Raul übersetzte. «Bin nicht sicher, ob sie Euch richtig verstehen, Hauptmann.»
«Dann sag ihnen, sie sollen in die Kübel scheißen, die im Heck bereitstehen, und sich hinterher die Hände waschen. Und es gibt keine privaten Kochfeuer. Das Essen wird in Schichten eingenommen.» Vallon hob die Hand. «Und noch eine letzte Sache. Das Vorderdeck ist für meine Leute reserviert. Niemand betritt es ohne meine Erlaubnis. Das war’s.»
Vater Hilbert bat um Aufmerksamkeit. «Bevor wir uns den Gefahren stellen, die uns erwarten, lasset uns auf den Knien um Gottes Gnade und Barmherzigkeit flehen und um Vergebung für all die schändlichen Verfehlungen …»
«Betet während der Fahrt», sagte Vallon. Er nickte Garrick zu. «Hol den Anker ein.»
Die Shearwater war keine Meile mehr von dem Wikingerlager entfernt, als die Späher Alarm schlugen.
«Wir halten uns dicht am linken Ufer», befahl Vallon. «Raul, bereite dich darauf vor, die Waffen auszugeben.»
«Sie schaffen es nicht, ihr Schiff schnell genug aus der Bucht zu bringen», meinte Wayland. Er hatte von der Jagd am Vorabend die Nachricht mitgebracht, dass die Piraten das Langschiff für weitere Reparaturen wieder auf den Strand gezogen hatten.
Die Ebbe zog sie flussabwärts. Dann kam die Bucht in Sicht.
«Da sind sie!»
Die Wikinger rannten am Ufer auf und ab, brüllten und schwenkten ihre Waffen. Einige zerrten die unglückseligen Gefangenen hinter sich her, die aneinandergefesselt waren. Sie wurden bis ans Wasser getrieben, wo sie auf die Knie fielen, die Arme flehend emporgereckt.
«Wir müssen sie retten!», rief einer der Passagiere, und ein anderer Isländer nahm seinen Ruf auf. Viele waren Verwandte oder Nachbarn der Gefangenen.
«Fahr weiter», sagte Vallon.
«Da ist Thorfinn», sagte Raul. «Gott, ist das ein Bastard.»
Nackt bis zum Gürtel schob der Anführer der Wikinger das Beiboot ins Wasser. Er sprang hinein, als die Shearwater das untere Ende der Bucht passierte. Bald tauchte das Boot hinter ihnen auf dem Fluss auf. Es wurde von vier Männern gerudert. Thorfinn hockte im Bug und trieb die Ruderer brüllend an, schneller auszuholen und tiefer durchzuziehen.
«Was will er denn?», sagte Raul.
«Ich glaube, er will verhandeln.»
Die Ruderer holten auf, hielten sich aber außer Schussweite einer Armbrust. Vier oder fünf Wikinger rannten am Ufer hinterher. Das Boot hielt sich auf gleichem Abstand, und Thorfinn legte die Hände wie einen Trichter um den Mund.
«Raul, sag den Isländern, sie sollen still sein. Garrick, bring uns in Hörweite.»
Die Shearwater drehte etwas nach Steuerbord.
«Das ist nahe genug.»
Thorfinn stand auf. «He, Franke. Wohin willst du? Glaubst du vielleicht, du kannst noch ums Nordkap segeln? Nein, dazu bist du zu spät dran. He, Franke. Hör mir zu. Selbst wenn du um das Kap kommst, verhungerst du, bevor du die nächste Siedlung erreicht hast.»
«Versteht Ihr, was er sagt?», fragte Raul.
«So ungefähr.»
«He, Franke. Reden wir.»
«Raul, was sagst du dazu?»
«Ich sage, wir fahren weiter.»
«Und du, Hero?»
«Ich finde, wir sollten herausfinden, was er zu sagen hat. Wir wissen, dass die Fahrt an der norwegischen Küste hinunter gefährlich ist. Die Strömungen sind tückisch, und die Berge fallen senkrecht ins Meer ab. Thorfinn kennt diese Gewässer. Vielleicht bekommen wir von ihm ein paar nützliche Informationen.»
Vallon richtete seinen Blick flussabwärts, zu beiden Seiten glitt der Wald an ihnen vorbei. Mit dieser Geschwindigkeit wären sie noch vor der Mittagszeit am Meer, und dann würde ihr Schicksal von so einfachen Gegebenheiten wie dem Wind und dem Wetter abhängen.
«Dreh bei.»
«Hauptmann, wir werden nicht das Geringste aus Thorfinn herausbekommen.»
«Wirf in der Mitte der Fahrrinne Anker. Wayland, sag Thorfinn, er soll näher heranrudern.»
Die Wikinger fuhren weiter auf die Shearwater zu und ruderten dann, in etwa hundert Schritt Entfernung, wieder rückwärts.
«Komm näher», rief Vallon. «Ich kann dich nicht hören.»
Thorfinn ahmte Ruderschläge nach. «Du kommst zu mir.»
Vallon überlegte. Etwas weiter flussabwärts teilte sich der Strom um zwei niedrige Felsvorsprünge, die von einer tiefen Wasserrinne getrennt wurden. Nach vielen Missverständnissen gelang es Vallon, sich verständlich zu machen. Er und ein anderer würde mit Thorfinn und einem weiteren Vertreter der Wikinger verhandeln, und sie würden sich dabei auf den Felsvorsprüngen gegenübersitzen.
Thorfinn nahm den Vorschlag mit einer Geste an. «Du gehst zuerst, Franke.»
«Komm mit, Wayland», sagte Vallon. «Und lass deinen Bogen hier.»
Sie stiegen in das Ersatzboot, ruderten zu den Felsvorsprüngen und kletterten auf die von Wind und Wetter polierte Oberfläche des einen Felsens. Wayland hielt an einem Tau das Boot fest. Thorfinn fuhr ans Ufer, damit seine Männer aussteigen konnten, dann ruderte er zusammen mit einem seiner Getreuen zu dem Felsen gegenüber.
Der Anführer der Wikinger stand im Bug und ließ seine Axt locker neben sich schwingen. Ihr sichelförmiges Blatt wog bestimmt fünfzehn Pfund, doch er hielt sie so lässig, als wäre sie ein Esslöffel. Zusätzlich trug er an der Hüfte ein Breitschwert, und hinten in seinem Gürtel steckte eine kurze Stichwaffe, ein Skramasax. Er sprang auf den Felsen, stolperte und kam der Wasserrinne gefährlich nah. Doch dann fing er sich, sah auf und grinste breit, sodass seine gelblich verfärbten Zähne zu sehen waren.
Vallon runzelte die Stirn. «Er spielt den Narren.»
Thorfinns Grinsen erlosch. Er hob die Axt, deutete damit zuerst auf Vallon, dann auf Wayland, und schätzte sie mit Blicken ab, die so kalt waren wie die einer Möwe. Sein Körperbau war enorm – er war beinahe sieben Fuß groß, mit Oberschenkeln wie Weinfässer und einer muskelbepackten Brust. Jahre des Umgangs mit der Kampfaxt und dem Schwert hatten seine rechte Schulter zu einem sehnigen Höcker werden lassen. Über seinen nackten Oberkörper zog eine indigofarbene Phantasieparade – Adler mit ausgebreiteten Schwingen, gewundene Schlangen, berittene Krieger. Mit einem hellen Klirren ließ er den Axtkopf auf den Felsen fahren.
«Du hast große Probleme, Frankmann.»
«Keine so großen wie du. Wir haben ein unbeschädigtes Schiff und eine Menge frisches Fleisch. Du hast weder das eine noch das andere.»
Thorfinn deutete mit der Axt auf das Wikingerlager. «Wir haben eine lebendige Speisekammer.» Er knirschte mit den Zähnen. «Hungrige Wölfe reißen immer besonders große Stücke heraus.»
«Außerdem hast du kein Segel und kein Tauwerk. Also kommst du nirgendwohin.»
Thorfinn ließ sich auf den Hintern fallen und musterte Vallon über das Heft seiner Axt hinweg. «Also gut, Franke, ich tausche vier Gefangene gegen das Segel von dem isländischen Schiff.»
«Ich will deine Gefangenen nicht. Ich habe jetzt schon mehr Isländer an Bord, als ich brauchen kann.»
Thorfinn sagte etwas zu seinem Truppenführer, bevor er sich wieder an Vallon wandte. «Was ich gesagt habe, stimmt. Du kannst nicht um das Nordkap zurückfahren. Frag die isländischen Schiffsmeister.»
«Ich würde es lieber von dir hören.»
«Die Herbstwinde stehen in der Gegenrichtung. Sie werden dich an den Felsen zerschmettern. Sie werden dich in den Mahlstrom treiben.»