Als Vallon die nächste Wache antrat, nahm der Wellengang etwas ab, und der Himmel im Norden war klar. Er suchte den Polarstern und fand ihn beinahe über dem Schiff. «Hero.»
Hero spähte unter dem Beiboot heraus.
«Stell unsere Position fest, wenn du es schaffst.»
Hero versuchte ein Dutzend Mal, eine Peilung zu machen. «Das klappt nicht. Das Schiff stampft zu sehr.»
«Und was schätzt du?»
Hero musterte den Polarstern. Dann betrachtete er den Horizont. «Wir sind viel weiter nördlich, als wir sein sollten.»
«Wie weit?»
«Ich weiß nicht. Fünfhundert Meilen. Vielleicht auch mehr.»
«Das ist unmöglich.»
«Ja, Herr. Ich versuche es noch einmal, wenn sich das Meer beruhigt hat.»
Hero legte sich wieder schlafen. Vallon schaute zum Polaris hinauf. Der Stern stand viel höher als in der Nacht, in der sie von Island aufgebrochen waren. Wie eine endlose Tierherde mit weißen Mähnen rollten die Brecher nordwärts. Die Shearwater war länger als drei Tage vor dem Wind gefahren. Sie konnten tatsächlich leicht fünfhundert Meilen zurückgelegt haben. Vallon starrte über die Wellenkämme. Wo also war Norwegen?
Die Nacht verging, und im Osten breitete sich eine schwache Helligkeit aus. Die Dünung wurde schwächer, und nur noch ab und zu trugen die Wellen eine weiße Schaumkrone. Vallon musterte seine geschwollenen Finger. Er betastete seine aufgerissenen Mundwinkel und massierte sich die tränenden Augen. Die anderen tauchten mit fleckigen, abgezehrten Gesichtern auf, die Kleidung voller Schimmelflecken, nach Nassfäule stinkend. Raul sah aus wie der Bewohner eines Pesthauses – der Mund schwärzlich verschorft, die Augen blutgeädert, eine abscheuliche Eiterbeule auf der Stirn. Sogar Syth erinnerte an eine Vogelscheuche. Zuletzt kamen die Mönche an Deck, Kinn und Habit mit Erbrochenem verschmiert.
Alle gingen leicht schwankend an Deck herum. Raul stand im Bug und kaute an einem Trockenfisch, auf den er etwas Butter gestrichen hatte. Mit einem Mal bekam er einen Hustenanfall. Vallon klopfte ihm auf den Rücken, und Raul spuckte ein Stück zerkauten Kabeljau aus.
«Schiff», keuchte er und deutete südwärts.
Die anderen kamen hastig herüber. «Das ist Helgis Segler», sagte Wayland.
Vallon bohrte sich den Zeigefinger ins Ohr, als habe er nicht richtig verstanden. «Bist du sicher?»
Gleichmütig sagte Wayland: «Ich erkenne den Flicken auf dem Segel wieder.»
«Meinst du, sie haben uns gesehen?», fragte Hero.
«Bestimmt.»
«Er fährt weiter», sagte Raul.
«Dann folge ihm.»
Der Tag klarte auf, grelle Sonnenstrahlen blitzten zwischen Wolkenlücken hindurch. Kreischende Möwen begleiteten das Schiff, und Vallon entdeckte Treibholz im Wasser. Im Süden lag unveränderlich eine blasse Wolkenbank.
«Das muss Norwegen sein.»
Raul spähte mit entzündeten Augen zur Sonne hinauf. «Das ist die falsche Richtung. Norwegen müsste östlich von uns liegen.»
Vallon musterte noch einmal genau den Sonnenstand und schaute wieder zu dem Land hinüber. «Hero, bring deinen Zauberfisch.»
Hero stellte den Kompass auf die Ruderbank, und alle beobachteten, wie sich die Nadel drehte und schließlich beruhigte. Es war unbestreitbar: Die Küstenlinie lag genau südlich von ihnen. Niemand sagte ein Wort. Davon abgesehen, dass sie erschöpft und hungrig waren, hatte keiner die leiseste Ahnung, wo sie sich befanden.
Mittags servierte Syth alte Brotstücke mit einem Pelz aus grünschwarzem Schimmel. Vallon kratzte den Schimmel ab und versuchte hineinzubeißen. Seine Zähne verursachten nicht einmal einen Abdruck. Er warf das Brot den Möwen zu und ließ sich auf eine Ruderbank sinken. Wackelige Kometenschweife und Asteroide schienen durch sein Gesichtsfeld zu ziehen.
«Hauptmann?»
Garricks Gesicht schob sich vor Vallons Blick. «Tut mir leid, Euch zu stören. Wir haben noch zwei weitere Schiffe aus dem Verband entdeckt.»
Vallon massierte sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken und kam auf die Beine. Garrick nahm ihn am Ellbogen, doch Vallon machte sich unwillig los. «Ich bin kein Krüppel.»
Angestrengt sah er zu den Schiffen hinüber. Sie waren etwa eine Leuge entfernt und trieben mit heruntergelassenen Segeln nebeneinanderher. Helgi hatte Kurs auf sie gesetzt.
«Was haltet Ihr davon?», sagte Raul.
«Fahren wir noch ein bisschen näher heran.»
Schließlich waren sie nur noch eine halbe Meile von den Schiffen entfernt. Helgis Schiff fuhr weiterhin auf sie zu.
«Sieht so aus, als hätte das eine Schiff sein Ruder verloren», sagte Raul.
«Bring uns bis in Rufnähe.»
Raul manövrierte die Shearwater auf Hörweite des Verbandes. Wayland und Garrick ließen die Rah mit dem Segel herunter. Die Shearwater schaukelte auf der Dünung. Vallon entdeckte Caitlin, die zerzaust und kein bisschen wie eine Prinzessin aussah. Und dort stand Drogo, entschieden grün um die Nase, und er hatte einen weiteren, vertraut wirkenden Normannen neben sich.
«Ich habe seinen Namen vergessen», sagte Vallon.
Raul sah ihn seltsam an. «Fulk, Hauptmann. Ihr habt ihm an dem Abend, an dem Ihr zur Burg gekommen seid, das Handgelenk gebrochen.»
«Ja, das habe ich. Stell fest, wo wir sind.»
Raul deutete auf die Küste in der Ferne. «Welches Land ist das?»
Jemand rief eine Antwort, die Raul einen Pfiff entlockte. «Wir sind mehr als einen Segeltag östlich des Nordkaps. Der Sturm hat uns um die gesamte Nordspitze Norwegens herumgetrieben.»
Helgi war mit ein paar von seinen Männern zu dem beschädigten Schiff hinübergerudert und sprach mit dem Schiffsführer. Raul redete weiter mit dem anderen isländischen Kapitän.
«Sie haben keinen Ersatz für das Steuerruder», berichtete er. «Sie werden das Schiff im Schlepptau in einen Hafen ziehen.»
Vallon schaute zu der Küstenlinie hinüber. «Hat das Land einen Namen?»
«Der Kapitän hat es Bjarmaland genannt. Dort gibt es nichts außer wilden Menschen und Tieren. Ich habe schon davon gehört. Es liegt nördlich von Rus.»
Vallon musterte das Meer hinter ihnen. «Das wird ein langer Weg, wenn sie das Schiff bis in die Ostsee schleppen wollen.»
Raul zupfte an seinem Bart. Eines seiner Augen war kugelig angeschwollen wie der Körper eines Kraken. «Wir müssen an Land. Das Wasser wird knapp, und Wayland hat beinahe kein Futter mehr für die Falken.»
«Was weißt du über den Verlauf der norwegischen Küste?»
«Der ist ziemlich schwierig. Wir müssen eine Fahrrinne zwischen einer Kette Schäreninseln und dem Festland passieren, dort gibt es überall Rückströmungen und Strudel. An einer Stelle stürzt das Meer in eine riesige Höllengrube und reißt die Schiffe mit sich ins Verderben. Das nennen sie den Mahlstrom.»
«Vielleicht können wir ja einen von den Isländern dazu bringen, uns durch die Fahrrinne zu lotsen.»
«Noch ein Schiff!», rief Syth.
Der Nachzügler befand sich mehr als eine Leuge südlich, gerade konnte man sein Segel über den Horizont ragen sehen. Sie beobachteten das Schiff, als es näher kam.
«Es ist ebenfalls beschädigt», sagte Raul. «Es treibt quer. Und es liegt sehr tief im Wasser.»
Wayland hielt sich an einer Want fest und stieg auf die Reling. Er zog sich so hoch wie möglich hinauf, beschirmte mit der Hand die Augen und spähte zu dem Schiff hinüber.
Vallon sah ihn die Stirn runzeln. «Stimmt etwas nicht?»
«Das ist kein isländisches Schiff.»
«Was denn sonst?»
Wayland sah zu ihnen hinunter. «Es ist eine Drakkar. Ein Drachenschiff.»
Raul schlug sich auf den Oberschenkel. «Warum habe ich das nicht selbst bemerkt?» Er begegnete Vallons ratlosem Blick. «Ein Langschiff der Wikinger, Hauptmann. Ein Kriegsschiff. Deshalb liegt es so tief im Wasser. Es ist besonders lang und schmal gebaut, damit es umso schneller sein kann. Mit seiner Steuerung ist alles in Ordnung. Sie versuchen auf unsere Leeseite zu kommen, bevor sie angreifen.»