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«Wenn das so ist, was hast du dann selbst so weit im Osten verloren?»

Thorfinn fuhr sich mit dem Handrücken unter der Nase entlang. «Wir haben uns diese Küste genauso wenig ausgesucht wie du. Wir waren auf einer Ausfahrt zu den Färöern, als uns der Sturm erwischt und ums Kap herumgeblasen hat.»

«Das zeigt doch nur, wie schwankend die Winde sein können. Es sind immer noch ein paar Wochen bis zum Winter. Wir brauchen nur zwei oder drei Tage Ostwind, um zurück ins offene Meer zu kommen.»

Thorfinn stand auf. «Angenommen, du kommst um das Kap. Zwischen hier und Halogaland gibt es keine Siedlungen. Dort liegt mein Land. Die Ernte war schlecht dieses Jahr. Was glaubst du, wie dich meine Leute empfangen werden, wenn du kommst und um Essen und ein Dach über dem Kopf bettelst?» Er schnalzte mit der Zunge und zog die Klinge seiner Axt vor seiner Kehle vorbei.

«Warum sollte ich glauben, was du da sagst?»

Thorfinn sah ihn nachdenklich an. «Die Isländer sagen, du bist unterwegs zum Warägerweg.»

«Der Weg zu den Griechen», bestätigte Wayland.

«Und wenn es so wäre?», sagte Vallon.

«Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu erreichen.» Thorfinn griff nach einem Beutel an seinem Gürtel und nahm eine Prise Pigmentstaub zwischen die Finger. Er befeuchtete ihn im Fluss, kniete sich auf den Felsen, und begann eine Form auf den Stein zu zeichnen. Zuerst wirkte sie wie der Umriss eines dicken Daumens, und dann, am Ansatz des Daumens, fügte er ein schnörkeliges V hinzu.

«Was soll das denn sein?»

Thorfinn setzte seinen Zeigefinger auf den Anfang der Linie und tippte mehrfach darauf.

«Er will sagen, dass das die Stelle ist, an der wir jetzt sind», erklärte Wayland.

«Ja, ja. Genau.» Thorfinn deutete nach Osten, setzte seinen Finger auf den Anfang der Linie und verfolgte sie in drei Bögen bis zum Ende des Daumens. «Nach drei Segeltagen weicht das Land Richtung Süden in die Bucht der Gefahren zurück. Die Rus nennen es das Weiße Meer. Von dort aus kommt man auf einem Fluss Richtung Süden durch ein Waldgebiet nach Holmgard.»

«Holmgard ist der nordische Name für Nowgorod», sagte Wayland.

Vallon war fasziniert. «Du hast diese Route schon genommen», sagte er zu Thorfinn.

«Natürlich. Für Felle und Sklaven. Das letzte Mal vor zwei Sommern.»

Vallon musterte die Zeichnung. Eine unbekannte Landschaft nahm in seinem Kopf vage Gestalt an. «Bucht der Gefahren hast du das Meer genannt.»

«An seinem Ufer leben Skraelinger, Lappen, Nomadenfischer und Rentierhirten. Auf unserer letzten Fahrt haben sie sich drei von meinen Männern geschnappt. Ich habe nicht einmal mitbekommen, wie es passiert ist. Ihre Zauberer können jede beliebige Gestalt annehmen.»

«Gibt es auf dieser Route Nahrung?»

«Um diese Jahreszeit wimmelt es am Ufer von Wildvögeln, und in den Flüssen drängen sich die Fische so dicht, dass sie kaum stromauf schwimmen können.»

«Und wie lange dauert es von der Bucht der Gefahren bis nach Nowgorod?»

«Von einem Neumond bis zum nächsten.»

«Einen ganzen Monat?»

«Hör zu, Franke, durch das Baltische Meer nach Nowgorod zu segeln würde dich drei Monate kosten.»

«Er hat vermutlich recht», sagte Wayland. «Wir haben ja schon zu den Orkneys drei Wochen gebraucht.»

Vallon sah wieder Thorfinn an. «Beschreibe mir die Route durchs Land.»

Thorfinn nahm wieder Kalk zwischen die Finger. Auf einem anderen Stück des Felsens zog er eine senkrechte Linie, der er einen kleinen Kreis hinzufügte. «Man folgt einem Fluss Richtung Süden, bis man einen See erreicht.» Er zog noch einen Strich und einen großen Kreis. «Das sind noch ein Fluss und noch ein See, der Onega heißt.» Darauf zeichnete er noch eine Senkrechte und einen Kreis, der so groß war, dass der Platz nicht reichte. «Und noch ein Fluss bringt dich zum Ladogasee, der sogar noch größer ist als der letzte. Folge seinem südlichen Ufer, und du bist im Land der Rus.»

«Und was hindert uns daran, uns diesen Weg alleine zu suchen?»

«In die Bucht der Gefahren münden hundert Flüsse. Aber nur einer davon führt nach Holmgard. Alle anderen führen ins Grab.» Thorfinn reckte die Brust. «Ich kenne den richtigen Fluss.»

«Und diese Route willst du nehmen?»

«Es ist der einzige Weg, den wir noch nehmen können. Selbst wenn wir ein Segel hätten, wäre unser Kiel zu schwach, um sich damit aufs offene Meer zu wagen. He, Franke, gib mir dein Ersatzsegel, und wir fahren zusammen nach Süden.»

Vallon sah stromaufwärts. «Hat dieser Fluss hier einen Namen?»

Thorfinn zuckte mit den Schultern. «Du kannst ihn nennen, wie du willst.»

«Er fließt nach Süden. Würde er uns nicht auch an unser Ziel bringen?»

Thorfinn schüttelte den Kopf. «Eine Tagesreise flussauf teilt er sich. Ein Arm fließt nach Westen, in dem anderen gibt es Stromschnellen, über die man nur mit kleinen Booten kommt.»

«Werden wir unser Schiff nach Nowgorod bringen können?»

Erneutes Kopfschütteln. «Eure Knarr hat zu viel Tiefgang.»

«Wir müssen über deinen Vorschlag beraten.»

Thorfinn machte eine weitausholende Geste. «Lass dir ruhig Zeit, Franke.»

Vallon sagte zu Wayland: «Was hältst du davon?»

«Die Route ist vermutlich schwieriger, als er behauptet, aber er würde uns nicht anbieten, uns zu führen, wenn sie nicht schiffbar wäre. Was ich nicht verstehe, ist, warum er diesen Vorschlag macht.»

«Das ist doch ganz einfach. Erstens sind er und seine Männer tot, wenn wir ihm kein Segel geben. Zweitens will er unsere Passagiere als Sklaven verkaufen und unsere Handelswaren erbeuten. Weil er unser Schiff nicht erobern kann, hofft er, uns am nächsten Handelsplatz wie die Schafe zur Schlachtbank treiben zu können. Auf diese Art muss er uns auf der Reise nicht einmal verköstigen.»

«Ein Waffenstillstand würde nicht so lange halten. Ein falsches Wort, ein kleiner Rückschlag … Außerdem würde es bedeuten, dass wir die Shearwater aufgeben. Wenn sich die Überlandstrecke als unpassierbar erweist, gibt es keinen Weg zurück.»

«Ich weiß.» Vallon spreizte Daumen und Zeigefinger und umfasste seine Stirn. Dann schaute er stromauf zu ihrem Schiff. Alle an Bord beobachteten sie und fragten sich, welches Schicksal wohl für sie beschlossen wurde. «Es ist eine schwere Entscheidung. Was würdest du machen?»

Wayland ließ seinen Blick über den Wald und dann zum Himmel hinaufschweifen. Vallon wartete ab. Seine Lage setzte ihm zu – hier saß er auf einem Felsen inmitten eines namenlosen Flusses in der Wildnis und verhandelte mit einem Barbaren.

«Es sind die Falken», sagte Wayland schließlich. «Wenn wir den Seeweg nehmen, werden sie alle sterben. Schon ein paar Tage ohne Futter wären zu viel. Wenn es in dem Land, das Thorfinn beschrieben hat, nur halb so viel Wild gibt, wie er behauptet … Ich habe für diese Falken sehr viel auf mich genommen. Wenn es nach mir ginge, würde ich das Wagnis mit dem Überlandweg eingehen.»

«Ich auch, aus unterschiedlichen Gründen. Einer davon ist, dass Drogo nichts gegen uns unternehmen wird, solange er sich wegen der Wikinger Sorgen machen muss.»

Thorfinn saß auf seinem Felsen und bohrte sich mit dem Finger im Mund herum.

Vallon suchte seinen Blick. «Wir stellen Bedingungen.»

Der Wikinger stand auf und schüttelte den Kopf. «Zuerst gibst du mir das Segel und die Taue. Danach reden wir vielleicht weiter.»

«Ich gebe dir ein halbes Segel.»

«Nein!»

«Ein halbes Segel und genügend Tau zur Takelung. Als Gegenleistung übergibst du die weiblichen Gefangenen und vier von deinen Männern als Geiseln. Dafür bekommst du von uns sechs Männer. Die Geiseln werden jeweils die Sicherheit der Gegenseite garantieren. Wenn wir die Bucht der Gefahren erreicht haben, lassen wir sie frei.»