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Dann zwang sich Hero, nach vorn zu blicken. Ein heftiger Ruderschlag besprühte ihn mit Gischt. Wenn sie durch ein Wellental fuhren, sah er von dem Langschiff nichts außer dem Mast. Sie kamen näher heran, und langsam konnte er die Gestalten der Männer ausmachen, die an der Reling des Langschiffs standen und allesamt von Thorfinn überragt wurden.

Das Beiboot kam längsseits. Hero fiel auf, dass die neuen Planken des Langschiffs mit groben Holznägeln gesichert, der Rumpf mit einem Rahmen aus Holzstangen verstärkt und die neuen Ruderbänke nur grob zurechtgezimmert worden waren. Die Wikinger zogen die vier Isländer an Bord und schoben sie nach achtern zu den Gefangenen. Als Garrick ihnen folgen wollte, verstellte ihm Thorfinn den Weg.

«Engländer?»

Garrick nickte.

«Hast du mein Schiff angezündet?»

«Ich bin Bauer. Der Franke hat mich geschnappt, als ich meine Felder bestellt habe. Ich hatte noch nie im Leben ein Schwert in der Hand.»

Thorfinn schob ihn weg. Dann kletterte Hero in das Langschiff und rutschte auf dem schrägen Rumpf aus. Thorfinn fing ihn am Unterkiefer auf und zog ihn zu sich heran.

«Franke?»

«Grieche», murmelte Hero.

Thorfinns Zähne waren fleckig, und sein Atem stank. «Hast du mein Schiff angezündet?»

«Nein», krächzte Hero.

«Einer der Männer, die mein Schiff angezündet haben, war schwarzhaarig. Du hast schwarze Haare.»

«Sehe ich etwa wie ein Krieger aus? Ich bin Student. Ich studiere Medizin.»

Thorfinn hob das Kinn in Richtung der isländischen Geiseln. «Die wissen, wer mein Schiff angesteckt hat. Und sie werden es mir erzählen.»

Der Anführer der Wikinger ließ Hero los, und er taumelte zu einer unbesetzten Ruderbank. Einer der Wikinger schlug ihn mit einer Knute.

«Rüber zu dem englischen Sklaven.»

Hero setzte sich neben Garrick. Man drückte ihnen Riemen in die Hand. Thorfinn begann mit dem Stiel seiner Axt an den Vordersteven zu klopfen. «Er gibt den Takt vor», sagte Garrick.

Beim Rudern musterte Hero die isländischen Gefangenen. Die Männer wirkten beschämt und wichen seinem Blick aus, die beiden Frauen wollten ihn überhaupt nicht ansehen. Es waren Mutter und Tochter, das Mädchen nicht älter als fünfzehn Jahre. Ihr Vater hatte mit bloßen Händen versucht, sie zu beschützen, und die Wikinger hatten ihn kurzerhand über Bord geworfen.

Dann riskierte Hero einen Blick über die Schulter und sah, wie sich die Shearwater entfernte.

Ihr Kurs führte sie zwischen eine große, flache Insel und eine teilweise zugeschneite Granitküste. Kurz nach der Mittagszeit waren die Wikinger mit der Takelung des Segels fertig, sodass eine wohltuende Ruderpause eingelegt werden konnte. Noch unter einem halben Segel flog die Drakkar beinahe übers Wasser, ihr notdürftig reparierter Rumpf wand sich durch die Wogen wie eine Schlange. Der Wind peitschte Gischt von den Wellenkämmen und ließ Tropfenschauer ans Dollbord hageln. Die Shearwater zog unter gerefftem Segel dahin, verschwand manchmal hinter den Regenschleiern und tauchte unter einem Regenbogen wieder auf.

Die beiden Schiffe blieben in Sichtkontakt, und gegen Abend führte Thorfinn sie in eine Flussmündung, wo sie etwa eine halbe Meile voneinander entfernt an den gegenüberliegenden Ufern ankerten. Die Wikinger aßen das Elchfleisch, mit dem Vallon sie versorgt hatte, und gaben den Geiseln so ranzigen Stockfisch, dass Hero schon beim ersten Bissen würgte. Einer der Piraten musterte ihn über das funkensprühende Lagerfeuer aus Treibholz hinweg. «Stimmt es, Grieche, dass du von England hierhergesegelt bist?»

«Von noch weiter. Vallons Reise hat in Anatolien begonnen. Meine in Italien.»

Der Wikinger grinste seine Kameraden an und beugte sich vor. «Erzähl uns davon. Deine Geschichte muss nicht wahr sein, nur unterhaltsam.»

Also berichtete Hero mit leichten Abänderungen von ihrer Reise und erzählte, Vallon sei ausgezogen, um das Lösegeld für einen Waffenbruder zu überbringen, der bei Manzikert von den Türken gefangen genommen worden war.

Er wurde mit Fragen überhäuft. Wer waren die Seldschuken? Wo hatte Vallon gekämpft? Hatte Hero Miklagard besucht? Stimmte es, dass der Papst auf einem goldenen Thron von fünfzig Fuß Höhe saß?

Als es dunkel und er heiser geworden war, verkündete Hero, er habe für einen Tag genug erzählt. «Ich mache morgen weiter. Wir sind schon so lange unterwegs und haben so viele Abenteuer erlebt, dass ich euch damit unterhalten kann, bis wir bei dem Wald angekommen sind.»

Er legte sich neben Garrick und schloss die Augen. Kaum war er eingeschlafen, erwachte er schon wieder, weil die Männer am Lagerfeuer lärmend aufstanden und weggingen. Er drehte sich zu Garrick um.

«Wohin gehen sie?»

«Zu den Frauen. Hör einfach nicht hin.»

Aus der Dunkelheit jenseits des Feuers kam rhythmisches Keuchen und Grunzen. Dann hörte es auf, und einer der Wikinger schlenderte zum Feuer zurück und sank gähnend auf sein Deckenlager. Die brünstigen Geräusche fingen wieder an, unterbrochen von Wimmern und gelegentlichen Scherzen derjenigen Wikinger, die noch warteten, bis sie an der Reihe waren.

Hero starrte ins Feuer, als könnten die Flammen die Bilder in seinem Kopf auslöschen. So saß er da, bis alle Männer fertig und zu ihren Schlafplätzen zurückgekehrt waren. Als er aufsah, bemerkte er, dass ihn Thorfinn mit einem mörderischen Blick ansah. Dabei zwinkerte er ab und zu mit einem Auge und fuhr sich mit der Zunge innen an der rechten Wange entlang.

An den meisten Tagen, wenn Wind und Gezeiten es zuließen, setzten die beiden Schiffe bald nach Sonnenaufgang das Segel und gingen am frühen Nachmittag vor Anker. Den Rest des Tages verbrachten die Besatzungen damit, an Land nach Beeren und Treibholz zu suchen, und zogen dabei in unterschiedliche Richtungen über das karge Küstenland. Die Geiseln bekamen zumeist steinhartes Brot und stinkenden, luftgetrockneten Kabeljau zu essen, der die Konsistenz von aufgewärmtem Schuhleder behielt, ganz gleich, wie lange er gekocht wurde. Der Geruch hing wie eine Glocke über dem Schiff. Etwas anderes hatten die Wikinger zur Verpflegung nicht dabei, weil sie es nicht mehr gewagt hatten, auf die Jagd zu gehen, nachdem ihr Schiff angesteckt worden war. Einer von ihnen erzählte Hero, dass sie im Wald außerdem unheimliche Totemzeichen gesehen hätten, die von den Ästen der Bäume herabhingen. Einige davon waren nur Schritte von den Stellen entfernt gewesen, an denen ihre Späher Wache gestanden hatten.

«Die müssen von Wayland gewesen sein», sagte Hero. «Er ist nach der Geburt im Wald ausgesetzt und von seinem riesigen Hund aufgezogen worden.»

Die Wikinger sahen unbehaglich ins Halbdunkel. Die Omen der Natur schienen sie sehr zu beeindrucken.

Thorfinn ließ die flache Seite seiner Axt zu Boden fahren. «Säe Furcht und ernte Entsetzen.» Er funkelte seine Getreuen wütend an. «Der Hund kann den englischen Jungen gar nicht aufgezogen haben. Er ist siebzehn, und ein Hund lebt kaum halb so lange.»

Niemand sagte ein Wort. Dass der Hund anscheinend nicht alterte, ließ ihn nur noch furchterregender erscheinen.

Am dritten Nachmittag kamen sie an einen Küstenabschnitt, dem eine Inselkette vorgelagert war. Die Trupps schwärmten zur Nahrungssuche aus, und Hero fand sich allein mit Arne wieder, einem Wikinger, dessen ruhiger Blick und verträglicher Umgang so gar nicht zu seinem gewalttätigen Beruf passen wollten. Sie entdeckten Heidelbeeren und Krähenbeeren, und Hero stillte sein Bedürfnis nach Zucker, bis seine Lippen blau gefärbt waren.