Arne kauerte ein paar Schritt weiter und begutachtete einen flachen Felsen. In die Oberfläche waren Dutzende Strichzeichnungen geätzt, die Männer auf der Jagd zeigten.
«Das haben die Skraelinger gemacht», sagte Arne. «Im Frühling ziehen sie mit den Rentieren an die Küste, und im Herbst kehren sie in die Wälder zurück. Wir werden ihnen auf dieser Reise bestimmt noch begegnen.»
Die beiden Männer ließen sich nebeneinander nieder und lehnten sich mit dem Rücken an den Felsen. «Hier», sagte Arne und gab Hero ein Stück geräuchertes Elchfleisch. «Erzähl es keinem.»
Sie kauten. Nach einem Bissen Brot sagte Arne: «Was gäbe ich um einen frischgebackenen Laib Brot.»
«Oder einen Teller Pfannkuchen, von denen noch die Butter trieft», sagte Hero.
«Und Honig», fügte Arne sehnsüchtig hinzu.
Hero lachte. «Wenn wir schon träumen, warum dann keinen Syllabub? Sahnecreme über einer Schicht Früchte und Mandeln. Und alles auf einem Kuchenboden, der mit Marsalawein gesüßt ist.»
Arne warf den Kopf in den Nacken. «Hör auf, mich zu foltern!» Dann schaute er seufzend zu den spielzeugkleinen Schiffen hinunter, hinter denen sich das taubengraue Polarmeer bis weit über die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft hinaus erstreckte. «Deine Geschichten. Sie sind nicht alle wahr, oder?»
«Jedes Wort.»
«Der Franke hat Glück, was?»
«Es ist mehr Gewieftheit als Glück.»
Arne nickte. «Ein Krieger braucht einen kräftigen Körper, aber ein Körper ohne einen Kopf ist nutzlos.»
Hero spürte eine Gelegenheit. «Willst du damit sagen, dass Thorfinn kein Glück hat?»
«Da sei lieber vorsichtig. Je mehr das Schicksal Thorfinns Pläne durchkreuzt, desto wilder kämpft er dagegen an. Er würde eher die Welt untergehen lassen, als eine Niederlage einzugestehen.» Arne streifte die winzigen Blüten von einem Stängel Heide. «Nein, es ist nicht das Glück, das Thorfinn bei seinen Unternehmungen fehlt. Das Zeitalter der Seeräuber ist vorbei. Die Leichen der alten Helden sind verbrannt, die Tore von Walhalla geschlossen. Oder vielleicht wird Thorfinn der letzte Krieger sein, der in Walhalla einzieht.» Arne warf den Stängel weg. «Überall, wo wir hinkommen, haben sich die Leute in Zitadellen verschanzt. Wenn sie von ihren Wachtürmen aus unsere Drachenköpfe sehen, verbarrikadieren sie die Tore, ziehen auf die Wälle, und verhöhnen uns oder zeigen uns ihre nackten Ärsche.»
«Und warum geht ihr dann immer noch auf Raubzüge?»
«Hungersnöte machen aus jedem Mann einen Piraten. Ich habe eine Frau und vier Kinder und einen Bauernhof, dessen karges Land nur zwei Kühe und zwanzig Schafe ernährt. Meine Weiden sind so steil, das ich mich mit einem Seil festbinden muss, um das Heu zu holen. Wenn diese Fahrt keinen Gewinn bringt, muss ich meine beiden Ältesten in die Knechtschaft verkaufen.»
Über die Tundra raste ein grauschwarzer Schemen. Arne zog sein Schwert.
«Das ist Waylands Hund», sagte Hero.
«Ich weiß. Ich habe gesehen, wie dieses Vieh uns von der Klippe oberhalb des Lagers aus beobachtet hat.»
Der Hund hielt etwa hundert Schritt von ihnen entfernt an und setzte sich auf die Hinterbeine. Arne murmelte eine Art Heiligenanrufung und sagte dann: «Was will er? Warum sitzt er dort?»
«Vielleicht bringt er eine Nachricht. Lass mich zu ihm gehen. Ich versuche bestimmt nicht zu flüchten.»
Arne versicherte sich mit einem Rundblick, dass keiner seiner Gefährten in Sicht war. «Aber mach schnell.»
Hero ging vorsichtig auf das Tier zu. «Guter Hund», murmelte er. Der Hund starrte hechelnd geradeaus. An sein Stachelhalsband war eine kleine Pergamentrolle gebunden. Hero löste sie aus der Schnur.
Mein lieber Freund,
ich hoffe, dieser Brief trifft dich bei Gesundheit und guter Stimmung an. Vallon verwöhnt unsere Wikingergäste so sehr, dass ich langsam fürchte, sie werden uns nicht mehr verlassen wollen, wenn es so weit ist. Bis dahin sind wir in Gedanken und Gebeten immer bei dir und Freund Garrick. Wenn sich eine Möglichkeit ergibt, lass uns wissen, wie es dir ergeht.
Um deine sichere Rückkehr betend, Richard
Hero hatte keine Möglichkeit zu antworten. Zaudernd gab er dem Hund einen Klaps, und das Tier stand auf und rannte auf demselben Weg zurück, auf dem es gekommen war. Den Brief in der Hand, ging Hero lächelnd wieder zu Arne.
«Zeig ihn mir», verlangte Arne.
«Es ist nur eine Nachricht von meinem Freund Richard. Er hofft, dass ich guten Mutes bin, und versichert, dass deine Leute bei uns gut behandelt werden.»
Arne beäugte die Schrift, dann zerknüllte er den Brief und warf ihn weg. «Thorfinn soll nichts davon erfahren. Er glaubt, dass christliche Runenzeichner bösen Zauber verbreiten.»
«Hattet ihr denn auch einmal mit christlichen Missionaren zu tun?»
«Vor drei Jahren ist ein Priester zu Thorfinns Palas gekommen und hat ihm Runen gezeigt, von denen er schwor, sie wären die Worte eures Gottes.»
«Die Bibel.»
«Er hat gesagt, dass dieser Gott … Ich habe seinen Namen vergessen.»
«Jesus.»
«Er sagte, dieser Gott hätte sich selbst zur Rettung der Frevler und Sünder geopfert.»
«Das stimmt. Jesus wurde von seinem Vater gesandt …»
Arne hob die Hand. «Er sagte, dass die Sanftmütigen über die Starken triumphieren würden und dass das Richten und Strafen allein Gottes Sache sei. Thorfinn hat gefragt, was für eine Art Gott das sein soll, der sein Leben verschwendet, um Verbrecher und Feiglinge zu retten. Da hätte der Priester so klug sein sollen, den Mund zu halten, aber stattdessen hat er mit seiner Predigt immer weitergemacht, bis Thorfinn ihn schließlich gefragt hat, ob er den Mut hätte, dem Beispiel seines Gottes zu folgen.» Arne unterbrach sich. «Nein, das willst du nicht wissen.»
«Ich kann es mir schon vorstellen», sagte Hero. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.
«Thorfinn hat dem Priester von seinen Gewalttaten erzählt – wie er die Lebern seiner Feinde gegessen und sie mit seinem Messer zum Blutadler gemacht hat. Dann hat er gesagt, wenn es diesen Gott wirklich gibt, müsse der Priester bereit sein, für die Rettung von Thorfinns Seele sein Leben zu opfern. Der Priester bekam entsetzliche Angst, und er hat seinen Gott angefleht, ihn zu retten. Thorfinn hat ihn gekreuzigt.»
Hero starrte zu Boden. «Ist er tapfer in den Tod gegangen?»
«Ein Mann stirbt nur im Kampf tapfer.» Arne stand auf. «Wir sind schon zu lange weg. Thorfinn wird misstrauisch werden.»
Zwei Tage später umrundeten sie die Halbinsel und fuhren ins Weiße Meer ein. Bei Einbruch der Dämmerung ankerten sie in einer Flussmündung, über der sich eisengraue Klippen mit schneebedeckten Kuppen erhoben. Als sie ruhig vor Anker lagen, überprüfte Hero mit seinem Kompass ihren neuen Kurs. Sein Herz machte einen Satz, als neben ihm eine eisengraue Bewegung niederfuhr und die Ruderbank an seiner Seite zersplittern ließ.
Thorfinn sammelte die Bruchstücke ein. «Was ist das?»
Hero rutschte ängstlich von ihm ab. «Ein Richtungsfinder. Er kann einem den Weg zeigen, wenn Wolken vor der Sonne liegen.»
Thorfinn starrte finster auf ihn herab, seine rechte Wange war geschwollen, sein Auge zu einem obszönen Zwinkern zusammengedrückt. «Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, wo es langgeht?» Er schnappte sich den Kompass und warf ihn über Bord.
Heros Angst verwandelte sich in Wut. «Du ungebildeter Heide», schrie er auf Griechisch. «Kein Wunder, dass deine Ausfahrten mit Misserfolgen enden.»
Arne zog ihn weg. «Du Schwachkopf! Der Zahnwurm treibt ihn in den Wahnsinn. Er kann die Schmerzen nur ertragen, wenn er diejenigen in seiner Umgebung noch schlimmer leiden lässt. Du kannst von Glück reden, dass er dich nicht erschlagen hat.»
Den gesamten restlichen Abend bekam Hero sein Zittern nicht unter Kontrolle.