Vallon schritt kampfbereit darauf zu. Mit einem Tritt öffnete er die Tür und folgte seiner Klinge in den Stall. Eine Gestalt, die auf einer Bank gelegen hatte, fuhr mit entsetztem Keuchen auf und griff nach dem Schwert, das an der Wand lehnte. Vallon trat die Hand des Mannes zur Seite und setzte ihm seine Schwertspitze an den Hals.
Mit einem Fußtritt beförderte er Drogos Schwert auf die andere Seite des Kuhstalls. «Ich dachte, du wolltest auf Kriegszug gegen die Schotten gehen.»
Drogo richtete sich vorsichtig auf. «Sie wollen nicht kämpfen. Sieht so aus, als wären sie bereit, ein Friedensabkommen zu schließen. König William hat mich von meinen Pflichten entbunden, um dich zu jagen.»
Schweiß glänzte auf seiner Oberlippe. Sein einst wohlgenährtes Gesicht war hager geworden. Er trug abgewetzte Kleidung, und sein Haar war lang gewachsen und hing fettig und ungekämmt herunter.
Vallon zog sein Schwert zurück. «Ich habe keine Verbrechen begangen. Nein!», rief er, als Drogo etwas sagen wollte. «Erzähl mir nichts von den Normannen, die von meiner Hand gestorben sind. Treib einen Wolf in die Enge, und du wirst gebissen. Alles Übel, das passiert ist, hast du mit deinem Hass auf Walter in Gang gesetzt. Darum geht es. Um eine Fehde, die in der Kinderstube ihren Anfang genommen hat.»
«Du willst schuldlos sein?» Drogos Auflachen wurde zu einem gequälten Stöhnen. «Ich weiß genau, wie weit deine Verruchtheit geht. Du bist ein Söldner, der im Dienst der Ungläubigen Christen abgeschlachtet hat. Ein Renegat, der einen Vertrag gebrochen hat, der von seinem eigenen Herrn geschlossen wurde. Und außerdem bist du ein Hahnrei und ein Frauenmörder.»
Am liebsten hätte ihn Vallon augenblicklich getötet. Er schloss die Augen und atmete durch die Nase. «Drogo, du bist nicht den weiten Weg hierhergekommen, um Rache für das zu nehmen, was ich Menschen angetan habe oder auch nicht, die du nicht kennst, in Ländern, in die du noch nie auch nur einen Fuß gesetzt hast.»
«Alles, was ich über dich erfahren habe, bestätigt nur die Richtigkeit meines Vorgehens gegen dich.»
Vallon musterte ihn. Drogo war wirklich sehr heruntergekommen. «Du bist zur Zeit nicht einmal imstande, dich mit einer Katze anzulegen.»
Schritte kamen auf den Kuhstall zu. Der Bauer und zwei andere Männer kamen bis vor die Tür, gingen dort unruhig auf und ab und schwangen unsicher ihre Waffen.
«Geht wieder schlafen», sagte Vallon zu ihnen.
Der Bauer sprach mit Drogo. Der Normanne machte eine hilflose Geste, und die Isländer zogen sich murmelnd und kopfschüttelnd zurück. Vallon angelte sich mit dem Fuß einen Hocker und setzte sich.
«Ich habe von dem Schiffsuntergang gehört. Wo sind deine Männer?»
Drogos Kinn begann zu zittern. Er wandte den Blick ab. «Einer ist ertrunken, und die beiden anderen haben sich die Knochen gebrochen. Sie sind zu verkrüppelt zum Reisen.»
Vallon legte seine Hände über den Knauf seines Schwertes und sah Drogo beinahe verwundert an. «Du bist nicht gerade vom Glück verfolgt, oder?»
«Wenn ich mich erholt habe, werden wir ja sehen, wem das Glück hold ist.»
«Ich sollte dir jetzt sofort den Kopf abschlagen und damit ein für alle Mal dafür sorgen, dass du mir nicht mehr nachstellst. Totschlag steht in Island nicht unter Strafe. Die Leute hier verlassen sich lieber auf ihre Sippen und Gefolgsleute, wenn sie einen Streit zu regeln haben. Du hast hier niemanden. Ich dagegen habe immer noch meine Leute.»
Während Vallon dies sagte, wurde ihm klar, dass Helgi bald von Drogo erfahren würde. Er konnte sich vorstellen, wie die beiden ihren Hass auf ihn gemeinsam noch befeuern würden.
«Wie viele von deiner Gruppe sind noch übrig?», murmelte Drogo.
«Alle, bis auf den Engländer, der in Northumbrien getötet wurde.» Vallon runzelte die Stirn. «Du bist mit dem Schiff von Orkney gekommen. Bist du Snorri begegnet, unserem Schiffsmeister?»
«Ich dachte, er wäre mit euch hier.»
Vallon schnalzte mit der Zunge. «Armer Snorri.» Dann schwieg er eine Weile. Als er wieder zu sprechen begann, schlug er beinahe einen Plauderton an. «Richard und Hero sind in Handelsgeschäften unterwegs. Wayland und Raul sind nach Grönland gesegelt, um Gerfalken zu suchen. Sie sind jetzt zwei Monate weg, und ich mache mir langsam Sorgen.»
«Es überrascht mich, dass mein Schwächlingsbruder überhaupt noch lebt.»
«So ein Schwächling ist er gar nicht. Er ist kräftiger geworden und hat mehr Selbstvertrauen, seit er deiner Tyrannei entkommen ist. Ich habe ihn zum Schatzmeister ernannt, und er hat sich als sehr gewitzt im Umgang mit Geld erwiesen.» Vallon beugte sich vor. «Jeder aus meiner Gruppe steht unter meinem Schutz. Ich betrachte jeden Versuch, einem von ihnen etwas anzutun, als Angriff auf mich selbst.»
Drogo rutschte unruhig herum. «Du wirst dich einem Gottesurteil stellen. Sobald meine Rippen geheilt sind, fordere ich dich zu einem Kampf auf Leben und Tod heraus.»
Vallon stand auf. Ihm war schwindlig vor Hunger, und er hatte noch den Ritt zurück nach Ottarshall vor sich. «Du wirst noch nicht gesund genug zum Kämpfen sein, bevor wir von hier weggehen. Wir segeln, sobald die Shearwater zurück ist.»
«Also hast du immer noch vor, Walter zu befreien.»
«Warum nicht? Den schwierigsten Teil haben wir hinter uns.»
«Was hat dir Lady Margaret als Gegenleistung angeboten?»
«Die Gewinne aus den Handelsgeschäften.»
«Da muss noch etwas gewesen sein.»
Vallon ging zur Tür. «Was immer meine Gründe für diese Reise sind, sie sind ehrenwerter als deine Gründe dafür, mich daran zu hindern.» Am Eingang blieb er noch einmal stehen. «Brauchst du irgendetwas?»
Drogo zuckte zusammen. «Ich krepiere lieber, als von dir Almosen anzunehmen.»
«Wie du wünschst.»
XXVII
Hero und Richard schlossen ihre Handelsmission in Skalholt ab. Dort tauschten sie die übrigen Tontöpfe gegen ein halbes Dutzend Säcke Schwefel und Wollballen ein. An diesem Abend speisten sie mit dem Bischof. Weil es ein Fastentag war, aßen sie fermentierten Hai und gekochte Robbe, die als Fisch zählte. Der Bischof erkundigte sich nach ihren Handelsgeschäften und erklärte ihnen, dass sie viel härter hätten verhandeln können. Kochgefäße waren so knapp, dass sie sogar von wohlhabenden Haushalten nur angemietet wurden und der Bischof vor kurzem einen Kirchenbann über einen Ruchlosen verhängen musste, der es gewagt hatte, im Taufbecken einen Eintopf zu kochen.
Der Bischof hieß Isleifur und war der Sohn Gissurs des Weißen, eines der ersten isländischen Clanführer, die getauft wurden. Isleifur räumte ein, dass die heidnischen Praktiken in entlegenen Regionen nicht vollständig ausgerottet worden waren. Und bei Hungersnöten setzten immer noch Eltern ihre Säuglinge den Elementen aus und brachten Blutopfer. Bildung war der Tau, der helfen würde, die zarten Keime des Christentums zu bewässern, erklärte er Hero. Zu diesem Zweck hatte er eine Schule gegründet, deren Schüler die lateinische Schrift erlernten. Er hegte großes Interesse für Heros Medizinstudium und war von dessen Sprachkenntnissen und seinem literarischen Wissen sehr beeindruckt.
Sie unterhielten sich bis spätnachts, und am nächsten Morgen gab ihnen der Bischof zwei von seinen Männern mit, die ihre Kolonne mit Tragetieren nach Reykjavík begleiteten. Der Weg führte sie durch Heideland, in dem die Farben Rostbraun und Ocker dominierten. Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als sie zwei Reiter auf sich zugaloppieren sahen.
«Das sind Vallon und Garrick», sagte Richard.
«Dann muss das Schiff zurück sein. Besser hätte es nicht passen können.»
Doch Richard hatte bessere Augen als Hero. «Nein. Sie bringen schlechte Nachrichten. Das sehe ich schon von hier aus.»
Bald war Vallon bei ihnen angekommen und zügelte sein Pferd. Er grüßte nicht einmal.