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Vallon lauschte auf plätschernde Ruder, die ihre Flucht verraten würden. Doch er hörte nur ein paarmal leise die Ruderblätter eintauchen, dann verschmolz das Geräusch mit dem Rauschen des Flusses.

«Es gefällt mir nicht, dass wir die Shearwater nicht mehr in Sichtweite haben», murmelte Raul. «Wenn es nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen, könnten Drogo und Helgi versuchen, uns das Schiff abzunehmen.»

«Wir können uns nicht um alle Risiken gleichzeitig kümmern.»

Vallon ging zum Lager zurück, zündete eine Fackel an und tat so, als würde er die Verteidigungsanlagen begutachten. Es regnete immer noch. Dann setzte er sich an eines der Lagerfeuer und wartete. Drogo und Helgi hatten sich weggeschlichen, um die isländischen Kämpfer auszusuchen und die Pferde zu satteln. Vallon starrte in die Glut, in die pulsierenden Flammen, aus deren wechselnder Gestalt er möglicherweise sein Schicksal hätte herauslesen können, wenn er es verstanden hätte, sie zu deuten.

«Raul und seine Männer warten beim Fluss», murmelte Wayland.

Vallon rieb sich die Augen. «Ich muss mich schämen. Du hast mich beim Dösen erwischt, während ich euch alle herumgescheucht habe.» Er schüttelte den Kopf. Er konnte nicht das Geringste sehen. Es war so dunkel, dass er fast das Gleichgewicht verlor, als er aufstand. «Nehmt meinen Arm», sagte Wayland.

Er führte Vallon zum Ufer. Nur das Gurgeln der Wasserwirbel sagte Vallon, dass er am Fluss war.

«Alle da?»

«Ja», antwortete Raul. «Und alles ins Beiboot gepackt.»

«Wie wirst du die Mischung in Brand setzen?»

«Jeder von uns hat eine abgeschirmte Lampe und eine Fackel dabei.»

«Die Gezeiten unterstützen uns. Ihr braucht nicht zu rudern, um zu ihrem Lager zu kommen.»

«Hauptsache, wir sehen es überhaupt.»

«Kommt her», sagte Vallon.

Er umarmte einen nach dem anderen und wünschte ihnen Glück. Auch den drei Isländern. Dann verschmolzen die sechs mit der Finsternis, stiegen in das unsichtbare Boot und glitten auf dem unsichtbaren Fluss davon.

Wie ein Blinder tappte Vallon ins Lager zurück. Die Feuer waren zu Asche heruntergebrannt. Vallon legte für die Späher der Wikinger neue Holzscheite auf, dann ging er zu Drogo und den Übrigen, die den Angriff aus dem Hinterhalt durchführen sollten. Insgesamt waren sie vierzehn – neun Fußsoldaten und fünf Reiter.

«Bereit?»

«Die Nacht ist so dunkel wie ein Kellerloch.»

«Aber nicht für Wayland. Gehen wir.»

Sie wandten dieselbe Methode an wie bei der Flucht aus Olbecs Burg. Jeder Mann hielt sich an einem Knotenstrick fest, und Wayland an der Spitze suchte den Weg. Der Hund trabte voraus und stellte sicher, dass niemand diesen Weg kreuzte. Die Nachhut wurde von den Pferden gebildet, deren Hufe mit Segeltuch umwickelt worden waren. Sie kamen nur sehr langsam voran, und die Stimmung war gereizt. Die Männer stolperten über Zweige und verfluchten die Sumpflöcher und blutsaugenden Insekten, bis Vallon über ihr Gelärm so aufgebracht war, dass er sich an dem Strick entlangtastete und ihnen drohte, den nächsten Tölpel umzubringen, der auf die Natur schimpfte.

Er hatte zusammen mit Drogo entschieden, wo der Hinterhalt gelegt werden sollte, nachdem Wayland vom Lager der Wikinger zurückgekehrt war. Es handelte sich um einen breiten Hügelkamm mit einem kahlen Einschnitt zwischen den Bäumen, und die Stelle lag auf dem direktesten Weg zwischen den feindlichen Lagern. Bei Tag hatte man von hier aus einen guten Blick auf den nächsten Hügelrücken und den Fluss zur Linken. Doch jetzt war der Fluss nicht zu erkennen, und auch keine Bäume, einfach gar nichts. Vallon hatte nur Waylands Wort, dass sie die richtige Stelle erreicht hatten.

«Stell fest, was die Wikinger machen. Wenn sie sich in Bewegung setzen, kommst du so schnell wie möglich zu uns zurück.»

Die Männer ließen sich an der Stelle nieder, wo sie standen, und wickelten sich gegen den Regen und die schwärmenden Blutsauger in Decken.

Drogo tastete sich bis zu Vallon. «Sie werden bei so miesem Wetter bestimmt nicht angreifen.»

«In diesem Fall haben wir nur eine schlaflose Nacht verloren.»

Doch Vallon wusste, dass das nicht stimmte. Er stellte sich vor, wie die Wikinger friedlich schliefen, während seine Kampftruppe immer erschöpfter und demoralisierter wurde. Wenn der Feind in dieser Nacht nicht kam, würde er am nächsten Tag Schwierigkeiten haben, seine Autorität durchzusetzen.

Es war unmöglich, in dieser Dunkelheit die Zeit zu schätzen. Die Stechmücken versteckten sich in seinem Haar und seinen Augenbrauen. In seinem Gesicht schwollen Beulen an. Die Männer murrten über die Quälerei.

«Dem Nächsten, der sich muckst, schneide ich die Zunge ab.»

Doch damit hinderte er sie nicht am Fluchen, als aus dem Nieselregen ein heftiger Schauer wurde. Vallon stand mit dem Rücken zum Wind. Er war bereit zuzugeben, dass sie sich die Nacht umsonst um die Ohren geschlagen hatten, und da hörte es auf zu regnen. Das geschah völlig übergangslos. Der Regen hörte einfach auf, und ein kühler Wind strich durch die Bäume.

Vallon drehte sich mit dem Gesicht in den Wind. «Es ist noch Zeit.»

Nach und nach verzog sich die dichte Bewölkung. Der Mond trat hervor, und er schien hell genug, um im Fluss Sandbänke aufschimmern und die Bäume auf dem nächsten Hügel als tintenschwarze Umrisse hervortreten zu lassen. Vallon hob die Hand. «Alle zu mir, Männer.»

Frierend rappelten sie sich auf und rieben sich über die Arme. Vallon lachte und klopfte dem einen oder anderen auf den Rücken. «Ein bisschen Bewegung wird euch allen guttun. Nichts bringt das Blut so in Wallung, wie das des Gegners zu vergießen.» Er sah sich um. «Drogo, bezieh mit den Reitern links zwischen den Bäumen Stellung.» Er deutete auf eine einzelne Fichte in der Hügelscharte. Ihre unteren Zweige hingen bis auf die Erde herab. «Infanterie auf die andere Seite. Ich werde die Falle von dort aus zuschnappen lassen. In dem Moment, in dem ich es tue, löse ich einen Pfeilhagel aus. Drogo, das ist das Signal für deine Abteilung, den Angriff zu starten. Wenn wir es richtig machen, wissen die Wikinger nicht, in welche Richtung sie sich zuerst wehren sollen.»

Einige der Isländer hatten Vallon nicht verstanden und sahen sich schulterzuckend an. Vallon wiederholte seine Befehle und wünschte sich, er würde besser Nordisch sprechen.

Drogo zog die Nase hoch. «Es überrascht mich, dass du es vorziehst, zu Fuß zu kämpfen.»

«Ohne einen erfahrenen Soldaten an ihrer Seite werden die Isländer den Angriff nicht durchführen.»

Drogo ging, um die Anordnungen weiterzugeben. Inzwischen hatte sich der Himmel weitgehend aufgeklart, und nur noch einzelne Wolken zogen über das indigoblaue Firmament. Beim Geräusch hastiger Schritte erstarrte Vallon.

«Da kommt Wayland.»

Das Geräusch wurde lauter. Vallon spähte angestrengt in den Wald. Da zischte jemand hinter ihm, und er fuhr herum. Das konnte nicht Wayland sein. Die Schritte kamen aus der falschen Richtung. Die Wikinger mussten entdeckt haben, dass das Lager verlassen war. Sie hatten einen Läufer losgeschickt, um ihren Anführer zu warnen.

Vallon hastete in Deckung. «Bleibt, wo ihr seid. Ich kümmere mich um ihn.»

Ein Mann lief auf den Hügelkamm, sprang über einen umgestürzten Baumstamm, und rannte weiter. Vallon trat ihm einfach nur mit gezogenem Schwert in den Weg, und der Wikinger rammte sich mit seinem Schwung Vallons Schwert selbst ins Herz. Er sank tot in die Knie, und Vallon stemmte sich mit dem Fuß an seiner Schulter ab, um sein Schwert herauszuziehen. Noch während er dabei war, tauchte eine weitere Gestalt auf dem Hügelkamm auf. Der Mann sah Vallon, kam mit rudernden Armen zum Stehen, und wandte sich zur Flucht.

«Ihm nach!»

Ein halbes Dutzend Isländer sprang aus den Verstecken. Der Wikinger schlug einen Haken und tauchte zwischen den Bäumen ab.

«Lasst ihn nicht entkommen!»