«Ich hab’s dir ja gesagt!»
Das große Tier schwang den Kopf in Waylands Richtung. Blut tropfte aus seinem Maul. Es stieß ein klagendes Grunzen aus, dann sank es auf die Hinterbeine und kippte um.
Wayland hatte ein Klingeln in den Ohren. Der Hund schwamm, offensichtlich unverletzt, zu dem Kadaver auf der Landzunge zurück. Wayland blies die Backen auf und drehte sich um. Syth stand ein paar Schritte entfernt und starrte ihn entsetzt an. Er zog sein Messer.
«Ich stelle fest, ob es wirklich tot ist.»
Das Tier lag auf der Seite, Blut färbte das Wasser in seinem Umkreis dunkel. Wayland betrachtete das Auge und sah seine eigene Spiegelung, die mit jedem Moment matter wurde.
Der Hund beobachtete ihn mit einem kleinlauten Ausdruck im Blick. Wayland trat in seine Richtung. «Du hast Glück gehabt, dass er dir nicht das Kreuz gebrochen hat.»
Er zog das Tier ganz aus dem Wasser und band es mit einem Seil an einem Baum fest. Syth umkreiste die Beute, betrachtete sie von allen Seiten, wollte sie aber nicht berühren.
«Lauf zum Lager zurück, und sag Raul, er soll mit dem Beiboot herkommen.»
Sie drehte sich um und rannte los. Ihre Beine wirbelten auf die Art, die Wayland immer zum Lächeln brachten.
«Besser, sie kommen gleich mit allen beiden Booten!», rief Wayland.
Sie blieb kurz stehen und schoss dann, den Hund auf den Fersen, wie ein Pfeil davon.
Wayland sah ihr nach, und sein Lächeln erstarb. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Die aufgehende Sonne lag wie eine Goldkugel in einer Senke des Horizonts. Über Wayland flirrten die Birkenblätter wie blitzende Münzen. Er fühlte sich wie ein Mörder.
Die Sonne blendete ihn, als er wieder aufwachte. Gähnend stand er auf und spähte in Richtung des Wikingerlagers. Die Arbeitsgeräusche hatten aufgehört. Die Wikinger hatten das Langschiff aus dem Wasser gezogen, um die Reparatur fortzusetzen, und es wurde von der Krümmung der Bucht verdeckt.
Er wollte sich gerade wieder abwenden, als ihm eine ruckhafte Bewegung auffiel. Über den Bäumen, von denen die Bucht gesäumt war, schwang eine helle Spiere hoch. Wayland zog ein Gesicht. Sie richteten den Mast auf.
Im Wald schrie ein Tier. Der gequälte Schrei ertönte ein zweites Mal, nun schon weiter entfernt. Wayland musterte die Bäume hinter sich. Es gab Bären und Wölfe in diesem Wald. Er hatte ihre Spuren gesehen.
Als er wieder über den Fluss sah, glitt das Drachenschiff aus der Bucht, die neuen Planken bildeten einen scharfen Kontrast zum Rest des Schiffsrumpfs. Riemen wurden herausgeschoben und dann nicht weiterbewegt. Auch wenn sie mit ihrem Schiff noch nicht aufs offene Meer konnten, so waren sie doch imstande, der Shearwater den Fluchtweg zu blockieren. Dann wurden die Ruder eingetaucht, und das Langschiff schob sich zurück in seinen Schlupfwinkel. Wenig später setzte das Hämmern und Pochen wieder ein.
Wayland spähte flussaufwärts und sah die beiden Boote auf sich zukommen. Als Raul das Tier sah, schob er seine Mütze aus der Stirn.
«Wie viele Pfeile hast du gebraucht?»
«Einen. Weißt du, was das ist?»
«Ein Elch. Ich habe an der baltischen Küste welche gesehen. Gutes Fleisch. Wenn wir es räuchern, sind wir versorgt, bis wir Norwegen erreicht haben.» Sein Blick traf auf die Birkhühner, die beim Stamm eines Baumes neben dem Tier lagen. «Und Futter für die Falken hast du auch.»
«Das reicht noch nicht.»
«Morgen Abend kannst du wieder jagen gehen.»
Wayland schüttelte den Kopf. «Die Wikinger haben ihr Langschiff repariert. Sie haben sogar schon einen neuen Mast aufgestellt.»
Raul musterte das feindliche Ufer. «Ein Mast nützt überhaupt nichts ohne Segel.»
«Darauf kommt es doch hier gar nicht an. Sie kontrollieren trotzdem den Fluss.»
Vallons Gruppe schlief auf der Shearwater, die mitten auf dem Fluss vertäut war – eine Vorsichtsmaßnahme, falls Drogos und Helgis Männer versuchen sollten, das Schiff in die Hand zu bekommen. Am nächsten Morgen brachten sie die Shearwater wieder bis dicht ans Lager der Isländer und setzten den Anker in nur fünf Fuß tiefem Wasser. Die Flüchtlinge drängten sich mit ihrer Verpflegung und den wenigen Waren, die sie hatten retten können, am Ufer. Vallon hob die Hand.
«Bevor ihr an Bord geht, ein paar Regeln. Erstens: Sämtliche Essensvorräte gehen in einen gemeinsamen Vorrat.»
Ein Murren erhob sich, und manche Isländer drückten ihr Bündel fester an die Brust.
«Es liegt bei euch. Behaltet ihr euer eigenes Essen, geht ihr auch eurer eigenen Wege. Richard hat an Bord das Sagen über die Vorräte, und er sorgt dafür, dass jeder seinen gerechten Anteil erhält. Ihr könnt einen von euren eigenen Leuten benennen, um ihn zu unterstützen.»
Die Stimmen versiegten.
«Außerdem darf kein Isländer auf dem Schiff eine Waffe tragen, es sei denn, ich habe es ihm erlaubt. Ihr müsst eure Waffen abgeben, wenn ihr an Bord kommt. Sie werden zum sofortigen Einsatz bereitgehalten, aber wenn irgendjemand ohne meine Anweisung ein Schwert in die Hand nimmt, betrachte ich das als Meuterei.» Ohne auf die neue Protestwelle zu achten, drehte sich Vallon zu Garrick um. «Hol sie an Bord. Aber als Erstes bringst du die Pferde in den Laderaum.»
Als das erledigt war, bestiegen die Isländer das Schiff. Raul und Garrick sammelten ihre Waffen ein, Hero und Richard die Vorräte. Als einer der Männer an Deck gesprungen war, packte ihn Raul am Arm, griff in die Kitteltasche des Mannes und zog ein Säckchen hervor. Er öffnete es und roch an dem Inhalt. «Gerste», sagte er und stieß den Schmuggler ärgerlich übers Deck.
Das Heck füllte sich. Caitlin stand an der Laufplanke am Ufer und stritt sich mit Helgis Männern Tostig und Olaf herum.
«Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit», sagte Vallon.
Tostig sah auf. «Wir werden unsere Schwerter nicht abgeben.»
«Dann bleibt ihr eben hier. Damit tut ihr mir sogar einen Gefallen.»
Caitlin sagte etwas, das Vallon nicht mitbekam. Darauf rannten Tostig und Olaf wutentbrannt über die Planke und schleuderten ihre Schwerter mit solchem Schwung von sich, dass Raul beide Hände brauchte, um sie aus den Decksplanken zu ziehen.
In einem einfachen Wollgewand ging Caitlin mit ihren Mägden die Planke hinauf. Vom Deck aus streckten sich ihr Hände entgegen, und die Isländer machten ihr Platz.
Nun waren nur noch die beiden Normannen am Ufer. «Fulk wird sein Schwert abgeben», sagte Drogo. «Aber du weißt, dass ich das nicht tun kann.»
«Ich verstehe», sagte Vallon. «Garrick, zieh die Planke ein, Drogo und seine unbefleckte Ehre wollen lieber zurückbleiben.»
«Als wir gegen die Wikinger gekämpft haben, warst du sehr dankbar für mein Schwert. Vermutlich brauchst du es noch, bevor diese Reise zu Ende ist. Ich gebe dir mein Wort, dass ich es nicht gegen dich erhebe, solange wir nicht an einem sicheren Ort sind.»
Vallon sah seine Leute an. Raul zuckte mit den Schultern. Er drehte sich wieder zu Drogo um. «Ich nehme dein Versprechen an. Jetzt komm an Bord. Wir verpassen noch den Sog der Ebbe.»
Die Isländer drängten sich auf dem Achterdeck. Raul stellte sich auf eine Ruderbank, um sie zu zählen. «Dreiundzwanzig. Hauptmann, selbst wenn wir die Gefangenen befreien könnten, hätten wir keinen Platz für sie.»
Vallon nickte, dann bat er um Ruhe. «Die meisten von euch waren auf dem Weg nach Nidaros, aber wir haben nicht genügend Essen und Wasser für eine so lange Überfahrt. Wir bringen euch zum nächsten Hafen. Von dort an müsst ihr euch um euch selbst kümmern. Bis dahin gelten noch ein paar weitere Regeln. Einige von euch wissen, dass ich in Spanien gegen die Mauren gekämpft habe. Dabei ist mir aufgefallen, dass die muslimischen Gegner gesünder waren als die Leute aus den christlichen Armeen. Die Mauren verhindern das Fieber, indem sie sich die Hände waschen, bevor sie etwas Essbares anfassen und nachdem sie ihrem natürlichen Bedürfnis nachgekommen sind.»