dazu bist du hier«, antwortete Kara. Es fiel ihr erstaunlich leicht, Ruhe zu bewahren.
»Ich frage ja nur«, sagte Elder sarkastisch. »Gestern abend hat man mir einen Knebel verpaßt, als ich auch nur nach einem Schluck Wasser verlangt habe.«
»Wie bedauerlich«, erwiderte Kara kalt. »Vielleicht hätte man dir statt dessen lieber die Zunge herausschneiden sollen. Oder sie wenigstens spalten. Das hätte zu dir gepaßt.«
Aires warf ihr einen warnenden Blick zu, überging ihre Bemerkung aber ansonsten. »Ich nehme an, du weißt, was wir von dir wollen, Elder.«
»So? Weiß ich das?«
»Wenn nicht, bist du dümmer, als ich annahm. Und das wäre nicht gut. Ich verachte Dummheit. Ich schätze sie nicht einmal bei meinem Gegner, obwohl sie da manchmal ganz nützlich ist. Aber ich nehme nicht an, daß du dumm bist.«
»Nein«, antwortete Elder. »Und ich bin auch nicht euer Feind.«