Arne zwinkerte Hero zu. Die anderen Wikinger klopften ihm mit schallendem Gelächter auf den Rücken. «He, Hero», rief einer und nannte ihn zum ersten Mal bei seinem Namen, «lass mich mal dieses Gebräu probieren. Dafür lasse ich mir sogar einen Eckzahn ziehen.»
Sie segelten Richtung Süden die Küste des Weißen Meeres entlang, bis sie zu dem Waldgebiet kamen. Thorfinn hatte mit dem Wildreichtum nicht übertrieben. Lachse, die auf eine Herbstflut warteten, die sie hinauf zu ihren Laichgründen tragen würde, drängten sich in den Flussmündungen. Die Wikinger spießten sie vom Beiboot aus mit ihren Speeren auf, fingen sie mit Trichtern aus Weidengeflecht und holten sie mit Enterhaken, wenn sie wie Silberbarren über die Stromschnellen sprangen.
Thorfinns Wunde heilte. Die Schwellung ging zurück, und zugleich kühlte sich sein hitziges Temperament ab. In ruhigen Augenblicken schoben sich die Wikinger an Hero heran und baten ihn, ihre Leiden zu kurieren. Er erklärte sich bereit, zu tun, was er konnte, wenn er dafür besseres Essen bekäme. Dabei hielt er den Wikingern vor, dass ihre Kameraden auf der Shearwater wie die Könige mit dem Wild verpflegt wurden, das Wayland erlegte. Das war nicht einmal gelogen. An einem Tag beobachteten sie Wayland, wie er in einiger Entfernung zusammen mit einer Geisel ein Dutzend Birkhühner fing. Der Hund hatte ihm die am Boden sitzenden Vögel angezeigt, und Wayland warf ein Netz über den Schwarm. Abends rückten die Wikinger enger zusammen, um Hero am Lagerfeuer Platz zu machen, und lauschten andächtig wie Kinder, wenn er seine Geschichte weitererzählte.
An einem schönen Vormittag schlug Thorfinn einen Kurs ein, der von der Küste wegführte, bis das Land hinter dem Horizont versank. Auf spiegelglattem Wasser erreichten sie gegen Abend eine Gruppe bewaldeter Inseln, die noch einen Segeltag von der Spitze der Meeresbucht entfernt gelegen war. Die Wikinger hatten den Archipel auch früher schon als Zwischenstation genutzt und hielten auf ein Inselchen zu, das wie eine grüne Krone auf dem Wasser lag, in dem sich jeder Baum und jeder Fels spiegelte. Als sie näher kamen, musste Hero an die heiligen Haine der Antike denken, in denen die Orakel befragt worden waren.
Er stieg an Land und erwartete beinahe, gleich einen einfachen Tempel zu entdecken. Was er stattdessen sah, bestätigte seine Ahnung und wischte ihm das Lächeln aus dem Gesicht. Mitten auf der kleinen Insel sprudelte eine Quelle, um die Föhren und Birken standen, deren untere Äste mit Votivgaben behängt waren. Hero sah metallene Hammeramulette, einen vertrockneten Rabenflügel und in Knochen geschnitzte Abbilder von Freyr mit seinem immensen Phallus. Unter den Bäumen lagen viele Knochen. Hero erkannte einen Pferdeschädel und das Schulterblatt eines Schafes, beide grünlich mit Moos bewachsen. Als er eine jüngere Opfergabe entdeckte, stockte ihm das Blut in den Adern. Es war ein menschliches Skelett, das da auf dem Knochenhaufen lag, die Gebeine immer noch kalkweiß. Sein Blick zuckte aufwärts. Direkt über dem Skelett baumelte das ausgefranste Ende eines Stricks von einem Ast herab.
Als er sich umdrehte, hatte er Arne vor sich, der einen Birkenpfahl musterte, in den Runenzeichen geschnitten worden waren. «Wen habt ihr hier aufgehängt?»
«Ich weiß nicht. Einen Gefangenen. Einen Skraelinger …»
«Aber warum?»
«Bestrafung, Opfer … Frag Thorfinn.»
«Opfer? Ihr tötet Menschen, um eure Götter gnädig zu stimmen? Ihr seid Wilde. Schlimmer als die Tiere.»
Arne wurde wütend. «Siehst du das?», fragte er und deutete auf den Runenpfahl. «Hier steht: ‹Dies hat Thorolf für Skopti gemacht, gestorben im Norden.› Ich kannte Skopti. Er hatte einen Bruder, Harald, er lebte ein Stück das Tal hinauf, in dem mein Bauernhof liegt. Harald hatte eine Frau und zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, die beide noch keine fünf Jahre alt waren. Vor sechs Jahren kam ein sehr harter Winter, der härteste seit Menschengedenken. So hart, dass der Schnee bis über die Dachtraufen lag und uns monatelang in unseren Gehöften einschloss. Als es zu tauen begann, zogen wir los, um nach Harald und seiner Familie zu sehen. In der Nähe seines Hauses angekommen, riefen wir Grüße, aber wir erhielten keine Antwort. Ich ging ins Haus und fand Harald und seine Frau tot. Sie waren verhungert. Aber ihre Kinder habe ich nicht gefunden. Nur ihre Knochen. Ihre Eltern hatten sie aufgegessen.»
Hero drehte sich um, doch Arne packte ihn am Arm und hielt ihn fest. «Was hättest du denn getan? Du prahlst mit deinem Heimatland, in dem sich die Weizenfelder bis zum Horizont erstrecken, wo in den Obstgärten die vielen Äpfel die Äste der Bäume zu Boden ziehen und wo auf den Weiden kaum genug Platz ist für all die Schafe und Rinder. Das Land bestimmt über das Leben der Menschen. Also erlaube dir kein Urteil über andere, bevor du ihre Leiden selbst ertragen hast.»
Hero verharrte in mürrischem Schweigen.
«Wir sind nur diesen einen Abend hier», sagte Arne. «Morgen kehrst du zu deinen Freunden zurück. Also mach die Augen zu, und der Morgen kommt schnell.»
In dieser Nacht betranken sich die Wikinger mit Birkenbier, zerrten die Frauen in den Hain und vergewaltigten sie gemeinsam. Hero ging mit Garrick und Arne zur anderen Seite der Insel und versuchte, die Geräusche auszublenden. Im Norden tanzte das Polarlicht.
«Die Skraelinger sagen, das sind die Seelen der Toten», sagte Arne.
«Warum nimmst du nicht an dem Gelage teil?», fragte Hero.
Arne starrte auf das geisterhafte Licht. «Ich habe Frau und Töchter. Da muss ich immer denken: Und wenn sie es wären?»
«Deine Gefährten haben auch Frauen und Töchter.»
Garrick legte Hero stirnrunzelnd die Hand auf den Arm. Das Polarlicht löste sich auf. Die Besatzung der Shearwater übernachtete auf einer Nachbarinsel. Die Flammen ihres Lagerfeuers züngelten in die schwarze Nacht. Abgerissene Gesprächsfetzen drangen übers Wasser. Hero erkannte Rauls Lachen. Eine der Frauen stieß einen erstickten Schrei aus.
«Du weißt, dass diese Fahrt blutig enden wird», sagte Hero.
«Ja», sagte Arne. «Wenn sich Thorfinn nicht rächt, werden ihm seine Männer nicht mehr folgen.»
«Wechsle die Seiten», sagte Hero. «Bring noch andere mit.»
Arne erhob sich und stapfte in die Dunkelheit.
Nachdem es ruhig geworden war, kehrten Garrick und Hero ins Lager zurück und streckten sich am Feuer aus. Das Geräusch der im Wind aneinanderklappernden Votivgaben begleitete Hero in den Schlaf. Er träumte von Knochen. Als er wieder aufwachte, war es noch dunkel, und er hörte Garrick an seinen Platz zurückgleiten und gequält seufzen. Um sie herum lagen die Wikinger und schliefen schnarchend und grunzend ihren Rausch aus. Dann beruhigte sich Garricks Atmung, und Hero schlief wieder ein.
Im Morgengrauen weckte ihn ein Tumult. Die Männer rannten durcheinander. Arne hastete mit gezogenem Schwert an ihm vorbei. «Die isländischen Frauen sind entkommen.»
Hero wollte sich aufrichten, doch Garrick hielt ihn zurück. «Erspar dir diesen Anblick.»
Ein Hornsignal rief die Wikinger an die Ostseite der Insel. Mit einem fragenden Blick auf Garrick folgte Hero ihnen. Er fand die Wikinger um die Frauen geschart. Mutter und Tochter saßen nebeneinander am Strand, aneinandergelehnt, als wären sie eingeschlafen, während sie auf den Sonnenaufgang warteten. Hero ging um sie herum, damit er sie von vorn sehen konnte. Sie würden nie mehr einen Sonnenaufgang bewundern. Sie hatten sich die Pulsadern aufgeschnitten, ihr Blut war aus ihnen herausgelaufen, sodass ihre Gesichter kalkweiß und ihre Gewänder über dem Schoß blutdurchtränkt waren. Neben ihnen auf dem Boden lag der blutige Stein, den sie benutzt hatten, um Selbstmord zu begehen. Arne wollte Hero daran hindern, den Stein aufzuheben, aber Hero fluchte nur und schob ihn weg. Die Mutter hatte der Tochter zuerst mit der scharfen Steinkante die Handgelenke aufgerissen, bevor sie ihre eigenen Adern aufgehackt hatte. Hero verlor die Fassung. Er schleuderte den Stein ins Meer.