«Ich habe mir die Entscheidung nicht leichtgemacht. Besser sechs gesunde Falken als acht kranke.»
Vallon beugte sich Waylands Urteil. Als er ihm zusah, wie er die Freilassung der Vögel vorbereitete, dachte er über all die Anstrengungen nach, die es gekostet hatte, sie einzufangen.
Wayland ließ den ersten Nestling von seiner Faust wegfliegen. Unbeholfen flatterte der Vogel empor, versuchte, auf einem Baum zu landen, fand mit den Klauen keinen Halt und fiel zwischen den Ästen zu Boden. Syth schrie auf und rannte zu dem Baum. Der zweite Falke flog übers Meer hinaus, kehrte wieder um und setzte sich auf den Strand.
«Werden sie überleben?», fragte Vallon.
«Ich habe sie so lange gefüttert, bis sie den Kropf voll hatten. Also werden sie mehrere Tage lang nicht hungern müssen, und bis dahin werden sie den Gebrauch ihrer Flügel erlernt haben. Falken lernen schnell und …» Wayland holte tief Luft und schüttelte den Kopf. «Nein. Das habe ich Syth erzählt, damit sie nicht traurig wird. Es ist beinahe sicher, dass sie sterben. Sie waren die beiden schwächsten Nestlinge und kennen noch kein Jagdverhalten.»
Vallon sah, wie sehr Wayland der Verlust schmerzte. «Mach dir keinen Vorwurf. Nur durch dein Geschick und deine Erfahrung konntest du die Falken überhaupt bis hierher bringen. Zugegeben, ich vergesse manchmal, dass sie das A und O unserer Reise sind. Ich fürchte mich vor dem Gedanken, wie stark unser Schicksal von ihnen abhängt. Wenn es irgendetwas gibt, das du für ihr Wohlergehen brauchst, dann sag es.»
«Frisches Fleisch. Täglich ein Sechstel ihres Körpergewichts.»
«So viel?»
Wayland nickte.
Vallon starrte zu dem düsteren Wald hinüber. «Wenn nötig, fasten wir lieber selbst, als die Falken hungern zu lassen.»
Die beiden Falken waren nicht das einzig Wertvolle, von dem sie sich trennten. Nach sechs Monaten war die Fahrt der Shearwater zu Ende. Sie war ihr Fluchtmittel gewesen, ihr Zuhause auf dem Meer, ihr Handelsschiff. Wochenlang war sie ihre ganze Welt gewesen, die enge Bühne für ihre Dramen und Leidenschaften. Für ihre Besatzung war sie beinahe zu einem eigenständigen Wesen geworden – ein schwerblütiges, bereitwilliges Arbeitspferd mit seinen Stimmungen und Launen. Sie kannten die Shearwater bis zu ihrem leisesten Knarren und Ächzen, und nun mussten sie ihr Lebewohl sagen.
Beim Frühstück sprachen sie über den passendsten Abschied. Versenken kam nicht in Frage. Das wäre, als würde man seine Mutter ertränken, sagte Raul. «Verbrennen wir sie», schlug er vor, «oder lassen wir sie einfach hier vor Anker liegen, bis der nächste Sturm Treibholz aus ihr macht.» Schließlich einigten sie sich darauf, den Wind über ihr Schicksal entscheiden zu lassen. Es herrschte eine ablandige Brise, und ein paar von ihnen gingen an Bord, holten den Anker ein und zogen ein letztes Mal das Segel auf. Als sich das Tuch mit Wind füllte und das Wasser unter dem Schiffsheck zu gurgeln begann, kletterten sie wieder ins Beiboot, ruderten ans Ufer und sahen ihr nach, wie sie leicht geneigt nach Norden glitt, bis sie nur noch eine winzige Silhouette auf einem Meer war, das so hell schimmerte wie der Rücken eines Lachses, der gerade zu seinem Laichplatz geschwommen war.
Das Langschiff hatte seine Fahrt flussaufwärts schon begonnen. In mörderischer Hast stiegen Vallons Leute in die Boote und begannen, gegen die träge Strömung zu rudern. Die Übrigen trotteten am rechten Ufer entlang. Als sich Hero umdrehte, war das Meer schon außer Sicht. Es war, als wäre eine Tür hinter ihnen zugefallen.
Eine kurze Strecke flussauf holten sie das Langschiff ein, das sich durch Stromschnellen kämpfte. Bis sie wieder in ruhigeres Wasser kamen, wurde es Nachmittag. Beim Dunkelwerden schlugen die beiden Parteien eigene Lager auf und teilten Wachen ein. Als sie am nächsten Morgen weiterfuhren, regnete es, und die Tropfen schlugen unzählige kurzlebige Dellen in die Wasseroberfläche. Wolkenfetzen jagten über die Baumwipfel. Moskitos und Kriebelmücken plagten sie, sirrten in ihren Ohren, krochen unter ihre Kleidung, flogen ihnen in die Nasenlöcher. Sie wickelten sich Tücher um die Köpfe und beschmierten sich mit Dung und Öl. Doch nichts konnte die Quälgeister abschrecken. Am schlimmsten waren die Männer an den Riemen dran. Weil sie die Blutsauger nicht mit den Händen vertreiben konnten, ruderten sie mit steifen Bewegungen und rieben sich die zerstochenen Wangen und Stirnen an den hochgezogenen Schultern. Als es Abend wurde, hatten einige von ihnen offene Wunden an den Handgelenken, und ihre Gesichter waren so geschwollen, dass sie kaum noch aus den Augen schauen konnten.
Für die Isländer, die am Ufer entlanggingen, war es nicht leichter. Sie sanken bis zu den Knöcheln in den weichen Grund ein, sodass jeder einzelne Schritt zur Anstrengung wurde. Sie mussten graue Schlammtümpel umgehen und das Dickicht umgestürzter Bäume. Manchmal mussten sie im Fluss waten, um weiterzukommen. Wenn die Strömung zu stark wurde und der Wald undurchdringlich, mussten die Boote ihre Passagiere absetzen und zurückfahren, um die am Ufer Gehenden an dem Hindernis vorbeizubringen.
Wayland hatte recht gehabt, was den Mangel an Wild anging. Es gelang ihm, genügend Birkhühner zu jagen, um den Falken halbe Rationen zu geben, doch die meisten der Tiere, die er entdeckte, waren Räuber in einem Wald ohne Beute. Er sah ein Zobelpärchen wie Aale durch die Baumkronen gleiten, und er überraschte eine Gruppe Vielfraße dabei, wie sie die Innereien aus einem toten Bären zogen, der so grau und ausgemergelt aussah, dass er vermutlich an Altersschwäche gestorben war. Vielfraße kannte Wayland nicht, und er fand ihre Wildheit unglaublich. Als der Hund um sie herumtänzelte, wichen sie keinen Zoll zurück, stattdessen spuckten und knurrten sie ihn aus so bösen Gesichtern an, dass sie Wayland noch Nächte später in seine Träume verfolgten. Der Hund sah ihn an, wollte Hilfe. Doch er rief ihn zurück. Danach knurrte der Hund den ganzen Tag vor sich hin, als wären ihnen die Vielfraße auf den Fersen.
Vier Tage flussauf kam das Boot mit Vallons Leuten an einer alten Frau vorbei, die am Ufer neben der Leiche eines alten Mannes saß. Es war die Frau, die Helgi von dem aufgegebenen isländischen Schiff geholt hatte. Der Tote war ihr Ehemann.
Einer der Isländer sprach sie an. Sie hob die traurigen Augen und sagte, sie wolle keine Hilfe.
«Was ist denn da los?», sagte Vallon. «Warum haben die Isländer sie zurückgelassen?»
«Das hat sie selbst entschieden», sagte Raul. «Sie will nicht mehr weiter. Außer ihrem Mann hat sie keine Familie.»
«Lasst mich mit ihr reden», sagte Hero.
Vallon warf einen Blick flussauf. «Aber nicht zu lange. Da vorne ist wieder eine Stromschnelle.»
Hero und Richard gingen ans Ufer. Raul warf ihnen noch einen Spaten zu. «Wir werden die Toten noch bald genug einfach liegenlassen, wo sie zusammengebrochen sind, bevor diese Reise zu Ende ist.»
Hero trat auf die alte Frau zu und räusperte sich. Sie sah ihn an.
«Meine Güte. Du bist einer von den Ausländern.»
Hero ging neben ihr in die Hocke. «Woran ist dein Mann gestorben?»
«An Erschöpfung. An Verzweiflung. Sein Herz ist stehengeblieben, und Helgis Männer haben ihn einfach ans Ufer geworfen. Man möchte glauben, dass sie keine Väter haben.»
Hero legte ihr den Arm um die mageren Schultern. «Wir beerdigen ihn, und wenn das Gebet gesprochen ist, nehmen wir dich mit in unser Boot.»
Sie sah auf, und Hero entdeckte in ihren Zügen den schwachen Widerschein jugendlicher Schönheit. «O nein», sagte sie. «Erik und ich waren sechzig Jahre zusammen. Und jetzt lasse ich ihn nicht allein.» Sie tätschelte Heros Hand. «Du fährst weiter. Ich bin durchaus zufrieden.»
Richard beugte sich zu ihr. «Hast du denn sonst gar keine Familie? Wolltest du nicht deshalb nach Norwegen?»