«Ist etwas mit der Shearwater?», fragte Hero.
Vallon schüttelte den Kopf. «Drogo ist hier.»
Hero fiel beinahe vom Pferd. Richard erbleichte.
Vallon begann unkonzentriert zu berichten. «Er war auf diesem Schiff, das im Süden auf die Felsen gelaufen ist. Unmittelbar stellt er kein Gefahr für uns dar. Er hat sich die Rippen gebrochen, und die Überlebenden aus seiner Mannschaft sind immer noch auf den Westmann-Inseln.» Er nickte in Richtung der bewaffneten Eskorte. «Wer sind diese Männer?»
«Bedienstete des Bischofs. Er wollte uns Schutz mit auf dem Weg geben.»
«Warum? Hat euch jemand bedroht?»
Hero und Richard wechselten einen Blick. «Nein, Herr. Wir wurden von allen sehr freundlich behandelt. Stimmt etwas nicht?»
«Ich habe mit dem Sohn eines Clanführers die Klingen gekreuzt.» Vallon sah sich um. «Ich habe mir Sorgen um eure Sicherheit gemacht.»
Danach ritten Hero und Richard jeden Morgen als Erstes auf eine Klippe oberhalb des Hafens und suchten den Atlantik in westlicher Richtung nach Schiffen ab. Doch ein Tag nach dem anderen verstrich, und der Horizont blieb leer. Die Nächte wurden länger und kälter, und morgens lag Raureif. Im Hafen wurden drei Schiffe für die Überfahrt nach Norwegen klargemacht. Eines davon war der Segler, der Caitlin zu ihrer arrangierten Ehe bringen würde. Drogo hatte den Bauernhof verlassen, auf dem er aufgenommen worden war, mehr wusste von ihm niemand. Sein plötzliches Auftauchen aus heiterem Himmel hatte Richards Selbstbewusstsein wieder einbrechen lassen.
Hero versuchte ihn zu beruhigen. «Sobald Helgi von Island abgesegelt ist, kann uns Drogo nichts mehr anhaben. Es dauert nicht mehr lange. Ihre Flotte wartet nur noch auf günstigen Wind.»
«Vallon ist dumm, wenn er glaubt, dass Drogo keine Bedrohung darstellt. Ich verstehe nicht, warum er ihn nicht getötet hat, als er die Gelegenheit dazu hatte.»
«Richard, du sprichst von deinem eigenen Bruder.»
«Denkst du vielleicht, Drogo würde mich verschonen, wenn ich ihm ausgeliefert wäre? Oder dich? Irgendeinen von uns?»
«Dein Bruder war wehrlos.»
«Genau wie Vallons Frau.»
Als sie am nächsten Morgen zu ihrem Aussichtspunkt hinaufstiegen, sahen sie, dass ein viertes Schiff im Hafen ankerte. Der Verband war bereit zum Absegeln. Doch als Hero am folgenden Tag aufwachte, herrschte dichter Nebel, und ein Sturm fegte von Nordost herein. Drei Tage tobte das Unwetter. Als es abflaute, drehte der Wind auf West und hielt den Schiffsverband damit im Hafen fest. Noch einmal zwei Tage später kam ein Junge mit der Nachricht zur Ottarshall geritten, dass es ein Schiff von Grönland in den Hafen geschafft hätte. Alle fuhren in ihre Kleidung und ritten in wildem Galopp zur Küste.
Sie trafen den Schiffsführer beim Entladen seines schwer mitgenommenen Seglers an. Vallon überhäufte ihn mit Fragen und bekam kurz angebundene Antworten. Der Schiffsführer war vor mehr als zwei Wochen bei der Ostsiedlung ausgelaufen. Der Sturm hatte sie weit südwestlich vom Kurs abgebracht. Nein, die Shearwater war noch nicht wieder zurück bei der Siedlung gewesen, als sie abgesegelt waren. Ja, sie hätte seitdem ebenfalls in Richtung Island in See gestochen sein können. Und wenn, dann hätte der Sturm auch sie viele Meilen vom Kurs abgebracht.
«Sie haben einen Steuermann.»
Der Kapitän sah Vallon vollkommen erschöpft an. «Euer Lotse ist tot. Er ist krank geworden, während er in der Siedlung war. Ein Auge ist so angeschwollen, dass man glaubte, es würde jeden Augenblick platzen. Er hat sich hingelegt und innerhalb einer Woche den Geist aufgegeben. Ohne Lotsen werden Eure Männer sogar bei günstigem Wetter Schwierigkeiten haben, dem richtigen Kurs zu folgen. Und wenn sie in diesen Sturm geraten sind, haben sie keine Chance, Island zu erreichen.» Dann raunzte er einen der Hafenarbeiter an. «He. Geh damit gefälligst vorsichtig um.» Zu Vallon sagte er: «Es tut mir leid um Euer Schiff, aber ich habe zu tun.»
Höchst ernüchtert ritten sie zum Frühstücken zurück nach Ottarshall. Vallon wollte nichts essen.
«Welches Datum haben wir?»
Richard führte den Kalender. «Ich schätze, heute haben wir den zweiundzwanzigsten August.»
«Wann ist die Shearwater nach Grönland ausgelaufen?»
«In der letzten Maiwoche.»
«Beinahe drei Monate.» Vallon saugte die Wangen ein und starrte an die Wand. «Wir können nicht länger warten. Bald ist die Segelsaison vorbei. Ihr wisst ja, dass einige Schiffe seit letztem Herbst hier im Hafen festsitzen.»
«Wir können nicht ohne Wayland und Raul von Island weg», sagte Hero.
«Ich habe sie angewiesen, nicht später als in der ersten Augustwoche zurückzukommen.»
«Bestimmt hat der Sturm ihre Abfahrt verzögert.»
«Aber höchstens um eine Woche. Wenn sie Ende des Monats nicht zurück sind, müssen wir davon ausgehen, dass sie in die Irre gefahren oder tot sind.»
«Und was machen wir dann?», fragte Richard.
«Wie viel Geld ist noch übrig?»
«Ungefähr fünfzig Pfund.»
«Mehr als genug, um unsere Überfahrt zu bezahlen. Wir werden uns bald darum kümmern müssen.»
«Das war’s also», sagte Hero. «Unsere Mission ist beendet.»
«Hört zu. Ich bin oft für Könige in den Kampf gezogen, die tot oder abgesetzt worden waren, noch bevor mich in der Ferne meine Befehle erreichten. Ich habe in Schlachten gekämpft, bei denen keine Seite wusste, dass ihre Herrscher am Vormittag einen Friedensvertrag unterzeichnet hatten. Wenn wir nicht einmal imstande sind, den Überblick über die irdischen Vorgänge zu behalten, können wir schon gar nicht erwarten, über Wind und Wetter zu gebieten.»
Vallon hatte sich getäuscht, was ihre Überfahrt nach Norwegen anging. Er war mit Garrick tagelang unterwegs, um sich nach einem passenden Schiff zu erkundigen. Als die beiden zurückkamen, setzte er sich mit so grimmiger Miene an den Tisch, dass keiner ihn anzusprechen wagte.
Schließlich blies er die Wangen auf. «Wir sitzen fest. Niemand will uns mitnehmen. Die einzigen Schiffe, die Richtung Süden fahren, sind die vier Segler im Hafen. Und die müssten schon vor Tagen in See gestochen sein, als der Gegenwind nachgelassen hat.»
Hero griff sich an die Kehle. «Der Wind, der sie behindert, könnte unsere Freunde zurückbringen.»
«Sie haben eine Woche lang Westwinde gehabt. Dieser Schiffsführer hatte recht. Entweder sind sie im Sturm untergegangen, oder sie wurden so weit südlich vom Kurs abgebracht, dass sie den Weg zurück nach Island nicht mehr gefunden haben.»
Hero senkte den Kopf.
Vallon trommelte mit den Fingern auf den Tisch. «Ich habe versucht, ein paar Kojen auf dem norwegischen Schiffsverband zu mieten.»
Heros Kopf schnellte wieder hoch. «Bei Helgi?»
«Nicht bei ihm. Ich habe mit den anderen Schiffsmeistern gesprochen. Aber sie haben sich allesamt mit derselben Entschuldigung herausgeredet. Alle Plätze besetzt. Dahinter steckt Helgi. Er will, dass wir hierbleiben müssen, bis er wiederkommt. Er glaubt, seine Rache wird umso süßer, je länger er sie köcheln lässt.»
Vallon stand auf, lehnte sich an den Türpfosten und sah in das trübselige Regenwetter hinaus. Dann zog er sein Schwert und vollführte einen spielerischen Hieb.
«Eine Möglichkeit bleibt uns noch. Drogo hat mich zum Zweikampf herausgefordert.» Vallon drehte sich zu den anderen um. «Das wollte ich euch noch erzählen: Drogo ist bei Helgi untergekommen.» Er schaute wieder in den Regen hinaus. «Helgi will meinen Tod genauso wie Drogo. Also tue ich allen beiden einen Gefallen. Ich stelle mich ihnen im Kampf – und wenn es sein muss auch beiden gleichzeitig.»
«Ihr habt gesagt, Drogo wäre nicht in der Form zum Kämpfen.»
«Er wird es aber sein, bis wir in Norwegen sind. So lautet meine Herausforderung und meine Bedingung. Wir bekommen eine Überfahrt nach Norwegen, und dort stelle ich mich dem Zweikampf mit Drogo.»