Ihre Blicke bohrten sich ineinander, dann riss Drogo sein Pferd herum, und die Reiter verschwanden in der Dunkelheit. Vallon klatschte in die Hände. «Wir feiern weiter.»
Beim ersten Tageslicht wurden die Leinen des Schiffsverbands losgemacht und die Segler aus dem Hafen gerudert. Eine Meile vom Ufer entfernt begann eine Brise die Segel zu blähen, und der Verband segelte langsam südwärts.
Vallon stieß den Atem aus. «Jetzt haben wir sie endgültig zum letzten Mal gesehen.»
«Drogo wird in Norwegen auf uns warten», sagte Hero.
«Soll er ruhig. Wir halten nur, um die Mönche von Bord zu lassen.»
Hero sah den kleiner werdenden Schiffen nach.
Vallon klopfte ihm auf die Schulter. «Vergiss ihn. Wir haben zu tun.»
Die Vorbereitungen für ihre Reise nahmen drei Tage in Anspruch. Wayland beauftragte ein paar Kinder damit, Vögel für die Falken zu fangen. Weil sie die Pferde mitnehmen wollten, nahmen sie genügend Futter und Wasser an Bord, um zwei Wochen auf See zu überstehen. Sie flickten Segel und Tauwerk und statteten das Ruder mit einer neuen Verzurrung aus Walrosshaut aus.
Es war nach Mitternacht, als Raul Vallon meldete, alles sei erledigt.
Vallon sah zu den Sternenwirbeln hinauf. «Wenn das so ist, geht es sofort los. Hero, hol die Mönche. Raul, bring die Pferde an Bord.»
In der Nachtstunde, in der die meisten Menschen am tiefsten schlafen, schob sich die Shearwater aus dem Hafen. Nur der Hafenmeister war da, um sich zu versichern, dass sie über die Sandbank kamen. Er hielt eine Fackel hoch über den Kopf. «Kommt bald wieder!», rief er.
«Das werden wir», antwortete Hero.
Doch er wusste, dass er, außer in Gedanken und Erinnerungen, niemals mehr nach Island zurückkehren würde. Aber Erinnerungen graben sich tief ein, und sie überwinden jede Entfernung. Er beobachtete, wie das Fackellicht am Ufer immer kleiner wurde, dann hob er seinen Blick mit einer Mischung aus Aufregung und Furcht zur Unendlichkeit des Sternenzeltes.
Das Weiße Meer und Rus
XXVIII
Am nächsten Abend fuhren sie um die Reykjanes-Halbinsel und nahmen Kurs auf Südwest. Nachts peilte Hero den Polarstern an, um ihren Breitengrad festzustellen. Die Morgendämmerung kam mit Nebel, und die Sonne schimmerte durch Dunstschichten wie ein roter Zwergmond. Mittags war es wolkig. Weitere zwei Tage später ließen sie die Westmann-Inseln hinter sich. Ein schwacher Wind kam aus Südwest. Wenn dieser Wind anhielt, würde er sie nördlich an den Färöern vorbeibringen.
In der nächsten ruhigen Morgendämmerung wurde Vallon von einem Ruf geweckt.
«Isländische Schiffe voraus!»
Vallon ging in den Bug und musterte die Flottille, die sich deutlich gegen die aufgehende Sonne abhob.
«Was haltet Ihr davon, Hauptmann?», fragte Raul.
«Ich glaube nicht, dass sie uns auflauern. Vermutlich haben sie Zeit verloren, als sie Drogos Männer aufgenommen haben.»
«Soll ich den Kurs ändern?»
«Nicht nötig. Wir hängen sie auch so früher oder später ab. Und bis dahin können wir ihnen hinterherfahren. Ihre Lotsen kennen die Seewege besser als wir.»
Raul streifte Vallon mit einem Blick. «Mit Verlaub, Hauptmann, aber was habt Ihr getan, um Helgi so gegen Euch aufzubringen?»
«Tja, jetzt kann es ja nichts mehr schaden, wenn ich es erzähle. Ich bin zufällig auf seine Schwester gestoßen, als sie gerade in einer heißen Quelle gebadet hat.»
«Nackt?»
«Sie hatte keinen Faden am Leib.»
Raul pfiff vor sich hin. «Ich habe sie ja noch nicht gesehen. Ist sie wirklich so schön, wie alle sagen?»
Vallon lächelte. «Sie ist schön wie die Venus, aber zu hitzköpfig für meinen Geschmack.»
Sie hielten sich zwei Tage lang hinter dem Schiffsverband und lebten einen unangestrengten Bordalltag. Vallon übte Englisch, ging mit Richard die Rechnungslisten durch und spielte Rukh. Hero überprüfte regelmäßig ihre Position und führte gestelzte Gespräche mit den Mönchen. Wayland und Syth fütterten die Falken und tauschten jeden Morgen das verschmutzte Moos unter ihren Sitzstangen aus. Garrick versorgte die Pferde im Laderaum. In der langen Phasen der Untätigkeit hörten sich die Übrigen Rauls und Waylands Berichte von Grönland an.
«Oh, ich wünschte, ich wäre dabei gewesen», sagte Richard immer wieder.
Sie sahen nichts von den Färöern und hörten am fünften Tag auf, nach den Inseln Ausschau zu halten. Feine Zirruswolken kündigten eine Wetterfront an, die von Süden heraufzog. Um die Mittagszeit des sechsten Tages verschwand der Horizont hinter einem schwarzen Wolkenvorhang mit ausgefranstem, trübgrauem Saum. Raul und Garrick drehten das Beiboot um und sicherten es mit Tauen auf der nach achtern gelegenen Ruderbank. Wayland und Syth trugen die Falken hinunter auf das Achter-Halbdeck. Auch die Mönche zogen sich in den Laderaum zurück. Vallon und Raul blieben an Deck.
Der Himmel verdüsterte sich. Erste Regentropfen fielen klatschend aufs Deck, und das Schiff neigte sich in den Böen. Dann zogen schiefergraue Regenschwaden zischend übers Meer heran und hüllten sie ein. Vallon rannte zum Beiboot und kauerte sich darunter. Es goss in Strömen. Der Regen hämmerte auf den Schiffsrumpf und verwandelte das Deck in eine blubbernde Fläche. Vallon behielt Raul im Blick, der am Ruder stand wie ein zotteliger Neptun. Bald begann er zu frieren, und seine Gelenke wurden steif. Schließlich ging er zum Ruder hinüber.
«Ich übernehme.»
Die Shearwater schob sich mit schwerfälliger Grazie über die Wellenkämme. Gischt spritzte über den Bug. Der Regen hielt unvermindert an, und Vallon wurde bis auf die Haut durchnässt. Die vier Schichten dicker Wollsachen wärmten ihn nicht, aber sie sorgten für genügend Dämmung, um seine Körpertemperatur gerade eben auf erträglichem Niveau zu halten. Als es Abend wurde, löste ihn Wayland ab, und er kroch erneut unter das Beiboot, um sich auszuruhen. Er schlief ein, und als er wieder aufwachte, herrschte pechschwarze Finsternis. Das schlechte Wetter hatte sich schon beinahe zu einem Sturm gesteigert. Knallend peitschte der Regen auf das Segel. Vallon kroch unter dem Boot hervor und hielt sich bei jedem Schritt irgendwo fest, während er zum Steuerruder ging, an dem noch immer Wayland stand.
«Ist mit dem Schiff alles in Ordnung?»
«Wir haben bei unserer Rückfahrt Schlimmeres überstanden.»
Da trommelte der nächste, heftige Regenguss aufs Segel. Bittere Galle stieg aus Vallons Magen auf. Er kauerte sich auf eine Ruderbank, blinzelte in die klatschnasse Dunkelheit und schniefte, während ihm der Regen übers Gesicht lief. Schließlich konnte er seinen Magen nicht mehr beherrschen. Er stand schwankend auf und erbrach sich über die Reling. Dann sank er bis zum nächsten Übelkeitsanfall wieder auf die Ruderbank, und so ging es die ganze Nacht.
Im Morgengrauen übergab er sich ein letztes Mal und starrte apathisch in den trüben Himmel. Der Regen hatte sich zu einem schnell dahinziehenden Nieseln abgeschwächt. Der Schiffsverband war nirgends zu sehen. Raul stand wieder am Ruder. Vallon rief ihm übers Deck zu: «Sind wir auf dem richtigen Kurs?»
«Nein. Sind nordöstlich abgetrieben worden.»
Vallon blickte über die Wogen. Eine Kursänderung würde dazu führen, dass die Brecher breitseits auf den Rumpf trafen. Und auch wenn sie dabei nicht vollliefen, würde das Schiff schwer mitgenommen werden. «Das Wetter wird nicht ewig so bleiben. Fahren wir erst einmal einfach weiter.»
Zwei Tage später hielt der Wind immer noch an, und Vallon begann zu fürchten, dass sie bald auf Küstenfelsen stoßen würden. «Norwegen kann nicht mehr weit sein», sagte er zu Raul. «Sorg für eine Bugwache.»
Gegen Abend flaute der Wind ab, und im Westen tauchte kurz die Sonne auf. Später waren durch eine Wolkenlücke hindurch die blinkenden Sterne im All zu sehen. Irgendwo hing ein Geistermond. Es war spürbar kälter geworden.