Richard kicherte hinter vorgehaltener Hand.
«Wir haben uns an Bord gekämpft», sagte Raul. «Ich habe mich um eine der Wachen gekümmert. Rorik und Bjarni haben die andere erledigt. Skapti ist bei dem Kampf getötet worden und ins Wasser gekippt, Gott nimm ihn in Gnaden auf.»
Vallon nickte. Er hatte nicht die geringste Vorstellung, wer Skapti gewesen war.
«Inzwischen waren die Wachen von den Hügelposten beinahe an der Bucht. Es blieb nur noch Zeit, das Ankertau zu kappen und das Schiff vom Ufer abzustoßen. Zwei von den Wikingern sind ins Wasser gerannt, aber wir haben mit Rudern auf sie eingeschlagen. Der andere ist am Ufer geblieben und hat Alarm geblasen. Während wir anderen die zwei im Wasser abwehrten, haben sich Hero und Richard darangemacht, das Feuer anzuzünden.»
«Es wollte einfach nicht brennen», sagte Hero. «Es stand mindestens ein Zoll Wasser im Schiff, und die Planken hatten sich mit Regen vollgesogen. Zum Glück für uns hatten die Wikinger das Segel ausgebessert. Wir haben es mit Öl eingeweicht, sämtliche Bündel mit Feuerholz um den Mast aufgeschichtet, und unsere Mischung darübergeschüttet. Selbst danach hat es noch eine Ewigkeit gedauert, bis das Feuer brannte. Als es sich dann aber richtig entzündete, sind die Flammen den halben Mast hinaufgeschossen. Die Wikinger hatten ihre Ruder im Schiff gelassen. Wir haben sie, zusammen mit allem anderen, was wir an Brennbarem finden konnten, eingesammelt und ins Feuer geworfen.»
Raul fiel ihm ins Wort. «Als die Wikinger das Feuer gesehen haben, hat der am Ufer das Beiboot ins Wasser geschoben, und die beiden im Wasser sind darauf zugewatet. Hero hat gebrüllt, dass wir von Bord müssten, aber die Rah und das Segel waren brennend aufs Deck gestürzt, und zwischen mir und unserem Boot loderte eine Feuerwand. Inzwischen waren die drei Wikinger schon beinahe am Schiff. Hauptmann, Ihr wisst, dass ich nicht schwimmen kann, sonst wäre ich über Bord gesprungen. Also habe ich die Luft angehalten, die Augen zugemacht und bin durch die Flammen gerannt. Und über eine Ruderbank gestolpert. Dabei hatte ich schon gedacht, ich hätte es geschafft.»
«Sein Körper hat geraucht, als er aus dem Feuer getaumelt ist», sagte Hero.
«Dann sind wir in unser Boot gesprungen und haben gerudert, was das Zeug hielt. Die Wikinger haben uns nicht verfolgt. Sie waren zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, ihr Schiff zu retten.»
«Und hatten sie Erfolg?»
«Als ich es zuletzt gesehen habe, hat es gebrannt wie eine Fackel.»
«Also ist es zerstört.»
«So gut wie», sagte Raul. «Mast weg, Segel weg, Ruder weg, Wanten weg. Der Kiel ist möglicherweise nur ein bisschen angekohlt, aber von den Planken mittschiffs ist bestimmt nur noch Asche übrig.»
«Wir haben nicht weiter abgewartet», sagte Richard. «Wir wussten, dass der Kampftrupp bald zurückkommen und uns möglicherweise im Beiboot verfolgen würde. Der Gedanke daran, was sie mit uns machen würden, wenn sie uns in die Hände bekämen, hat uns dazu gebracht, immer weiter zu rudern, obwohl wir schon längst mit unseren Kräften am Ende waren.» Er lachte leise. «Und hier sind wir wieder.»
Vallon sah ihn beinahe erstaunt an. «Hier seid ihr wieder.»
Untröstliches Schluchzen tönte durchs Lager. Garrick hatte die Shearwater zurück an ihren Liegeplatz gebracht, und alle hasteten ans Ufer, um zu erfahren, wie der Kampf verlaufen war. Vallon schob sich durch die Menge.
Caitlin kniete vor- und zurückschaukelnd über Helgis Leiche. Ihre Dienstmägde und das Gefolge ihres Bruders standen hinter ihr. Drogo winkte Vallon stirnrunzelnd zurück. Er zögerte. Da hob Caitlin ihren gramerfüllten Blick und sah ihn. Sie hörte auf zu schluchzen, und aus ihrer Kehle stieg ein dunkles Geräusch. Sie packte das Schwert, das an Helgis Seite lag und rannte damit auf Vallon zu. Drogo und ihre Dienerinnen liefen ihr nach, doch sie war bei Vallon angelangt, bevor die anderen sie zurückhalten konnten, und riss das Schwert mit beiden Händen hoch. Vallon streckte eine Hand aus und packte sie an den Handgelenken. Sie kämpfte gegen ihn an, dann aber erschlaffte sie und ließ das Schwert fallen. Tränen strömten aus ihren Augen. Sie sackte gegen ihn, und er musste sie festhalten, damit sie nicht zu Boden stürzte. Seit Jahren hatte Vallon keine Frau mehr umarmt, und es war ein äußerst seltsames Gefühl, nun eine Prinzessin an die Brust zu drücken, die nichts lieber wollte, als ihn zu töten.
Zwischen Schluchzern drangen ihre Worte zu ihm herauf. «Du hattest versprochen, ihn sicher zurückzubringen.»
«Es tut mir leid. Ich hoffe, der Gedanke tröstet dich, dass dein Bruder tapfer gestorben ist und den Feind ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben angegriffen hat.»
Sie hämmerte ihm mit den Fäusten an die Brust. «Du hast sein Leben verschenkt!»
Über ihre Schulter sah Vallon Drogo auf sich zukommen. «Was für Lügen hast du verbreitet?», fragte der Franke.
«Das waren keine Lügen», sagte Drogo. «Du wusstest, dass der Angriff sinnlos war.» Er wand Caitlin aus Vallons Armen. «Fass sie nicht an.»
Caitlins Mägde nahmen sie an den Ellbogen und führten sie weg. Vallon stand Drogo Auge in Auge gegenüber. «Ich hätte wissen müssen, dass du die Tatsachen zu deinen eigenen Gunsten verdrehen würdest. Nun, hier hast du die nächste Geschichte, die du verdrehen kannst. Das Langschiff ist ein Haufen Asche, und zwei weitere Wikinger haben ihr Ende gefunden.»
Drogos Kiefer unter den unrasierten Wangen mahlten. Er rang sich zu einer knappen Verbeugung durch.
«Gratulier nicht mir», sagte Vallon. «Es ist dein Bruder, dem die Anerkennung gebührt.»
Damit drehte er sich auf dem Absatz um.
«Vallon.»
Vallon hob nur eine blutverschmierte Hand. «Genug.»
Drogo lief ihm nach. «Helgi und ich hatten uns angefreundet. Gestern Abend, bevor wir ausgerückt sind, hat er mich gebeten, Caitlins Beschützer zu sein, falls er getötet würde. Ich habe ihm gesagt, es wäre mir eine Ehre. Ich habe geschworen, sie bis in den Tod zu verteidigen.»
Vallon blieb nicht stehen. «Sehr ehrenwert, und ich bin sicher, du wirst deinen Schwur einlösen. Aber was geht mich das an?»
Drogo schluckte, weil zu viele Gefühle in ihm umgingen, die er nicht ausdrücken konnte. Dann stieß er einen Zeigefinger vor. «Halte dich einfach von ihr fern. Das ist alles.»
Vallon suchte sich einen ruhigen Platz am Ufer, bevor er darüber nachdachte, was Drogo ihm hatte sagen wollen. Helgi musste die Begegnung bei dem See so geschildert haben, dass es aussah, als sei er – Vallon – in seine Schwester vernarrt. Drogo hielt ihn für einen Rivalen im Kampf um ihre Zuneigung. Die Dummheit dieses Normannen verärgerte Vallon. Er warf einen funkelnden Blick über die Schulter.
Gerade kam ihm Garrick mit einer Schale und etwas Brot nach. «Ihr habt immer noch nichts gegessen, Herr.»
Vallon aß schweigend und schaute dabei nachdenklich über den Fluss.
«Was tun wir jetzt?»
«Wir verlegen das Lager ans andere Ufer. Es wird ein paar Tage dauern, bis das Schiff wieder seetüchtig ist. Wayland kann solange Futter für die Falken besorgen. Und dann …» Vallon unterbrach sich. Beinahe hätte er gesagt, «… fahren wir nach Hause.» Er lächelte Garrick an. «Dann setzen wir unsere Reise fort. Wirst du mit uns nach Konstantinopel kommen?»
«Was sollte ich denn dort, Herr?»
«Was immer du tun willst. Es ist die größte Stadt auf der Welt.»
«Städte gefallen mir nicht. Ich war einmal in Lincoln. Von all den Leuten, die sich dort drängten, ist mir ganz schwindelig geworden.» Er warf Vallon einen scheuen Blick zu. «Ich träume davon, an dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, zehn Morgen Land zu kaufen. In Frieden zu leben und in der Erde beerdigt zu werden, von der ich stamme, an der Stelle, an der auch meine Eltern liegen und an der ich meine Kinder begraben habe. Ich weiß, es ist nur ein Traum.» Er lachte. «Dieser Daegmund wäre vermutlich nicht sehr erfreut, wenn ich zurückkäme. Er kann einem ganz schön das Leben vermiesen, das kann ich Euch sagen.»