Die Verfolger setzten ihm nach. Vallon hörte sie durch den Wald brechen, dann wurden die Geräusche schwächer, und schließlich war nur noch der Wind zu hören, der durchs Geäst seufzte, und Vallons eigener heftiger Herzschlag.
«Wir hätten die Stellung nach hinten absichern sollen», sagte Drogo.
Vallon stampfte auf. «Die Männer hätten wachsamer sein müssen.»
Er hockte über sein Schwert gebeugt auf den Fersen, als die Verfolger keuchend und kopfschüttelnd zurückkamen. Als der letzte eintraf und bestätigte, dass der Wikinger entkommen war, erhob sich Vallon seufzend und rieb sich über die juckende Augenbraue. Drogo stand müßig daneben. Vallon ließ die Arme sinken.
«Wir gehen besser ins Lager zurück», sagte Drogo. «Die beiden anderen Späher versuchen wahrscheinlich, es zu plündern.»
«Du gehst. Ich warte auf Wayland.»
Die Isländer setzten sich gerade in Marsch, als Vallon auf dem nächsten Hügelrücken eine Bewegung wahrnahm. «Wartet.»
Ein Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen. Vallon verlor ihn aus dem Blick, dann entdeckte er ihn auf dem Hang wieder. Es waren zwei Schatten, die sich lautlos gleitend von dem Hügel herunter bewegten.
«Das sind Wayland und sein Hund.»
Vallon wartete bei dem kahlen Hügeleinschnitt. Wayland hastete den Hügel herauf. Keuchend erreichte er Vallon und starrte fassungslos den Kampftrupp an. «Was steht ihr hier so herum? Die Wikinger sind nicht weit hinter mir.»
Vallon fuhr sich mit der Hand übers Kinn. «Der Hinterhalt ist entdeckt worden. Die Späher haben bemerkt, dass wir nicht mehr im Lager sind, und sie haben zwei Männer losgeschickt, um Alarm zu schlagen. Einen haben wir erledigt, aber der andere ist durchgekommen.»
«Nein, ist er nicht.»
Es dauerte einen Moment, bis Vallon begriff. «Du hast ihn getötet?»
«Der Hund hat ihn erwischt.» Wayland schob Vallon von der Hügelkuppe zurück. «Wir müssen uns verstecken. Sie sind jeden Augenblick da!»
Da überwand Vallon seine Überraschung. «Schnell! Zurück auf eure Positionen.» Er zog Wayland neben sich zu Boden. Gemeinsam spähten sie von der Hügelkuppe in die Richtung, aus der die Wikinger kommen würden. «Hat Raul mit dir Kontakt aufgenommen?»
«Nein. Er war noch nicht bei dem Lager angekommen, als ich weg bin.»
«Verdammt! Mit wie vielen haben wir es zu tun?»
«Sechzehn.»
Vallon sah sich nach Drogo um. Er lag eine Armeslänge entfernt neben ihm auf dem Boden und stützte sich auf die Ellbogen. «Hast du das gehört?»
«Sie sind sechzehn. Wir sind vierzehn. Du wirst es vielleicht noch bereuen, dass du den Trupp zum Feuerlegen geschickt hast.»
«Die Pferde gleichen es aus.»
Der Hund fiepte. Wayland spannte sich an. «Da sind sie. Kommen gerade über den Hügelkamm.»
Vallon machte eine Kolonne aus, die sich zwischen den Bäumen hindurchbewegte. Dann stieg sie den gegenüberliegenden Hang hinunter, verschwand in der dunklen Senke und tauchte wieder auf, als sie dem Hinterhalt auf Vallons Hügel entgegenstieg. Das Mondlicht blitzte auf Äxten und Speerspitzen.
Vallon packte Drogo am Arm. «Richte deinen Angriff auf Thorfinn aus. Ich gebe das Zeichen. Wir werden nicht angreifen, bevor wir sie mit ausgestrecktem Arm berühren können. Also beherrsch dich. Und sorg dafür, dass Helgis Temperament nicht mit ihm durchgeht.»
«Verstanden. Und jetzt lass mich los. Der Gegner steht uns ja fast schon auf den Zehen.»
Vallon ließ ihn los, und Drogo hastete davon.
«Wo soll ich Stellung beziehen?», fragte Wayland.
«Bei den Fußsoldaten. Ziele auf Thorfinn. Wenn du ihn tötest, gewinnen wir diesen Kampf mit Leichtigkeit. Halt dich aus dem direkten Kampfgetümmel und schieß deine Pfeile dorthin, wo sie dem Gegner den größten Schaden zufügen. Gott schütze dich.»
Wayland nickte und rannte davon.
Vallon wartete noch etwas, bevor er sich selbst von dem Hügelkamm zurückschob. Als er außer Sicht war, rannte er los, um sich unter der Fichte zu verstecken. Sein Blick zuckte herum und überprüfte, dass alle seine Männer gut verborgen waren. Dann hörte er die stampfenden Schritte der herankommenden Wikinger und murmelnde Stimmen. Er schob sich tief unter die Zweige und hielt mit der Hand eine Lücke auf, durch die er die Wikinger beobachten konnte. Ihm war schlecht vor Anspannung.
Dann stapfte der Anführer auf den Hügelkamm. Der Blick aus seinen hellen Augen wanderte von rechts nach links, sein Atem bildete Nebelwolken. Er trug eine Axt über der Schulter und ein Schwert an der Seite, und ein weiteres Schwert steckte in seinem Gürtel. Schlag der Schlange das Haupt ab, flüsterte es drängend in Vallons Kopf. Doch er widerstand dem Impuls. Er wartete mit gezogenem Schwert ab. Thorfinn Wolfsatem ging keine zwanzig Fuß entfernt an ihm vorbei, der Helm baumelte an seinem Gürtel wie die Trophäe eines fremdartigen Wesens. Vallon zählte, während die Männer vorbeizogen. «… acht, neun, zehn …» Dann schloss er die Augen und küsste sein Schwert.
«Angriff!»
Helgis Schrei, gefolgt von donnerndem Hufschlag, ein verzweifelter Ruf von Drogo, und das Zischen eines einzelnen Pfeils.
Wutschnaubend trat Vallon auf der anderen Seite unter dem Baum heraus. Thorfinn stand unverletzt da und brüllte seinen Männern Befehle zu. Helgi galoppierte mit erhobenem Speer auf die feindliche Linie zu. Drogo und die anderen Reiter folgten ihm ohne rechte Ordnung.
«Ich bringe dich um», murmelte Vallon und hastete rasend vor Zorn auf den nächststehenden Feind zu.
Der Wikinger drehte sich vor Überraschung mit offenem Mund um, und Vallon stieß ihm das Schwert in den Rachen. Der Hieb verursachte ein Geräusch wie ein Hackbeil, das in einen Fleischklumpen fährt. Zähne und Blut spritzten auf. Der Wikinger schlug sich die Hände vors Gesicht und brach zusammen.
«Auf sie, Männer!», rief Vallon, der sich den Wikinger hinter seinem ersten Opfer vornahm. Der Mann drehte sich zu ihm herum. Vallon wehrte seinen Angriff ab, wich einen Schritt zurück, und führte einen Gegenangriff aus. Sein Feind fing den Hieb mit dem Schild ab. Vallon täuschte links an, dann rechts, wieder links, rechts, brachte den Mann so aus dem Gleichgewicht, erkannte die Lücke in seiner Deckung und stieß zu. Der Mann ließ sein Schwert fallen und sah an seinem Arm herab, der nur noch an einem Muskelstrang baumelte. Vallon sprang breitbeinig zurück, um die Kampfsituation neu einzuschätzen.
Es war eine Katastrophe. Die isländischen Fußsoldaten stolperten gerade erst zu ihrem Einsatz, und Helgi ritt auf der Suche nach einfachen Zielen tänzelnd mit seinen Getreuen herum. Nur Drogo und Fulk kämpften diszipliniert, ritten Steigbügel an Steigbügel gegen den Feind, der eine ließ sein Schwert links, der andere rechts hinabfahren. Thorfinn schwang seine Axt in weiten Bögen herum und brüllte seinen Männern zu, sie sollten sich um ihn sammeln.
Vallon warf einen Blick über die Schulter und sah einen Isländer davontaumeln, die Hände um einen Speer gekrampft, der aus seinem Bauch ragte. Der Krieger, der ihn getroffen hatte, wich Vallons Hieb aus und rannte zu der Gruppe um seinen Anführer. Vallon zerrte zwei Isländer weg, die auf einen gefallenen Wikinger einhackten.
«Er ist tot, ihr Narren. Alle Mann zu mir!»
Nur sieben Isländer scharten sich um ihn, zwei waren getötet worden. Vallon zählte fünf tote Wikinger, doch die übrigen hatten um Thorfinn einen Schildwall gebildet und wehrten die Reiter mit ihren Speeren ab.
«Drogo, du musst den Wall durchbrechen! Zieh dich zurück und greif erneut an. Aber dieses Mal richtig.»
Drogo warf ihm einen verzweifelten Blick zu, schien den Kopf zu schütteln, dann ließ er sein Pferd wenden und rief den anderen zu, dass sie ihm folgen sollten. Zwanzig Schritt vom Feind entfernt drehten sie um und formierten sich. Eines der Pferde war schwer verletzt. Es brach in die Knie und warf dabei seinen Reiter ab. Die Wikinger wussten, dass ihre Stellung beinahe unangreifbar war, und brüllten Herausforderungen.