Die Seitenplanken der Schiffe rieben aneinander, und es wurden Seile durch die Ruderpforten geführt, um die Knarr und die Shearwater miteinander zu vertäuen. Dann kletterten die Passagiere auf die Shearwater herüber. Die Wikinger hatten immer noch nicht angefangen zu rudern. Sie schonten ihre Kräfte vor dem Angriff.
«He! Bist du taub?», brüllte Raul einem Mann entgegen, der unter zwei Ballen Wolltuch aufs Dollbord schwankte. «Keine Handelswaren.»
«Lass ihn», sagte Vallon. «Wir sind beinahe so weit.»
Nur Helgi und sein Gefolge waren noch auf der Knarr. Drogo sprang an Bord der Shearwater, gefolgt von Fulk. Sie schlichen um Vallon und seine Leute herum wie rivalisierende Hunde. Caitlin schwankte auf der Reling, das Gesicht verschmiert, das Haar wild. Vallon fing ihren bittenden Blick aus weit aufgerissenen Augen auf.
«Herr im Himmel, worauf wartest du?»
Drogo half ihr an Deck. Ihre beiden Mägde folgten, und dann kamen Helgi und zwei der Männer, die auch am Kratersee dabei gewesen waren. Sie führten die drei Pferde am Zügel.
«Was wollt ihr denn mit denen?», brüllte Raul.
«Wir könnten sie vielleicht noch brauchen», sagte Vallon. «Im schlimmsten Fall essen wir sie. Gott weiß, was uns an dieser Küste erwartet.»
Helgis Männer legten Planken vom Deck aufs Dollbord. Zwei der Pferde waren gut geschult und wendig. Sie bewältigten die Rampe ohne einen einzigen Fehltritt. Helgis Tier aber setzte einen Huf daneben und schlug mit der Brust auf die Planke. Helgi versuchte, es zurück auf die Rampe zu schieben. Während er dabei war, wurden auf dem Langschiff die Ruder bereitgemacht.
«Lass das Pferd», rief Vallon. «Komm an Bord.»
Helgi packte das Pferd am Gebiss, stellte sich auf die Rampe, und begann das Tier hinter sich herzuziehen. Das Langschiff war noch dreihundert Schritt entfernt und flog geradezu übers Wasser. «Schneid uns ab», befahl Vallon. Raul und Wayland rannten in den Laderaum und hackten die Taue durch. Alle, bis auf das neben Vallon. Er zögerte. Helgi war mit dem Pferd bis zum Scheitelpunkt der Rampe gekommen, und seine Männer hielten ihn fest, während er das Tier drängte, den letzten Schritt zu machen.
Raul hastete an Vallon vorbei und schwang sein Messer. «Ich werde nicht für ein Pferd sterben.»
Helgi klammerte sich an das Pferd, und seine Männer klammerten sich an ihn. Das Pferd machte den Schritt nach vorn zu spät. Die Schiffe trieben auseinander, und das Tier stürzte in Wasser. Helgi wäre hinterhergefallen, wenn ihn seine Männer nicht so fest im Griff gehabt hätten. Sie zogen ihn an Deck. Er schüttelte sie ab, taumelte ein paar Schritte zurück und legte die Hand an sein Schwert.
Raul rannte auf ihn zu und richtete aus drei Fuß Entfernung die Armbrust auf ihn. «Zieh das Schwert, und du bist tot!»
Drogo stürzte sich auf Helgi und zerrte den um sich schlagenden Mann beiseite.
Raul und Vallon eilten zum Heck. Das dem Tode geweihte Pferd strampelte mit zurückgeworfenem Kopf und rollenden Augen in ihrem Kielwasser. Rauls Armbrust schwirrte. Das Langschiff jagte nur drei oder vier Schiffslängen hinter ihnen her. Fluchend lud Raul seine Armbrust nach. Die Schilde, die sich die Wikinger über den Rücken gehängt hatten, machten sie zu schwierigen Zielen. Ihr Anführer hatte wieder seinen Posten im Bug bezogen. Goldfarbenes Haar floss unter seinem Helm hervor. Aus der Entfernung hatte er ausgesehen wie ein Gott. Doch aus der Nähe wirkte nur sein Körper göttlich. Der Hüne hatte ein Gesicht wie ein Pferd – ein wuchtiges, vorspringendes Kinn und einen Mund mit verfleckten, vorstehenden Zähnen.
Die Shearwater konnte ihre Geschwindigkeit nun nicht mehr steigern, aber sie war nicht schnell genug. Das Langschiff war nur noch sechzig Schritt hinter ihr, und sein Vordersteven wirbelte weiße Gischtschwaden empor. Raul hatte seine Armbrust neu geladen, und Wayland spannte seinen Bogen. Der Anführer ging in die Hocke, nur sein Helm war noch über dem Rand seines Schildes zu sehen. «Zielt auf den Steuermann», befahl Vallon.
Wayland schoss zuerst. Sein Pfeil verfehlte das Ziel. Dann ließ Raul den Bolzen abschnellen, und der Steuermann sackte über dem Ruder zusammen. Das Langschiff scherte nach Backbord aus, und einige der Ruderer schlugen mit ihren Riemen gegen die der anderen. Dann zog einer der Wikinger den toten Steuermann zur Seite und versuchte angestrengt, das Langschiff wieder auf Kurs zu bringen. Selbst jetzt sah es noch so aus, als würden die Wikinger sie einholen. Die Shearwater schleppte das Beiboot von Helgis Knarr hinter sich her, und einer der Wikinger im Bug des Langschiffs schwang einen Enterhaken danach. «Das Tau kappen», rief Vallon.
Doch bevor Garrick bei dem Tau angelangt war, schoss Wayland zwei weitere Pfeile ab. Der zweite schnellte vom Bogen, während der erste noch in der Luft war. Er beschrieb eine steile, zischende Kurve und fuhr dem neuen Steuermann ins Gesicht. Brüllend bäumte er sich auf, der Pfeilschaft steckte in seinem Auge wie ein grauenvoller Zauberstab. In beinahe demselben Moment durchbohrte einer von Rauls Armbrustbolzen die Brust eines Ruderers, sodass der Mann den Riemen fahren ließ und Blut spuckte. Vallon schrie Herausforderungen, und seine Rufe wurden von Drogo und Fulk und einem halben Dutzend schwerterschwingenden Isländern aufgenommen.
Der Anführer der Wikinger ließ seinen Blick über das Gemetzel schweifen. Seine Männer mussten rudern und waren daher nicht imstande, sich zu verteidigen. Mit solch einer mörderischen Gegenwehr hatte er nicht gerechnet. Er befahl seiner Mannschaft, das Rudern einzustellen. Die Bugwelle des Langschiffs versiegte. Wie ein fleischfressender Wasserkäfer, der in kurzen Sprüngen jagt und niemals seine Energie verschwendet, kam das Langschiff zum Stillstand.
Die Isländer jubelten. Sie klopften Wayland und Raul auf den Rücken. Vallon sah zu, wie das Langschiff achtern zurückblieb, dann wendete und zu der aufgegebenen Knarr zurückruderte. Doch sie hatten zu lange gewartet. Die Knarr ging unter. Bevor die Wikinger dort waren, versanken die Dollborde in den Wellen, und Luftblasen stiegen aus dem Rumpf auf. Dann war das Schiff verschwunden.
Als sich Vallon umdrehte, nahm er zum ersten Mal war, wie dicht sich die Flüchtlinge auf dem Deck der Shearwater drängten. Ihr Lächeln erstarb, als sie seinen Gesichtsausdruck sahen.
«Wir sind die Wikinger noch nicht los», sagte er zu Raul. «Teile die Leute in Kämpfer und Passagiere ein. Wer ein Schwert in der Hand halten kann, geht nach Backbord, die anderen nach Steuerbord.»
Helgi wollte sich in diese Musterung einmischen, doch Vallon beachtete ihn nicht. Als die zwei Gruppen gebildet waren, begutachtete er seine Einsatzkräfte. Zwölf Männer, die meisten mit Schwertern bewaffnet, bildeten die isländischen Kampfkräfte. Auf der Seite der Nichtkämpfenden befanden sich fünf Personen – die alte Frau und ihr Mann und zwei jüngere Frauen, von denen eine ihren Säugling auf dem Arm trug. Helgis Gefolgschaft hatte sich zusammen mit Drogo und Fulk abseits aufgestellt.
Angespanntes Schweigen breitete sich aus, als Vallon auf sie zuging. «Weißt du nicht, auf wessen Seite du stehst?»
«Ich werde von dir keine Befehle annehmen», sagte Helgi. «Und genauso wenig die anderen Isländer. Das sind meine Leute. Sie tun, was ich anordne.»
«In diesem Fall suchst du dir am besten einen Uferstreifen aus, und dann lasse ich dich und deine Gefolgsleute dort von Bord gehen.» Vallon sah Drogo zornig an. «Von einem erfahrenen Soldaten hätte ich etwas Besseres erwartet.»
«Ich muss mich auf Helgis Seite stellen.»
«Dann musst du dein Glück eben mit ihm versuchen.»
Drogo schluckte. Er nahm die Hand vom Schwertgriff und warf einen Blick über die Schulter auf das nahende Ufer. «Wir haben jetzt keine Zeit mehr, uns darüber zu streiten. Wir sind beinahe da.»
XXX