«Wie viele sind es?», fragte Drogo.
Vallon bemerkte Waylands Blick. «Du kannst ihm antworten», sagte er. «Für den Moment sind wir Verbündete.»
«Es war zu dunkel, um sie zu zählen», sagte Wayland. Er berührte Vallon am Ärmel. «Hauptmann, ich mache mir Sorgen um die Falken. Ich habe sie gestern nicht gefüttert, und sie werden hungern, wenn ich ihnen heute nichts zu fressen beschaffen kann. Ich weiß, dass unsere Lage gefährlich ist, aber wir dürfen nicht vergessen, was uns überhaupt hierhergeführt hat. Wenn wir den Piraten entkommen, die Falken aber verhungern, würde ich das nicht gerade einen Erfolg nennen.»
«Wir haben reichlich frisches Pferdefleisch.»
«Ich weiß nicht, ob ein Falkenmagen so zähe Kost verträgt.»
Die Morgendämmerung kroch über den Wald. Vallon rutschte näher an Wayland heran. «Ich kann nicht auf dich und den Hund verzichten, damit ihr auf die Jagd geht. Du bist unsere Augen und unsere Ohren. Wir müssen die Shearwater flottmachen und abdichten, bevor es Abend wird. Wenn sich die Wikinger in Bewegung setzen und Garrick uns benachrichtigen muss, ist es lebenswichtig, dass er nicht in einen ihrer Wachposten hineinläuft. Lass den Hund bei ihm, und komm mit uns zurück. Den Tag über kümmerst du dich um deine Falken und versuchst dich zu erholen. Ich will, dass du heute Abend wieder hier Stellung beziehst.»
Sie warteten. Es wurde heller. Wayland schlief ein. Die Vorderläufe seines Hundes zuckten im Traum.
Ein dünner Rauchfaden stieg aus der nebligen Bucht empor. Von Zeit zu Zeit hörte Vallon Stimmen und Arbeitsgeräusche. Eine schwache, gelbliche Sonne stieg über den Wald, und der Flussnebel löste sich auf und enthüllte das Langschiff, das an der Spitze der Bucht festgemacht hatte. Auf dem Schiff, aneinandergefesselt im Heck, saßen die überlebenden Isländer von der besiegten Knarr – sechs Männer und zwei Frauen. Die Wikinger hatten das zerrissene Segel heruntergeholt, und elf von ihnen saßen wie fleißige Schneiderlein um es herum und flickten es. Zwei andere hackten Feuerholz, und noch einer rührte in einem Kochtopf, der an einem Dreifuß hing. Ein einzelner Mann mit einer blutigen Armbinde saß allein für sich an der Reling. Der Anführer ging mit einem merkwürdig schlingernden Gang zwischen ihnen umher. Er trug einen Wolfsfellumhang über einer ärmellosen Lederweste, die seine kräftigen Arme frei ließ, die vom Handgelenk bis zum Ellbogen tätowiert waren. Er war noch größer, als Vallon ihn in Erinnerung hatte, überragte jeden Mann aus seiner Besatzung zumindest um eine Haupteslänge.
Sechzehn Wikinger im Lager, vier flussauf und vermutlich noch einmal so viele, die das Lager bewachten. Vallon zählte sie an den Fingern ab und kam auf insgesamt vierundzwanzig – fünf mehr, als seine eigene zusammengewürfelten Kampftruppe umfasste.
Dann rief der Mann am Kochtopf etwas, die Piraten legten ihre Arbeit zur Seite und gingen zum Lagerfeuer.
«Anscheinend haben sie es nicht eilig», sagte Drogo.
«Sie müssen das Segel reparieren, bevor sie die Verfolgung wiederaufnehmen», sagte Vallon.
«Das brauchen sie doch nicht, wenn sie uns heute noch angreifen. Thorfinn muss wissen, dass wir die Shearwater erst flottbekommen, wenn die nächste Flut kommt.»
«Wir würden einen Angriff vom Fluss aus aber frühzeitig entdecken. Ich glaube, sie kommen von der Landseite und greifen uns aus mehreren Richtungen zugleich an.»
«Bei Nacht?»
Vallon versuchte, sich in Thorfinns Kopf hineinzuversetzen. «Es wird schon Tag. Ich glaube, dass sie uns morgen früh beim Hellwerden angreifen.»
«Dann haben wir Zeit, das Lager besser zu sichern.»
In Vallons Kopf begann ein Plan Gestalt anzunehmen. «Aber wir werden nicht im Lager sitzen bleiben und auf sie warten.»
Auf ihrem Rückweg bewölkte sich der Himmel. Es begann zu nieseln. Raul begrüßte Vallon mit langem Gesicht.
«Seht es Euch selbst an.»
Der Bug der Shearwater lag leicht erhöht. Die Felsen, auf die sie gelaufen war, ragten etwas über die Wasseroberfläche. Vallon kletterte an Bord. Die Waren und ein beträchtlicher Teil des Ballasts waren ausgeladen worden. Raul hatte das Leck behelfsmäßig mit geteertem Segeltuch gestopft.
«Das habe ich mir schlimmer vorgestellt», sagte Vallon.
«Seht Euch lieber erst mal den Spant und den Querbalken hinter dem Leck an.»
Jetzt sah Vallon, dass der Aufprall die schweren Eichenträger aus ihrer Position gerückt hatte und damit die Holznägel gebrochen waren, die sie mit den Planken verbanden.
«So können wir nicht aufs Meer», sagte Raul. «Da werden wir von der ersten höheren Welle zusammengefaltet.»
«Wie lange dauert die Reparatur?»
«Zwei, drei Tage.»
Vallon ließ seinen Blick über das Lager wandern. Es wirkte bei Tageslicht sehr schutzlos, wie es so zwischen zwei bewaldeten Erhebungen lag. Die Flussufer waren grau und der Schlamm mit toten Ästen übersät. Der Regen schien nicht aufhören zu wollen, und die Isländer starrten ausdruckslos unter mehr schlecht als recht aufgespannten Segeltuchplanen hervor, unter die sie ihre Habe gestapelt hatten. Vallon fiel Heros Warnung ein, dass die Vorräte knapp wurden. Er schob den Gedanken beiseite. Zuerst musste er mit den Wikingern fertig werden.
Bei klarem Wetter und Mondenschein würden die Piraten vermutlich keinen Angriff von der Flussseite aus riskieren. Aber wenn dieses trübe Wetter bis zum Abend anhielt, könnten sie sich am Ufer anschleichen, ohne entdeckt zu werden. Sie konnten sogar gleichzeitig vom Land und vom Wasser aus angreifen. Das Lager wäre leer, aber die Shearwater würde als willkommene Beute auf sie warten.
«Ich will, dass das Schiff nach dem Dunkelwerden an einen anderen Liegeplatz geschafft wird. Könnt ihr das Leck bis dahin einigermaßen flicken?»
«Wir tun unser Bestes. Wir müssen sie auf den Strand setzen, um neue Planken einzupassen. Wenn die Wikinger kommen, während sie nicht im Wasser ist …»
«Garrick hält Wache. Er wird uns rechtzeitig warnen.»
«Hauptmann, ich weiß nicht, was Ihr vorhabt, aber ich sehe nicht, wie wir sie schlagen könnten. Es sind zu viele. Auch wenn wir die Hälfte von ihnen töten können, haben sie immer noch ihr Schiff. Alles, was sie tun müssen, ist flussabwärts darauf zu warten, dass wir einen Ausbruch versuchen.»
«Ich weiß», sagte Vallon. «Wenn wir nur das Langschiff zerstören könnten …» Er brach mitten im Satz ab. «Warum eigentlich nicht?»
Rauls Kopf fuhr herum. «Das meint Ihr nicht ernst.»
«Damit rechnen sie bestimmt nicht.»
«Weil sie wissen, dass es reiner Selbstmord wäre.»
«Nicht, wenn du das Schiff angreifst, während die meisten von ihnen auf unser Lager vorrücken.»
«Ich?»
«Ich würde es selbst machen, wenn ich nicht an anderer Stelle gebraucht würde.» Vallon blickte in den wolkenschweren Himmel hinauf. «Alles hängt vom Wetter ab. Wir halten nach Sonnenuntergang einen Kriegsrat ab.»
Er befahl den Isländern, Verteidigungsstellungen anzulegen, die er keineswegs benutzen wollte. Während sie Bäume fällten und Pfähle anspitzten, erreichte die Flut wieder ihren Höchststand. Da sie so viel Last aus dem Schiff genommen hatten, gelang es Raul und ein paar Männern ohne allzu große Mühe, die Shearwater freizubekommen. Sie spannten vom Ufer aus vier Pferde an den Vordersteven, zogen das Schiff aufs Land und begannen, das Leck zu flicken. Vallon machte sich auf die Suche nach Wayland. Der Falkner lag schlafend auf einem Bett aus Kiefernnadeln, neben sich die Falken in ihren Käfigen. Syth berichtete Vallon gähnend, dass die Falken von dem Pferdefleisch gefressen hatten und keine Anzeichen einer Unverträglichkeit zeigten.
Als Nächstes suchte er Hero. Er fand ihn im Gespräch mit Vater Hilbert. Vallon bat um eine Unterredung und führte Hero ein paar Schritte zur Seite.