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Die Schatten an der Küste wurden schon länger, als die Shearwater in die breite Flussmündung fuhr. Der Abstand zu dem Langschiff betrug mittlerweile eine Meile. Die Flut trug sie den Fluss hinauf, und die unbekannten Ufer rückten näher. Auf den ersten Meilen erinnerte viel an Island, eine hügelige Tundra in Herbstfarben, aus der kahle Granitfelsen aufragten. Was die Isländer erstaunte, waren die vielen umgestürzten Bäume, die in den Nebengewässern dümpelten und anscheinend von keiner Menschenseele verwertet wurden. Bald kamen sie an Birkenhainen und einsamen Fichten vorbei, die wie Obelisken am Ufer standen. Der Fluss war kaum noch eine Meile breit, als sie um eine Biegung fuhren und das Langschiff außer Sicht geriet. In diesem Bereich scharte sich der Baumbestand zu einem schütteren Wald zusammen, der sich bis zu fernen Hügelkämmen erstreckte. Nichts deutete auf eine Besiedlung hin. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass jemals ein Mensch seinen Fuß in diese Ödnis gesetzt hatte.

Als sie in das Waldgebiet fuhren, senkte sich langsam die Abenddämmerung herab. Sie ließen eine weitere Flussbiegung hinter sich und passierten zu ihrer Rechten die Einmündung eines Nebenflusses. Dann kamen sie an einer mit Gebüsch überwucherten Insel vorbei, und ein großes buckliges Tier brach aus dem Halbdunkel, durchquerte spritzend das seichte Gewässer am Ufer und verschwand. Einige Isländer bekreuzigten sich.

Raul stand neben Vallon. «Wir sollten einen Ankerplatz finden, solange es noch hell genug ist.»

«Suche nach einer versteckten Ausbuchtung des Flusses. Falls die Wikinger an uns vorbeifahren, können wir uns dann mit der Ebbe wieder aufs Meer hinausziehen lassen.»

«Dort?», fragte Wayland und deutete auf ein Nebengewässer zwischen bewaldeten Ufervorsprüngen.

«Wir sehen es uns an.»

Die Shearwater glitt, immer noch unter Segel, mit dem Schub der Flut ans linke Ufer. Vallon hielt flussabwärts Ausschau. Keine Spur von dem Langschiff. Dann hörte er das Plätschern von seichtem Wasser.

«Untiefe!»

Doch bevor Raul steuern konnte, lief der Kiel mit lautem Kreischen und einem heftigen Ruck auf Grund. Durch die Erschütterung stürzten beinahe alle Passagiere zu Boden. Vallon rappelte sich auf und stellte fest, dass die Shearwater fünfzig Schritt vom Ufer entfernt festsaß.

Wütend starrte er zum Himmel hinauf, als wüsste er, wo der Verursacher dieser Katastrophe zu suchen sei. Nein. Es war sein eigener Fehler. Er hätte das Segel einholen und vom Bug aus die Wassertiefe ausloten lassen sollen. «Raul, stell fest, wie groß der Schaden ist.»

Unruhig ging er auf und ab, während Raul im Laderaum war. Es dauerte nicht lange.

«Wir sind leckgeschlagen, und der Kiel hat sich im Grund festgefressen. Was es noch schlimmer macht, die Flut hat beinahe ihren Höchststand erreicht. Wir werden sie heute Nacht nicht mehr flottkriegen.»

Jeden Augenblick würden die Wikinger in Sicht kommen. Denk nach, sagte sich Vallon, denk nach.

«Setzt unser Beiboot aus. Bringt das andere längsseits. Rudert die Frauen und alle anderen, die nicht kämpfen können, ans Ufer. Dann ladet die Waren aus. Wayland, das übernimmst du. Nimm dir so viele Isländer zu Hilfe wie nötig. Raul und Garrick, ihr bringt die Pferde aus dem Laderaum.»

Die Leute rafften ihre Habseligkeiten zusammen und starrten ängstlich flussabwärts. Vallon wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

«Wir müssen das Schiff sichern, koste es, was es wolle», sagte eine Stimme neben ihm. «Wenn wir es verlieren, sind wir am Ende.»

Vallon sah Drogo an, der wie eine Schattengestalt neben ihm aufgetaucht war. «Schiff oder nicht Schiff, keiner von uns wird hier wegkommen, wenn wir uns die ganze Zeit nur gegenseitig belauern.»

«Das stimmt. Uns trennt ein blutiger Fluss, aber ich werde ihn erst überschreiten, wenn wir mit den Wikingern fertig sind.»

«Also unterstellst du dich meinem Befehl?»

Drogo zögerte. «Wenn ich deine Entscheidungen mittrage, unterstütze ich sie auch.»

«Aber nicht Helgi. Er wird bei jeder Gelegenheit versuchen, mich zu behindern.»

«Dann übermittle deine Befehle durch mich.»

Vallon sah Drogo nachdenklich an, bevor er wieder auf den Fluss schaute.

«Welchen Plan hast du?»

«Das Schiff bewachen und die Wikinger an Land in einen Kampf verwickeln. Wir haben fünf Pferde, sie dagegen gar keins. Das wiegt ein Dutzend Männer auf.»

Es war schon sehr lange her, dass Vallon mit einem erfahrenen Krieger eine Kampftaktik besprochen hatte. «Wir lassen die Schwertkämpfer an Bord und postieren Bogenschützen am Ufer. Ich glaube nicht, dass die Wikinger heute Nacht noch angreifen werden. Sie sind mit ihren Kräften am Ende und fühlen sich bestimmt vom Pech verfolgt, nachdem sie Männer verloren haben und vor ihren Augen zwei Beuteschiffe versunken sind.»

Wayland ruderte mit dem Beiboot wieder zum Schiff. «Alle Frauen und alten Leute sind an Land.»

«Als Nächstes die Ladung. Wenn du damit fertig bist, sieh dir die isländischen Bogenschützen an und bezieh mit ihnen am Waldrand Stellung.»

Raul und Garrick hatten einen behelfsmäßigen Ladebaum aufgestellt, um die Pferde aus dem Laderaum zu hieven. Helgi und seine Männer trieben ihre eigenen Pferde über die Reling.

Vallon wandte sich wieder an Drogo. «Sind deine Rippenbrüche geheilt?»

«Ich kämpfe, wenn ich zum Kampf gerufen werde.»

«Auf der richtigen Seite, hoffe ich.»

Alle Männer an Bord beobachteten die Flussbiegung stromab. Auf dem Fluss bildeten sich geheimnisvolle Strudel und verschmolzen wieder mit dem schwarzen Wasser. Die Ebbe hatte eingesetzt, und die Shearwater ragte hoch aus dem Fluss. Tief im Wald war der klagende Ruf einer Eule zu hören. Waffen klirrten. Stechmücken sirrten. Der Fluss schwappte.

«Wo bleiben sie denn?», murmelte Fulk.

«Sie kämpfen gegen die Strömung», sagte Drogo. «Vielleicht haben sie es auch für heute Nacht aufgegeben.»

«Sie werden bestimmt nicht ankern, bevor sie uns gefunden haben», sagte Vallon. «Sie durchsuchen wahrscheinlich jedes mögliche Schlupfloch, weil sie denken, dass sie uns in eine Sackgasse gedrängt haben. Und in diesem Fall wollen sie dafür sorgen, dass wir nicht mehr entkommen.»

Eine Mücke stach ihn in die Wange. Er hob die Hand, um das lästige Insekt zu erschlagen, doch dann hielt er inne, gebannt von einem gespenstischen Licht, das sich am nördlichen Himmel ausbreitete. Vom Himmel herab entrollte sich ein zarter, blassgrüner Vorhang, dessen wogende Falten purpurfarbene Fransen trugen. Die Falten bewegten sich wie in einer lockenden Wellenbewegung, verblassten und blähten sich wieder in ihre Richtung.

«Was in Gottes Namen ist das?»

«Das Nordlicht», sagte Hero. «Die Isländer sagen, es sind die Flammen von Vulkankratern, die sich am Himmel spiegeln.»

Und in diesem überirdischen Schimmer tauchte das Langschiff auf. Es stahl sich um die Flussbiegung, sein Segel leuchtete in dem geisterhaften Licht, winzige Lichtpunkte blitzen an seinen Ruderblättern. Es kam näher, und jemand stieß einen Ruf aus, als er die Shearwater entdeckte. Die Wikinger ruderten noch ein Stück näher heran, dann hielten sie sich auf der Stelle. Gelächter und Triumphgeschrei hallte übers Wasser, als den Wikingern klar wurde, dass die Knarr auf Grund gelaufen war. Der Anführer stand im Drachenbug und brüllte eine langatmige Herausforderung oder ein Ultimatum herüber, bei dem die Isländer vor Angst wie Espenlaub zitterten.

«Sie haben schon von ihm gehört», sagte Raul. «Sein Name ist Thorfinn Wolfsatem, ein Heide, der wegen seiner Grausamkeit an der gesamten norwegischen Küste gefürchtet wird. Er verspeist die Lebern seiner Gegner. Stopft sie auf dem Schlachtfeld roh in sich hinein, um seinen Heldenmut zu nähren.»

Der Kriegsherr rief erneut etwas.

«Was sagt er?»