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Thorfinn schob den Unterkiefer hin und her. Dann beugte er sich vor und kniff die Augen zusammen, als könnte er so eine mögliche List erkennen. «Warum sechs von deinen Leuten?»

«Weil die Isländer eine Belastung sind, und je weniger ich auf dem Schiff habe, desto leichter wird es für mich. Ich versorge dich sogar mit der Verpflegung für die sechs Geiseln.»

Thorfinn und sein Truppenführer steckten die Köpfe zusammen, um sich zu beraten. Schließlich drehte er sich um.

«Die Frauen kriegst du nicht. Warum willst du sie? Du bist ja nicht mal mit ihnen verwandt.»

«Solange du sie nicht freilässt, gebe ich dir das Segel nicht.»

«Dann sind wir alle dem Tod geweiht, auch sie.»

Vallon sah Wayland an. «Ich kann das Leben von zwanzig nicht für zwei aufs Spiel setzen. Es wird noch eine andere Gelegenheit geben, sie zu retten.» Er wandte sich wieder an Thorfinn. «Wir besprechen das Schicksal der Frauen ein anderes Mal. Die übrigen Bedingungen sind nicht verhandelbar.»

Thorfinn lächelte, als wäre hinter Vallons Kopf plötzlich ein besonders erfreulicher Anblick aufgetaucht. «Gib mir sechs kräftige Männer, die sich in die Riemen legen können.»

Raul rief nach ihnen.

«Gleich kommt der Gezeitenwechsel», sagte Wayland.

«Wie schnell kannst du dein Schiff bereitmachen?», fragte Vallon Thorfinn.

«Bis morgen.»

«Wir machen den Austausch an der Flussmündung. Falls du uns dort nicht antriffst, haben wir einen günstigen Ostwind erwischt.»

Ein wütender Proteststurm erhob sich, als Vallon auf die Shearwater zurückkehrte und die Änderung seiner Pläne verkündete. Die Isländer hätten sich beinahe auf ihn gestürzt, aber Raul hielt sie zurück. Drogo drängte sich nach vorn.

«Du hast kein Recht, unser Leben aufs Spiel zu setzen.»

«Ganz gleich, was wir machen, unser Leben steht in jedem Fall auf dem Spiel.» Vallon hob den Arm. «Ruhe! Hört euch an, was ich zu sagen habe.»

Der Aufruhr legte sich. «Ihr alle kennt meine Geschichte», sagte Vallon. Dann deutete er auf Drogo. «Ihr wisst, das mich dieser Mann nach Island verfolgt hat, um Rache für eine Ehrverletzung zu nehmen, die einzig und allein in seinem Kopf existiert.» Er deutete auf Caitlin. «Und ihr wisst, dass mich auch der Bruder dieser Dame für eine eingebildete Verletzung ihrer Ehre zum Kampf herausgefordert hat. Und doch habe ich sowohl Drogo als auch Helgi gerettet.»

Bleiernes Schweigen senkte sich über die Versammlung. «Und wisst ihr, weshalb? Weil ich euch alle zum Tode verurteilt hätte, wenn ich sie im Stich gelassen hätte. Gott weiß, ich bin kein Heiliger, aber als ich die Wahl hatte, nur meine eigenen Leute zu retten und dafür Unschuldige sterben zu lassen, habe ich den Weg eines Christenmenschen eingeschlagen. Und diesem Weg folge ich weiterhin. Die Alternative und auch die einfachere Lösung wäre es, die Fahrt ums Nordkap zu wagen und euch beim ersten Hafen abzusetzen. Würde ich das tun, dann würden die meisten von euch entweder verhungern oder versklavt werden. Der Weg, den ich wähle, wird gefährlich sein. Einige von uns werden das Ziel nicht erreichen, aber ich glaube, dass er uns allen die besseren Aussichten bietet.»

Damit war Vallon noch nicht am Ende: «Ihr habt mich gebeten, eure Nachbarn und Verwandten zu befreien. Jetzt könnt ihr euren Worten Taten folgen lassen. Ich brauche vier Männer, die als Geiseln auf dem Schiff der Wikinger mitfahren. Ihnen wird kein Leid geschehen.»

Doch Worte haben nur eine begrenzte Macht. Die Shearwater war schon beinahe an der Flussmündung, bis die Isländer vier Männer aus ihren Reihen stark genug unter Druck gesetzt hatten, damit diese sich als Geiseln zur Verfügung stellten.

Wayland sah Vallon stirnrunzelnd an. «Du hast Thorfinn sechs Geiseln versprochen.»

«Die anderen beiden stelle ich. Garrick.»

Der Engländer zuckte zusammen.

«Wenn du als Geisel zu Thorfinn gehst, findest du vielleicht eine Möglichkeit, die Frauen zu befreien.»

«Ja, Hauptmann.»

Die Übrigen starrten Vallon betroffen an. Er ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern. «Ich brauche jemanden, der die Wikinger ausspioniert. Der feststellt, welche Stärken und Schwächen und welche Gewohnheiten sie haben. Nach so vielen Rückschlägen wird die Stimmung unter ihnen wohl nicht gut sein. Möglicherweise können wir ein paar von ihnen auf unsere Seite bringen.» Sein Blick wanderte über Raul hinweg und blieb an Wayland hängen, doch dann glitt er weiter zu einem anderen.

«Hero. Ich schicke dich zu ihnen.»

XXXIII

Von Nordwesten trieb schneidend kalter Wind Regenböen vor sich her. Die Shearwater lag im Windschatten der Flussmündung.

«Warum ich?», sagte Hero zum tausendsten Mal. «Warum überhaupt einer von uns? Das hat Thorfinn nicht zur Bedingung gemacht. Vallon hat mich eingesetzt wie einen Bauern auf dem Schachbrett.»

«Es ist ja nicht für lange», beruhigte ihn Richard.

«Zehn Tage mit einer Bande mordlustiger Wilder!»

Jemand rief etwas, und das Schiff neigte sich, als alle auf eine Seite stürzten.

«Dort kommen sie!», rief Vallon. «Zieht das Segel auf. Wir drehen auf die Windseite.»

Der scheckige Rumpf des Langschiffs tauchte aus den Regenschleiern auf.

«Ich würde an deiner Stelle gehen, wenn ich könnte», sagte Richard.

«Das weiß ich.» Hero brachte ein schwaches Lächeln zustande. «Das Seltsame ist, dass ich dasselbe für dich tun würde.» Er stand auf, seine Decke rutschte ihm von den Schultern, und er küsste Richard auf beide Wangen. «Falls du mich nicht wiedersiehst, sollst du wissen, dass ein Teil meines Herzens für immer bei dir bleibt.»

Garrick hob die Decke auf und legte sie Hero wieder um die Schultern. «Ich passe gut auf ihn auf.»

Die Shearwater krängte, als sich das Schiff auf die ostwärts gelegene Landspitze ausrichtete. Eine halbe Meile in Windrichtung vor dem Langschiff befahl Vallon, das Segel einzuholen. Die Wikinger hörten auf zu rudern. Vallon beobachtete sie lange und schweigend, und Hero hatte das Gefühl, dass er selbst in diesem Moment noch seine Meinung ändern könnte.

«Die Wikinger machen ihr Beiboot klar», sagte Raul. «Sieht so aus, als wollten sie die Sache durchziehen.»

«Ins Boot», sagte Vallon.

Zwei Ruderleute stiegen ein, dann kletterten die vier isländischen Geiseln in das Boot. Vater Hilbert erklärte ihnen, dass sie nun Gottes Zorn für ihre Sünden ernteten, dass sie aber, wenn sie wahre Reue zeigten, dereinst vielleicht dennoch in die glückseligen Gefilde des Himmels eingehen könnten.

Vallon raunte ihm leise zu: «Wenn Ihr nicht augenblicklich einen anderen Ton anschlagt, findet Ihr Euch gleich bei den Wikingern zum Predigen wieder.»

Dann nahm er Garrick beiseite, und der Engländer grinste, als er sich mit einem Handschlag verabschiedete. Anschließend wandte sich Vallon an Hero.

«Hasse mich nicht zu sehr. Ich habe dich ausgewählt, weil du einen raschen Verstand hast und überzeugend reden kannst. Bald bist du wieder bei deinen Gefährten.» Er nahm Hero an den Schultern, legte sein Gesicht an Heros Wange und fügte leise hinzu. «Du bist mir so lieb wie mein eigener Sohn. So, jetzt habe ich es gesagt. Keinen Augenblick zu früh.»

Verwirrt von diesem Bekenntnis, kletterte Hero ins Boot. Das halbe Segel und das Tauwerk wurden hinuntergereicht. Dann löste jemand die Vertäuung, und unter bedauernden und ermutigenden Rufen wurden die Geiseln davongeschickt.

Mit dem Wind im Rücken bewegte sich das Beiboot der Wikinger schneller, als die Isländer rudern konnten. Heros Truppe hatte erst ein Drittel der Strecke zu dem Langschiff zurückgelegt, als das Beiboot der Wikinger schon bei ihnen angelangt war. Keine Seite konnte sich den Blick auf den Gegenpart verkneifen. Zwei der Wikinger bemühten sich um eine betont gleichgültige Miene. Einer zog Rotz hoch und spuckte aus. Der vierte, er war sehr jung, sah genauso verängstigt aus, wie Hero sich fühlte. Sein Gesicht war bleich, und er biss die Zähne zusammen. Ihre Blicke trafen sich und ließen sich nicht los, bis die Boote aneinander vorbeigeglitten waren.