Vallon trat ihm an den Kopf und wandte sich mit kühlem Blick zu Caitlin um. Sie biss sich auf die Faust wie ein Kind, das ein Monster zum Leben erweckt hat. Vallon begann laut zu sprechen, als würde er sich an eine viel größere Zuhörerschaft richten. «Ich habe diesen Kampf nicht gewollt. Unter den Bedingungen, die dein Bruder aufgestellt hat, muss ich ihn jetzt töten. Nur du kannst ihn retten. Dein Bruder hat mich deinetwegen herausgefordert. Akzeptiere meine Entschuldigung, und er hat keinen Grund mehr, mir das Leben zu nehmen. Oder ich seines. Wir sind quitt, und kein Wort von dem, was hier vor sich gegangen ist, wird je über meine Lippen kommen.»
Caitlins Blick zuckte unruhig hin und her.
Vallon fluchte leise in sich hinein. «Nimm meine Entschuldigung an, oder dein Bruder stirbt.»
Einer von Helgis Männern sagte etwas. Caitlin fuhr sich keuchend mit der Hand an den Hals. Es konnte wohl kaum sein, dass diese Zicke ihren Bruder ihrer vermeintlich gekränkten Ehre opfern würde, oder etwa doch?
Da hatte Vallon eine Idee. «Prinzessin.»
Sie starrte ihn an.
Er fiel auf ein Knie und legte die Rechte über sein Herz. Seine Gesichtsmuskulatur schmerzte beinahe, so sehr musste er sich zu einem ehrerbietigen Ausdruck zwingen. «Meine teure Prinzessin, ich weiß, wie kostbar dein Ruf ist, und ich entschuldige mich für die Verlegenheit, in die ich dich gebracht habe.»
Helgi lag, ein Bein angezogen, auf dem Rücken und sah zu seiner Schwester hinüber. Sie hatte sein Leben in der Hand, und er wollte nicht sterben.
Vallon ließ erneut seine Schwertspitze über Helgis Kehle schweben. «Entweder nimmt sie meine Entschuldigung an, oder du stirbst. Das ist deine letzte Chance.»
Helgis Adamsapfel berührte zitternd das Schwert, als er keuchend einatmete. Caitlin sah Vallon an, als wäre er ein böser Zauberer, der ihren Bruder durch schwarze Magie besiegt hatte. Sie deutete auf ihn, dann auf sich selbst und ließ ihre Hände dann in einer abwehrenden Geste flattern.
«Du befürchtest, ich würde damit herumprahlen, dass ich dich nackt gesehen habe. Das werde ich nicht tun – ich schwöre es. Nimmst du jetzt meine Entschuldigung an? Ja oder nein?»
Ihre Brust hob sich. «Ja.»
Vallon sah Helgis erleichterten Blick. Dann verbeugte er sich knapp, trat zurück und ließ sein Schwert in die Scheide zurückgleiten. In angespannter Stille machte er sich auf den Weg zu seinem Pferd. Helgis Männer stellten sich mit gezogenen Schwertern auf, um ihm den Weg abzuschneiden.
«Tötet ihn!»
Helgi hatte sich hastig aufgerappelt und das Schwert ergriffen, das Vallon ihm zuvor aus der Hand genommen hatte. Seine Männer griffen an. Vallon stürzte sich schäumend vor Zorn auf Helgi.
«Aufhören!»
Die Isländer erstarrten mit erhobenen Schwertern. Caitlin trat näher.
«Senkt die Schwerter. Lasst ihn gehen.»
«Dann wird er sich damit rühmen, wie er mich besiegt hat. Bleib zurück!»
Caitlin packte Helgi am Schwertarm. «Nein! Du musst es verbieten!»
Er schob sie weg. Vallon trat auf ihn zu. «Ein Feigling und Schuft und noch dazu im Kampf ungeschickt wie ein Trampeltier. Glaubst du wirklich, ich würde dich nicht töten, bevor deine Schafsrammler-Freunde etwas dagegen unternehmen könnten?»
Caitlin stürzte auf ihn zu und stieß ihn zurück. «Es reicht.»
Doch Vallon war inzwischen so gereizt, dass seine Wut nur mit Blut zu stillen war. Er ging an Caitlin vorbei und bannte Helgi mit seinem Blick. «Du willst mehr? Das sollst du haben. Du und deine ungewaschenen Männer.» Helgi machte ein paar Schritte rückwärts. Vallon sah zu Helgis Männern hinüber. «Ich nehme es mit euch allen gleichzeitig auf. Worauf wartet ihr?»
Mit einem schrillen Schrei warf sich Caitlin auf ihn. Er packte sie so fest am Arm, dass sie vor Schmerz wimmerte. Dann zog er sie dicht an sich. «Das kommt ein bisschen zu spät, oder?», knurrte er. «Du hättest es verhindern können, bevor es überhaupt angefangen hat.»
Sie wand sich in seinem Griff. «Du tust mir weh.»
Die rasende Kampfeswut versiegte. Er ließ sie los.
«Bitte», sagte sie schluchzend. «Geh einfach.»
«Damit mich dein Bruder durch ganz Island verfolgen kann?»
«Das wird er nicht tun. Ich verspreche es.» Caitlin legte ihre Handfläche auf Vallons Brust. «Bitte.»
Einen Moment lang versenkten sich ihre Blicke ineinander. In Caitlins Augen lag ein Flehen und noch etwas anderes, das Vallon bis ins Mark traf. Sanft schob er ihre Hand weg, drehte sich auf dem Absatz um, ging zwischen den gezückten Schwertern der Isländer hindurch zu seinem Pferd und stieg auf. Er ritt ein kurzes Stück, dann drehte er sich wütend im Sattel um. «Wie ich von Beginn an gesagt habe, hatte ich mich verirrt. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr mir den Weg zeigen würdet.»
Der Ritt zurück war lang, und Vallon sorgte mit mehreren willkürlichen Umwegen dafür, dass er noch länger wurde. Jedes Mal, wenn er auf einen Hügelrücken kam, sah er sich nach Verfolgern um. Denn natürlich war es nicht vorbei. Er hatte Helgi vor Caitlin gedemütigt, und die Erinnerung daran würde so lange am verletzten Stolz ihres Bruders nagen, bis seine Wut überkochte. Vallon verfluchte den Zufall, der ihn in all der Einsamkeit ausgerechnet an diesen See geführt hatte. Doch während er weiterritt, musste er sich eingestehen, dass er den Weg nicht ganz so zufällig eingeschlagen hatte. Garrick hatte ihm erzählt, in welcher Richtung Caitlin wohnte, das musste ihn unbewusst dorthin gesteuert haben. Allerdings war ihm der Grund nicht klar. Er begehrte Caitlin nicht. Wenn sie gewusst hätte, wie kalt ihn Frauen ließen, hätte sie sich dadurch wohl eher in ihrer Eitelkeit als in ihrem Schamgefühl getroffen gefühlt.
Nur schwaches Licht erhellte noch den Himmel, als er nach Ottarshall zurückkam. Das Haus war dunkel, und es schien niemand da zu sein. Vallon blieb im Hof stehen und versuchte, in den tiefen Schatten etwas zu erkennen. Er glaubte dennoch nicht, dass ihn Helgi auf Ottars Besitzungen angreifen würde. Trotz all seines Geredes von Ehre und Familienstolz würde dieser heuchlerische Hitzkopf ihm vermutlich irgendwo auf einer einsamen Straße im Inland auflauern.
Vallon legte die Hände um den Mund. «Garrick!»
Niemand da. Er legte das Schwert quer über den Sattel und beruhigte sein nervöses Pferd. Eine Bewegung ließ ihn herumfahren. Jemand kam über die Weide. Er entspannte sich und stieg ab. Es war nur die alte Frau.
«Wo ist Garrick?»
Anscheinend hatte sich der Engländer Sorgen gemacht, weil Vallon so lange ausgeblieben war, und angefangen, nach ihm zu suchen. Aber über Garrick wollte die Frau jetzt trotzdem nicht sprechen. Vallon schnappte das Wort ‹Orkney› auf.
Er nahm sie an ihrem abgezehrten Arm. «Sprich langsamer.»
Stück für Stück gelang es Vallon, die Neuigkeiten zusammenzusetzen. Ein paar Überlebende des Schiffsuntergangs bei den Westmann-Inseln hatten es nach Reykjavík geschafft. Einer dieser Männer hatte schwer unter Vallon gelitten und war nach Island gekommen, um Vergeltung zu üben. Der Mann hatte in einem Bauernhof an der Küste Unterkunft gefunden.
Vallon schlug sich mit der Hand an die Stirn und stöhnte.
«Snorri!»
Vallon brauchte nicht lange für den Ritt. Er hielt sein Pferd an, schwang sich aus dem Sattel und ging mit langen Schritten auf das Bauernhaus zu. Er trat an die Tür und schlug mit dem Schwert dagegen.
«Aufmachen! Ich weiß, dass ihr da drin seid.»
Mit erhobenem Schwert trat er einen Schritt zurück.
«Wer ist da?»
«Vallon, der Franke aus Ottarshall.»
Ein Fallriegel wurde angehoben, und die Tür schwang knarrend nach innen auf. Vallon sah sich einem Bauern im Nachthemd gegenüber, der eine Axt schwenkte. Hinter dem Mann beäugten ein paar Kinder Vallon wie verängstigte Mäuschen.
«Wo ist er?»
Der Blick des Bauern wanderte zu einem Kuhstall am anderen Ende des Hofes.