Vallon beschloss, sich davonzumachen, während die Badenden mit ihren Besuchern beschäftigt waren. Er fühlte sich wie ein vollkommener Narr, als er zu seinem Pferd hinüberschlich. Er warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Niemand in Sicht. Er schämte sich vor sich selbst für seinen schnellen Herzschlag. Als er gerade den Fuß in den Steigbügel gesetzt hatte, machte ihm ein Ruf klar, dass er gesehen worden war. Ein Mann stand auf dem Kraterrand und deutete zu ihm hinunter.
Vallon lehnte die Stirn an den Hals seines Pferdes. «Verflucht!»
Vier Männer galoppierten um den Krater zu ihm herum. Die Hufe ihrer Pferde schleuderten Erdbrocken in die Höhe. Sie hatten ihre Schwerter gezogen, und Helgi ritt in den Steigbügeln stehend. Vallon hatte sich hinter sein Pferd zurückgezogen und die Hand an den Schwertknauf gelegt. Die Reiter kreisten ihn ein, und er trat von seinem Pferd zurück und breitete die Arme aus.
«Ihr Herren, ich bin hier geritten, ohne die Gegend zu kennen, und so zu dieser einsamen Stelle gekommen. Als ich den Dampf aus dem Krater gesehen habe, bin ich aus Neugierde hinaufgeklettert. Ich konnte nicht wissen, dass Eure Schwester und ihre Begleiterinnen dort ein Bad nehmen. Ich entschuldige mich.»
Er musste sich mit seinem beschränkten Englisch behelfen und hoffte, dass sein zerknirschtes Lächeln und seine Gesten klarmachten, was er meinte.
Helgi sah an den Spuren, dass Vallon den Hang hinaufgeklettert war. «Du bist meiner Schwester nachgeschlichen.»
«Ich habe versehentlich einen kurzen Blick auf sie geworfen, aber das Wasser hat ihre Sittsamkeit geschützt, und ich habe mich sofort zurückgezogen. Ich bin ihr weder mit meinen Blicken noch mit meinen Gedanken zu nahe getreten.»
Helgi sah zu der Stelle hinauf, an der Vallon gelegen hatte, als könnte er dort Beweise für seine Fleischeslust finden. «Lügner.»
Dann drehte er sich nach Caitlin und ihren Begleiterinnen um, die mit gerafften Röcken auf sie zurannten. Als Caitlin Vallon erkannte, starrte sie ihn überrascht an. Doch der Übergang von Überraschung zu Wut dauerte nur einen Augenblick. Rote Flecken brannten auf ihren Wangen, und sie überschüttete Vallon mit einer Flut von Schimpfwörtern. Helgi sagte etwas, das ihren Zorn noch weiter anstachelte. Sie riss ein Messer aus ihrem Gürtel und richtete es auf Vallon.
«Habt Ihr meine Entschuldigung übermittelt?», fragte er.
Statt einer Antwort ritt Helgi nur näher heran und trat Vallon ins Gesicht. Jedenfalls hatte er es vorgehabt. Doch Vallon wich aus, packte Helgi am Knöchel und brachte ihn so aus dem Gleichgewicht, dass er weit mit dem Schwert ausholen musste, um nicht vom Pferd zu fallen. Vallon sprang zurück und zog sein eigenes Schwert. Die anderen Isländer bedrohten ihn zu Pferde.
Helgi sprang aus dem Sattel und reckte den Arm in die Höhe. «Er gehört mir.»
Vallon ging ein paar Schritte rückwärts. «Es war ein Missgeschick. Ich hatte mich verirrt. Wie hätte ich ahnen sollen, dass sie gerade badet?»
Caitlin stürzte sich in eine weitere Hasstirade. Ihre feuchten Haarsträhnen hingen ihr wie zuckende Schlangen vom Kopf. Venus, in eine kreischende Harpyie verwandelt.
Vallon wandte sich zum ersten Mal direkt an sie. «Warum haltet Ihr nicht einfach den Mund?»
Einen Augenblick lang tat sie das auch. Vallon unternahm einen weiteren Versuch, die Sache gütlich beizulegen. «Wenn meine Entschuldigung nicht ausreicht, dann sagt mir, was Ihr als Wiedergutmachung verlangt.»
Helgi verstand ihn nicht oder wollte ihn nicht verstehen. Er fuchtelte mit seinem Schwert herum. «Kämpfe!»
«Seid kein Narr!»
«Kämpfe! Oder kannst du nur mit Holzschwertern herumspielen?»
Vallon sah zu Caitlin hinüber. «Wenn Ihr Euren Bruder liebt, schlage ich vor, dass Ihr einen anderen Weg sucht, um diesen Streit beizulegen.»
Das veranlasste sie nur dazu, Vallon die nächste Sturzflut von Schmähungen entgegenzuschleudern. Er verlor die Geduld.
«Du hochnäsiges Miststück! Wie kommst du eigentlich darauf, ich würde zwei Tage durch die Wildnis reiten, nur damit ich dann vielleicht einen Blick auf eine Frau mit einem Hintern erhaschen kann, der so dick ist wie der von ihrem Pony?»
«Kämpfe!», rief Helgi. Seine Männer nahmen den Ruf auf, skandierten «Kämpfen! Kämpfen!» und schlugen im Takt dazu mit der Faust auf ihre Schilde.
Vallon wusste, dass er Helgi noch dann töten könnte, wenn man ihm eine Hand auf dem Rücken festband. Ob er auch seine Männer würde töten können, war dagegen nicht so sicher, aber das spielte keine Rolle. Er war ein Fremder in diesem Land, in dem Männer über Generationen hinweg Fehden ausgetragen hatten und in dem Bewusstsein in den Tod gingen, dass ihre Verwandten den Kampf fortführen würden. Er musste einen Weg finden, um Caitlin zu beruhigen und Helgis angekratzte Ehre wiederherzustellen.
«Hör mir zu …»
Mit einem Schrei griff Helgi an. Vallon parierte mit Leichtigkeit. Helgis Klinge kreuzte sich klirrend mit seinem Schwert und brach unterhalb des Griffs einfach glatt ab. Helgi stierte den Schwertstummel so bestürzt an, dass Vallon seine ganze Beherrschung aufbringen musste, um ernste Miene zu bewahren. Sumpfeisenstein, von einem Schmied verarbeitet, der mehr von Hufeisen als vom Waffenschmieden verstand. Vallon senkte sein Schwert.
«Du hast gezeigt, dass du zu kämpfen bereit bist. Meine Entschuldigung bleibt bestehen. Lass es gut sein.»
Helgi schaute zu Caitlin hinüber und hielt den Stumpf seines Schwertes in die Höhe. Sie raffte ihre Röcke bis zu den Knien und schrie ihn an. Helgi streifte Vallon mit einem Blick, und als er sah, dass sein Gegner ihn nicht mit einem Überraschungsangriff töten würde, hastete er zu einem seiner Männer hinüber und griff sich dessen Schwert.
Vallon deutete mit seiner Schwertspitze auf Caitlin. «So sei es. Du wirst den Tod deines Bruders auf dem Gewissen haben.»
Dieses Mal griff Helgi nicht an, sondern wich aus und versuchte es mit Finten. Vallon setzte ihm nach, schätzte seine Stärken und Schwächen ab. Helgi war ein kümmerlicher Schwertkämpfer. Trotz seiner Jugend und Flinkheit fuhr er mit der Waffe durch die Luft wie mit einem Dreschflegel und ließ die Richtung jedes Hiebes im Vorhinein erkennen. Vallon spielte mit, wehrte Hieb um Hieb ab, und wartete darauf, dass Helgi müde werden und den Mut verlieren würde. Dann würde er ihn in die Enge treiben, einige nervenzermürbend knappe Fehlhiebe ausführen und anschließend fragen, ob sie damit nun endlich quitt wären.
Das Problem war Caitlin. Jedes Mal, wenn ihr Bruder einen weiteren ziellosen Angriff oder sinnlos wilden Schwerthieb ausführte, forderte sie ihn zu entschlossenerem Einsatz auf. Der Kampf würde bis zum Ende geführt werden, warum ihn also verlängern? Vallon beobachtete Helgis Blickrichtung, sah, wie er das rechte Knie beugte, wusste, von wo der Schwinger kommen würde, wich aus und sprang gleich wieder auf Helgi zu, um ihm das Bein unter dem Körper wegzutreten. Bevor Helgis Begleiter aus den Sätteln sein konnten, hatte Vallon schon seine Schwertspitze an Helgis Kehle gesetzt. Er sah die Isländer an.
«Bleibt, wo ihr seid.» Er beugte sich vor, nahm Helgi das Schwert aus der Hand und warf es zur Seite.
Helgi sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. «Ich habe keine Angst vorm Sterben.»