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Das Langschiff war bis auf eine Meile herangekommen. Die Wikinger hatten sich nicht die Mühe gemacht, das Segel herunterzuholen, und in der stehenden Luft wurde es gegen die Fahrtrichtung an den Mast gedrückt. Das Schiff hatte kein Deck. Die Männer legten sich paarweise auf den Ruderbänken sitzend in die Riemen und hatten sich ihre runden Schilde über den Rücken gehängt. Die überlebenden Gefangenen von der Knarr waren im Heck zusammengetrieben worden.

«Wie lautet der Plan?», fragte Raul.

«Kämpfen. Was sonst?»

«Bis zum letzten Mann?»

Vallon musterte seine Leute. Wayland hatte die Bogensehne gespannt und seinem Hund das Stachelhalsband sowie eine Rüstung aus Walrosshaut angelegt. Garrick, Hero und Richard hatten sich mit Schwertern bewaffnet. Das waren seine gesamten Verteidigungskräfte. Kurz blieb Vallons Blick an Syth hängen.

«Bei dir klingt es, als hätten wir eine Wahl.»

«Sie halten uns für ein Handelsschiff. Wenn wir ihnen bei ihrem ersten Angriff ein paar Verluste beibringen können, machen sie vielleicht ein Verhandlungsangebot.»

«Zum Beispiel?»

«Ihnen unsere Waren auszuliefern.»

«Könnte das auch Syth einschließen?»

Raul spielte mit seiner Armbrust herum und grinste schief. «Na gut, irgendwann ist für uns alle der letzte Tag gekommen.»

«Aber wir nehmen so viele wie möglich von ihnen mit auf die Reise», sagte Vallon. Er winkte Wayland zu sich.

«Schieß so genau und schnell du kannst. Jeder Pfeil zählt.»

Wayland nickte angespannt. «Ganz egal, wie viele wir erwischen, irgendwann werden sie uns doch entern.»

«Wenn das passiert, tu mit Syth, was du tun musst, und stelle dich dann tapfer dem Ende. Wenn du vorher getötet wirst, sorge ich dafür, dass dein Tod euch nicht scheidet.»

Darauf widmete Vallon seine Aufmerksamkeit wieder dem Langschiff. Es hatte immer noch eine halbe Meile zurückzulegen, aber es war so windstill, dass er das Zischen hörte, mit dem sie die Riemen durchs Wasser zogen. Er blinzelte zur Sonne hinauf. Die Wolken hatten sich zu einer unheilverkündenden Nebelbank verdichtet.

«Lasst das Segel ein Stück herunter.»

Alle schauten das Tuch an, das schlaff von der Rah herunterhing. Keiner rührte sich.

«Raul, Garrick, hängt das Segel niedriger. Du auch, Wayland. Beeilung!»

Sie hasteten los. Vallon beobachtete das Langschiff. Die Wikinger hatten, nachdem sie die Prisenmannschaft auf der Knarr gelassen hatten, noch ungefähr zwei Dutzend Männer. Im Bug des Langschiffs stand ein blonder Hüne mit einem Kettenwams und schlug rhythmisch mit dem Stiel seiner Kampfaxt an den geschnitzten Drachenkopf auf dem Vordersteven.

«Den dort tötest du zuerst», sagte Vallon.

Raul spuckte aus. «Der wird nicht schwer zu treffen sein.»

Das Langschiff war nur noch eine Achtelmeile entfernt, als das Tageslicht versiegte. Die See verdunkelte sich, als hätte ein Geschöpf, das zu groß war, als dass man es sehen konnte, seinen Schatten über die Welt geworfen. Von dem Wikingerschiff drang der herausfordernden Klang eines Kriegshorns. Dann fuhr weniger als eine Meile entfernt ein Blitz senkrecht ins Meer und wurde von krachendem Donner gefolgt.

In einem oft eingeübten Manöver zog jeder zweite Wikinger seinen Riemen ins Schiff und stellte sich an der Reling auf. Einige hatten Bögen. Die anderen schwenkten Schwerter, Äxte und Speere. Zwei von ihnen ließen Enterhaken kreisen. Und alle trugen runde Holzschilde, deren Viertelsegmente rot und weiß bemalt waren.

Raul kniete sich neben Vallon und machte seine Armbrust bereit. Wayland stellte sich hinter ihm auf.

«Schießt nur, wenn ihr sicher treffen könnt.»

Mit Bewegungen, die in ihrer Bedächtigkeit beinahe rituell wirkten, setzte der riesenhafte Krieger im Bug einen kegelförmigen Helm auf, dessen Visier mit den schlitzförmigen Sichtöffnungen den Mann sofort in eine furchterregende Erscheinung verwandelte. Dann nahm er einen Schild in denselben Farben wie die der übrigen Mannschaft. Nur zwei der Wikinger trugen Kettenrüstungen.

Das Wasser zischte um den Bug des Langschiffs. Der Vordersteven mit dem Drachenkopf hob sich höher über die Wellen.

«Sie greifen auf steuerbord an», sagte Vallon.

Wayland senkte den Bogen. «Da. Draußen auf See. Da passiert irgendetwas.»

Zuerst konnte sich Vallon keinen Reim darauf machen. Der Horizont schien auszufasern, sich wie der Rand eines Büttenpapiers zu heben. Er hatte einmal gesehen, wie eine Schule jagender Wale das Meer zum Kochen gebracht hatte, und einen Moment lang dachte er, es seien solche Giganten, die dort einen Fischschwarm an die Oberfläche trieben.

«Gütiger Gott!»

Es war eine Welle – eine kochende Wasserwand, die auf das Langschiff zurollte. Einer der Wikinger stieß einen Warnruf aus, doch ihnen blieb keine Zeit zu reagieren. Die Welle traf gischtspritzend auf das Langschiff und wälzte sich weiter auf die Shearwater zu.

«Festhalten!», schrie Vallon und klammerte sich an den Vordersteven.

Der Brecher traf die Shearwater achteraus und riss sie mit solcher Gewalt herum, dass Vallon vom Steven weggeschleudert wurde. Er taumelte rückwärts, das Deck stellte sich unter seinen Füßen beinahe senkrecht, und dann trat er ins Leere, bevor er stürzte und irgendwo mit dem Kopf aufschlug. Hilflos rollte er herum, wurde gegen etwas Hartes geworfen und blieb keuchend und benommen liegen. Als er versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, gelang es ihm nicht. Er lag kopfunter am Dollbord, das Wasser rauschte auf gleicher Höhe wie seine Ohren, und das Deck stieg beinahe senkrecht über ihm an. Die See hatte sie fast vollständig auf die Seite gelegt, und im nächsten Augenblick würden sie kentern. Erneut versuchte er sich aufzurichten, kämpfte wie jemand, der sich aus einem Zuber befreien will. Es gelang ihm, den Fuß auf das Dollbord zu setzen, und er stützte sich mit den Händen am Deck ab, um das Gleichgewicht zu halten. Über ihm heulte der Wind. Er bekam eine wild herumschlagende Want zu fassen und sah sich um. Wayland und Syth krümmten sich um eine Ruderbank. Hero und Richard hingen am Rahbalken. Beim Ruder erkannte er eine weitere Menschengestalt.

Der Wind legte sich so plötzlich, wie er aufgekommen war. Die kochende See beruhigte sich. Mit einem langen Seufzer und einem lauten Klatschen schwang die Shearwater zurück und fand schaukelnd in eine Schlagseite. Die Waren und der Ballast hatten sich verschoben. Vallon tastete nach der Beule an seinem Hinterkopf. Dann hielt er nach dem Langschiff Ausschau.

Es schwankte an Backbord auf den Wellen, kaum ein Fuß Freibord war noch über Wasser. Sein Mast stand gefährlich schief, und das Segel hing lose an der Rah, von oben bis unten zerrissen. Mehrere Besatzungsmitglieder waren über Bord gegangen, und zu ihrer Rettung wurde ein Beiboot ausgesetzt.

Vallon eilte zum Heck. Im Laderaum wieherte ein Pferd.

«Sind alle in Sicherheit?»

«Wir haben Vater Saxo verloren», keuchte Raul. «Keiner hat mitbekommen, wie er verschwunden ist.»

Vater Hilbert rannte von einer Reling zur anderen und rief nach seinem Gefährten.

Vallon suchte das Meer ab. Die Sturmwoge rollte auf Helgis Schiff zu.

Raul zielte mit seiner Armbrust auf das Langschiff. «Das wird wie Fische in einem Fass zu fangen.»

Vallon schlug ihm auf den Arm. «Das ist jetzt unwichtig. Wir müssen das Schiff reparieren. Du und Wayland, ihr setzt die Takelung instand. Garrick, kümmere dich um die Pferde. Alle Übrigen helfen, damit wir möglichst schnell wieder auf ebenem Kiel liegen.» Er warf einen prüfenden Blick zu dem Langschiff hinüber. Die meisten der Wikinger waren mit Kübeln oder anderen Gefäßen dabei, den Kielraum auszuschöpfen. «Ich sehe die andere Knarr nicht mehr.»

Raul stellte sich neben ihn und schaute übers Meer. «Muss untergegangen sein.»