Keines der isländischen Schiffe hatte die Gefahr erkannt. Helgi und der Kapitän des beschädigten Schiffes hatten zu streiten begonnen. Helgis Schiff besaß ein Ersatzruder, und Helgi war nicht bereit, es herzugeben.
«Du solltest sie warnen», sagte Vallon.
Rauls Botschaft sorgte einen Moment lang für vollkommene Erstarrung, dann flitzten die Isländer herum wie aufgescheuchte Ratten. Eine Frau warf den Kopf zurück und stieß einen verzweifelten Schrei aus.
Das Langschiff war inzwischen so nah, dass Vallon den geschnitzten Drachenkopf auf seinem Vordersteven erkennen konnte. Gestalten schwärmten an Deck herum, und das Schiff starrte vor Waffen.
«Haben sich an die Riemen gesetzt», sagte Raul. «Müssen wissen, dass wir sie erkannt haben.»
«Wie viele Männer haben sie wohl an Bord?»
«Mindestens dreißig. Das sind entweder Piraten oder Sklavenhändler, und ich sage, wir warten besser nicht ab, um herauszufinden, was von beidem zutrifft.»
«Du hast gesagt, sie sind schneller als wir.»
«Schneller unter Beseglung und schneller, wenn sie rudern. Je früher wir uns davonmachen, desto besser stehen unsere Chancen.»
Vallon biss sich auf die Unterlippe. «Bring uns längsseits.»
«Hauptmann, ich kenne Langschiffe und die Männer, die darauf segeln.»
«Ich sage es kein zweites Mal.»
Raul presste die Lippen zusammen. Dann ging er los und gab Befehle aus. Helgis Schiff schaukelte dicht neben dem steuerlosen Segler. Die Mannschaft und die Passagiere verließen das beschädigte Schiff. Männer schafften das zusammengerollte Segel auf Helgis Schiff und schnitten die Takelage ab. Andere warfen Warenballen und anderes Ladegut hinüber. Helgi überwachte den Passagiertransfer. Als Raul zu ihm hinüberrief, reagierte er nur mit einer so wegwerfenden Geste, dass Vallon wütend wurde.
«Frag ihn, was er vorhat.»
Raul brüllte über die Lücke zwischen den Schiffen hinweg. Zwei Männer auf verschiedenen Schiffen riefen etwas und deuteten dabei auf das Langschiff.
«Sie sehen zu, dass sie hier wegkommen.»
Vallon beobachtete den glitzernden Rhythmus, mit dem die Ruderblätter des Langschiffs ins Wasser tauchten. «Die Wikinger werden sich nicht mit einem leeren Schiff zufriedengeben. Erklär ihnen, dass wir sie abwehren können, wenn wir zusammenhalten.»
Raul trompetete den Vorschlag hinüber und lauschte auf die Antwort. Dann trat er einen Schritt zurück, schniefte und spuckte aus. «Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, er wird das Gegenteil tun. Wir müssen hier weg.»
Vallon sah ein rostiges Kettenhemd im Licht aufschimmern. «Drogo!»
Der Normanne drehte sich um und starrte über die Wellen zu ihm herüber.
«Gemeinsam können wir genügend Kämpfer aufbringen, um sie abzuwehren. Du weißt, wie tödlich Wayland und Raul mit ihren Bögen sind. Wir töten ein halbes Dutzend Wikinger, bevor sie entern können. Erklär das Helgi.»
Der Isländer half einem älteren Paar vom Schiff. Hände wurden ihnen entgegengestreckt, um sie an Bord des anderen Schiffs zu holen. Sie waren die letzten Passagiere. Dann sprang auch Helgi auf sein eigenes Schiff, zog sein Schwert, und hieb das Tau zu dem nutzlosen Segler durch. Seine Mannschaft zog das Segel hoch, und das Schiff begann sich zu entfernen.
Vallon spuckte aus vor Verachtung. «Legt sich mit Leuten an, die er nicht kennt, aber wenn es um Piraten geht, die vor seinen Augen einer nach dem anderen seine Schwester vergewaltigen werden, bevor sie ihm das Herz aus dem Leib schneiden, dann versucht er einfach davonzulaufen.» Vallon wischte sich über den Mund. «Gut. Fahren wir los.»
Die beiden isländischen Schiffe fuhren hart am Wind nordostwärts, vor ihnen segelte Helgi.
«Warum segeln sie nicht mit dem Wind?», fragte Vallon.
«Das ist schon sinnvoll», sagte Raul. «Langschiffe haben wenig Tiefgang, damit sie Flüsse hinauffahren können. Ihr Kiel liegt nicht so tief wie unserer, deshalb haben sie eine höhere Abdrift, wenn sie quer zum Wind segeln. Das ist unser einziger Vorteil.»
Vallon sah hinter sich die aufgegebene Knarr auf den Wellen schaukeln. Als das Langschiff fast bei ihr angekommen war, wurden sämtliche Ruder in die Vertikale gehoben, dann senkten sie sich und verschwanden. Das Langschiff glitt neben seine Beute.
«Wie viele Ruderer haben sie?», fragte Vallon Wayland.
«Sechzehn auf jeder Seite.»
Die Wikinger schwärmten über die Knarr. Vallon hatte keinen Gedanken an die Zeit verschwendet, und er war überrascht, als ihm klar wurde, wie weit der Tag schon fortgeschritten war. Sie ließen das Langschiff und sein Opfer weiter hinter sich. Die Dämmerung begann über den Himmel zu kriechen, als sich die beiden Umrisse wieder trennten.
«Sie verfolgen uns», sagte Raul.
«Sie werden uns nicht einholen, bevor es dunkel ist.»
Raul schaute zur Windfahne hinüber. «Der Wind dreht auf Nord. Die Wikinger wissen, dass wir zur Küste wollen. Sie werden versuchen, uns den Weg abzuschneiden und uns abzupassen.»
«Irgendwelche Vorschläge?»
«Warten, bis es dunkel ist, die Wikinger vorbeifahren lassen, und uns dann auf Luv halten. Bis morgen früh können sie leicht zwanzig Meilen in Windrichtung von uns entfernt sein. Zu weit für sie, um wieder zurückzurudern. So hätten wir genügend Bewegungsfreiheit, um uns einen sicheren Ankerplatz zu suchen.»
«Sie denken sich vielleicht, dass wir auf diese Idee kommen.»
«Vielleicht.»
«Der Himmel klart auf, und wir haben zunehmenden Mond. Und wir wollen nicht, dass uns die Wikinger entdecken. Also Kurs halten.»
«Aye, Hauptmann.»
Vallon gähnte so heftig, dass er sich beinahe den Kiefer ausgerenkt hätte. «Weck mich auf, falls …» Er beendete den Satz mit einem erschöpften Winken.
Dann trottete er zu seinem Schlaflager, legte sich hin und tastete nach seinem Schwert. Seine Lider flatterten, und dann war er eingeschlafen.
Im Aufwachen schlug er eine Hand weg. Jemand rüttelte an seiner Schulter. Er setzte sich auf und streckte die Arme über den Kopf.
«Mitternacht ist vorbei», sagte Wayland. «Raul hat gesagt, Ihr wollt geweckt werden, wenn es eine Veränderung gibt.»
Vallon blinzelte. Alles hatte sich verändert. Der Falke auf Waylands Faust schien ein weißes Licht auszustrahlen. Der Hund saß neben seinem Herrn. Die Augen des Tieres schimmerten fahl, und sein pelziger Umriss war in die tiefsten Schatten an Deck getaucht. Vallon stand auf. Ein Vollmond mit einem Lichthof warf milchige Helligkeit über den Ozean. Kleine Wolken trieben wie Rauchschwaden niedrig über den Horizont und wurden heller, wenn sie durch die Mondstrahlen zogen. Das Meer schien sich in eine riesige Fläche aus zerknittertem Silber verwandelt zu haben. Auf Backbord schimmerte ein Segel.
«Helgis Schiff», sagte Wayland.
Vallon entdeckte ein weiteres Segel weit hinter dem glitzernden Kielwasser der Shearwater.
«Das ist das andere isländische Schiff.»
Vallon musterte das Meer in allen vier Himmelsrichtungen. «Und die Wikinger?»
«Nicht zu sehen.»
Ein Meteoritenschwarm glitt über den Himmel und verschwand nach und nach in den Tiefen des Alls. Das Falkenweibchen drehte den Kopf und begann sich zu putzen. Sie richtete sich auf und fuhr mit dem Schnabel an ihren Schwungfedern hinunter. Vallon strich dem Vogel über die Brust.
«Wie schnell du ihn gezähmt hast.»
«Das liegt nicht an mir. Er ist von Natur aus gutartig.»
«Und wie geht es den anderen Falken?»
«Bis jetzt sind sie recht gesund. Sie leiden nicht unter Seekrankheit wie die Menschen. Meine Hauptsorge ist, dass mir das Futter ausgehen könnte.»
«Wir gehen an Land, sobald wir die Wikinger abgeschüttelt haben.»