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Als er am nächsten Morgen an Bord des Langschiffs ging, schubsten ihn zwei Wikinger vor Thorfinn. Bei dem Gedanken, dass der Clanchef herausgefunden haben könnte, welche Rolle er bei dem Brandanschlag auf das Langschiff gespielt hatte, gaben Heros Beine fast unter ihm nach. Thorfinn saß zusammengesackt auf einer Ruderbank, das Gesicht mit einem schmuddeligen Verband umwickelt. Er richtete sein gutes Auge auf Hero. «Du behauptest, du wärst ein Heiler.»

Hero griff sich an die Kehle. «Ich bin Allgemeinarzt, kein Zahnarzt. In meinem Land überlassen wir das Zähneziehen den Barbieren.»

Thorfinns helles Auge zuckte. «Ich bin aber nicht in deinem Land, und ich will auch nicht rasiert werden.»

Arne gab Hero einen Stoß. «Besser, du machst es. Ich habe schon Männer am Zahnwurm sterben sehen, und wenn Thorfinn geht, dann nimmt er dich mit. Das kannst du mir glauben.»

Hero verschränkte die Hände, damit sie aufhörten zu zittern. «Ich muss dich untersuchen. Leg dich auf den Rücken.»

Schmerz und die Hoffnung, davon erlöst zu werden, können auch den wildesten Gesellen zähmen. Thorfinn streckte sich auf einer Ruderbank aus und öffnete den Mund. Hero musterte die verklebten Zähne und bemühte sich, den Fäulnisgestank nicht einzuatmen. Die Entzündung ging von einem abgebrochenen und verfaulten Backenzahn im rechten Oberkiefer aus. «Du hast eine schlimme Eiterbeule.»

«Aargh.»

Hero überlegte, ob er die Entzündung mit einer Lanzette aufstechen sollte, doch die Erleichterung wäre vielleicht nur von kurzer Dauer, und der Schnitt konnte die Infektion noch verschlimmern. «Der Zahn muss raus. Jeder von deinen Männern ist imstande, ihn dir zu ziehen.»

Thorfinn grinste schaurig. «Ich will keinen von diesen Kerlen mit ihren Schlachterfingern in meinem Mund herumfummeln lassen. Du machst es.»

Hero brach der kalte Schweiß aus. Da hätte er genauso gut einem Bären einen Zahn ziehen können. «Mir fehlen die richtigen Instrumente.»

Einer der Wikinger gab ihm eine Schmiedezange. «Mit der wird es gehen.»

«Nein, wird es nicht. Der Zahnstumpf ist zu kurz, um ihn richtig zu packen. Die Zange wird die Zahnwände bloß zerdrücken, und dann geht es ihm noch schlechter als jetzt schon.»

Thorfinn klopfte sich an die geschwollene Backe. «Genug geredet.»

Hero sah zur Rah hinauf. Er hatte eine Idee. Zuerst wollte er sie als absurd abtun, doch etwas anderes fiel ihm nicht ein, und so kam er immer wieder darauf zurück. «Zeig mir noch mal den Zahn.» Er betrachtete den klumpigen Stumpf inmitten des entzündeten Zahnfleischs. «Wer kann am besten ein Takling um ein Tauende binden?»

Die Wikinger wichen zurück. «Arne ist dein Mann.»

Hero sah ihn an. «Ich will, dass du einen Zwirn um den Zahn wickelst. Ich beschaffe den Zwirn.»

Arne inspizierte den Zahn. Dann schüttelte er den Kopf.

Thorfinn verpasste ihm einen Schlag. «Mach, was der Grieche sagt.»

Arne zog eine Grimasse. «Er wird vor Schmerzen um sich schlagen. Dann kann ich die Schnur nicht richtig befestigen.»

Hero dachte an den Schlaftrunk in seinem Kasten. Er nahm die Flasche heraus, entstöpselte sie und bat um einen Becher. Er goss die Hälfte des Flascheninhalts hinein und reichte Thorfinn das Gefäß. «Trink das. Es betäubt die Schmerzen.»

Thorfinn roch an der Flüssigkeit und blinzelte. «Willst du mich vergiften?»

«Was dich vergiftet, ist dein fauler Zahn. Trink.»

Thorfinn schluckte das Schlafmittel.

«Wir müssen warten, bis die Wirkung einsetzt», sagte Hero.

Zunächst begann nur Thorfinns Blick aus dem guten Auge unstet herumzuwandern, und er brach in einen rauen Gesang aus. Die Wikinger starrten einander an. «Bei Odin, nicht zu glauben. Unser Anführer ist von ein paar Löffelvoll stockbesoffen.»

Hero nickte Arne zu. «Du», sagte er zu einem der Wikinger, «halte Thorfinns Kopf fest.»

«Haaa-hoo», grölte der Anführer. «Ich mach die Weiber froooh.»

Arne mühte sich, den Zwirn um den verrotteten Zahn zu wickeln und zu verknoten. Er murmelte dabei vor sich hin und musste mehrfach unterbrechen, um die Stelle von Blut und Speichel zu befreien. Schließlich wippte er auf die Fersen zurück. «Fester geht es nicht.»

Hero sah zum Mast hinauf und stellte Überlegungen an, die eher zu einem Ingenieur als zu einem Arzt gepasst hätten. «Legt euren Anführer auf die Ruderbank direkt unter der Rah, den Kopf zur Seite geneigt. Bindet das freie Ende der Schnur an eine Leine, die lang genug ist, um über die Rah zu reichen und von dort aus zehn Fuß herunterzuhängen. Ich brauche ein schweres Gewicht. Ein Ballaststein müsste reichen. Außerdem einen Sack für das Gewicht und ein kurzes Tau, um es an die Rah zu hängen. Drei Fuß sollten genügen.»

Einer der Männer suchte einen großen, ovalen Stein aus der Ballastladung, die um den Mastfuß aufgeschichtet war, und hielt ihn hoch.

«Mein kleiner Lieblingsstein», flötete Thorfinn. «Ich habe ihn selbst am Strand von Saltfjord gefunden.» Dann begann er wieder zu singen und schwang dabei eine Hand wie ein Pendel vor dem Gesicht hin und her.

«Steckt den Stein in den Sack», sagte Hero. «Dann bindet ihr ihn mit dem kurzen Tau zu und hängt ihn an die Rah.»

Einer der Wikinger kletterte zur Rah hinauf und schob sich darauf entlang. Hero berechnete Winkel und Fallkräfte. «Bind ihn dort an. Gerade eben so, dass er später nicht ins Schiff, sondern ins Wasser fällt. Genau, das ist die richtige Stelle. Bleib, wo du bist, und schneide das Tau durch, wenn ich es dir sage.» Er sah sich um. «Werft die Leine über die Rah. Gut.» Er schätzte, dass die Fallhöhe zehn Fuß betrug, und sah zu dem Mann hinauf, der rittlings auf der Rah saß. «Zieh die Leine zu dir. Das reicht. Schneid sie dort ab und binde das Ende an den Sack. Pass auf, dass es hält.»

Nachdem alles vorbereitet war, überprüfte Hero ein letztes Mal die einzelnen Bestandteile der Anordnung. «Ich will zwei Männer, die Thorfinn festhalten, sodass sich sein Kopf nicht bewegt, wenn der Stein herunterfällt. Neigt seinen Kopf so weit wie möglich nach hinten. Am besten hält auch jemand seine Beine fest.»

Der Wikinger auf der Rah hielt sein Messer bereit. Jemand kicherte. «Der Grieche lässt den Stein auf den Kopf unseres Schiffsführers fallen.»

«Abschneiden!»

Und herunter sauste der Stein. Aufwärts dagegen schoss die Leine von Thorfinns Zahn. Sie spannte sich schwirrend, als das Gewicht des Ballaststeins an ihr hing. Thorfinns ganzer Körper zuckte, er schleuderte den Helfer von sich, der seine Beine herunterdrückte. Die Leine fuhr peitschend über die Rah, und der Stein traf klatschend aufs Wasser, versank, und zog die Leine so schnell hinterher, dass niemand sehen konnte, ob der Zahn daran hing oder ob der Faden abgerutscht war. Hero hastete zu Thorfinn. Schwarzes Blut und Eiter trieften aus seinem Mund.

«Haltet ihn weiter fest.»

Hero wusch dem Piraten den Mund aus und steckte einen Finger hinein. Wo der Zahn gewesen war, gähnte eine Höhlung.

Er trat einen Schritt zurück. «Er ist raus. Ihr könnt ihn loslassen.»

Thorfinn kam auf die Füße wie ein betrunkener Seemann im Sturm. Als er sein Gleichgewicht einigermaßen halten konnte, riss er den Mund auf und tastete mit seinem dreckigen Zeigefinger darin herum. Ein irres Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er deutete auf Hero, machte einen Schritt, brach über einer Ruderbank zusammen und schlug der Länge nach aufs Deck, wobei er sich den Schädel heftig am Dollbord stieß. Eine Hand öffnete und schloss sich, ein Bein wurde hochgezogen und wieder ausgestreckt. Dann blieb er bewegungslos liegen.

«Du hast ihn umgebracht», sagten die Wikinger staunend.

Hero fühlte Thorfinn den Puls. «Er lebt. Wenn er aufwacht, sagt ihm, er soll sich den Mund mit gesalzenem Wasser ausspülen. Und er soll keine Essensreste in die Nähe des Lochs kommen lassen, bis es verheilt ist.»