Ein Schatten zog über ihr Gesicht. «Alle unser Kinder und Enkel sind tot. Es ist ein bitteres Schicksal, wenn man seine Nachkommen überlebt. Unser Jüngster ist letztes Frühjahr gestorben. Als er tot war, konnten wir einfach nicht mehr auf dem Gehöft bleiben. Erik hat entschieden, es zu verkaufen und nach Norwegen zurückzukehren. Von dort stammt er. Wir sind uns begegnet, als er auf einem Händlerschiff nach Reykjavík gesegelt ist. Er war so ein schöner Mann. Eriks Familie lebt in der Nähe von Nidaros, und er sagte, wir würden unseren Lebensabend nicht weit vom Bauernhof seiner Schwester verbringen. Er ist mit den Isländern nie warm geworden. Hocken in ihren Sippen zu dicht aufeinander, hat er gesagt. Sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie für andere nichts übrighaben. Wir wären bei seinesgleichen glücklicher, hat er gesagt. Ich war da nicht so sicher. Lieber bleiben wir bei dem, was wir kennen, hab ich zu ihm gesagt.»
«Ich bin sicher, dass Eriks Schwester dich gern aufnehmen wird.»
Die Alte schnaubte. «Stell dir doch nur mal den Anfall vor, den sie bekommen muss, wenn ich vor ihrer Tür auftauche. Siebenundachtzig Jahre, beinahe blind und auch noch mittellos.»
«Du hast gesagt, ihr hättet Geld vom Verkauf eures Gehöfts.»
«Das haben Helgis Männer Erik abgenommen, als wir von unserem Schiff mussten. Diese Caitlin sagte, sie würde für mich darauf aufpassen.» Die alte Frau zog Heros Kopf zu sich heran. «Sie ist ein durchtriebenes Stück», flüsterte sie und nickte entschieden. «Wenn du sie in einem neuen Kleid mit einer neuen Brosche siehst, dann denk dran, wer dafür bezahlt hat.»
Hero warf einen finstern Blick flussauf, bevor er sich wieder der Frau zuwandte. Sie achtete nicht auf die Moskitos, die ihr im dünnen weißen Haar herumkrochen. «Vallon wird dafür sorgen, dass du dein Geld zurückbekommst. Und du brauchst kein Silber, um mit uns zu fahren.»
«Das ist sehr freundlich, aber was wird dann? Ich werde in diesem schrecklichen Wald bestimmt nicht lange überleben. Und selbst wenn, will ich mein Leben nicht als Almosenempfängerin in einem fremden Land beschließen. Nein, ich bleibe hier.»
«Dann stirbst du an der Kälte oder dem Hunger. Wölfe und Bären werden dich fressen.»
Sie lächelte und tätschelte ihm erneut die Hand. «Du bist ein lieber Junge. Aber jetzt gehst du besser. Es wird bald dunkel. Deine Freunde machen sich bestimmt schon Sorgen um dich.»
Raul rannte zwischen den Bäumen hindurch auf sie zu. «Vallon will jeden Mann zum Ziehen dabeihaben.» Sein Blick hing an der Frau.
«Sie sagt, sie will ihren Mann nicht zurücklassen. Versuch du, sie zu überreden. Ich weiß nicht, warum, aber manchmal funktioniert deine derbe Logik, wo ausgefeiltere Argumente versagen.»
Raul setzte wie jemand, der einem Beschränkten gut zureden will, eine betont harmlose Miene auf. «Nana, Mütterchen, du kommst mit uns.»
Sie sagte entschlossen: «Geh weg.»
Raul lachte, nahm sie unter den Armen und begann sie hochzuziehen. Doch sie stieß einen so schrillen Schrei aus, dass er sie wieder absetzte. «Also gut, Mutter, wenn du es nicht anders willst.» Er winkte Hero und Richard außer Hörweite der Alten. «Ihr verschwendet eure Zeit. Ihr Entschluss steht fest. Und jetzt kommt mit. Wir müssen die Stromschnellen vorm Dunkelwerden hinter uns haben.»
«Wir können sie doch nicht einfach hier ihrem Tod überlassen.»
Raul zog seine Kappe ab und schlug sich damit auf den Oberschenkel. Dann starrte er zum Himmel hinauf. «Ihr habt recht. Redet weiter mit ihr. Beruhigt sie.»
Hero hielt die Hand der alten Frau. Er wusste später nicht mehr, was er zu ihr gesagt hatte, und er kam auch nicht dazu, seinen Satz zu beenden, denn Raul trat hinter die Frau, hob seine Armbrust, und schoss ihr einen Bolzen in den Nacken.
Nach einem weiteren Tag, an dem sie das Schiff mit Rudern und Ziehen vorwärtsbewegt hatten, erreichten sie den ersten der Seen, die Thorfinn beschrieben hatte. Mit einem einzigen Blick auf den fernen Horizont war Vallon klar, dass alle Passagiere im Boot ans andere Ufer gebracht werden mussten. Er befahl Raul, den Bau eines Floßes zu überwachen, das groß genug war, um die Pferde und den größten Teil der Ladung aufzunehmen. Mit dem Floß im Schlepptau, die Boote bis zu den Dollborden beladen, ruderten sie am nächsten Morgen vom Ufer weg. Sie waren zweieinhalb Tage auf dem See und wären mehr als einmal beinahe gekentert. Und die gesamte Zeit war ihnen bewusst, wie schutzlos sie einem möglichen Angriff der Wikinger von dem Langschiff ausgeliefert waren.
Vom Südufer des Sees aus führte ihr Weg über Flussadern, die durch ein Sumpfgebiet mäanderten. Diejenigen, die am Ufer entlanggingen, waren gezwungen, sich wie Fliegen durch Honig zu schleppen.
Es wurde bitterkalt. Nachts fuhr der Wind durchs Geäst der Bäume, und in der Ferne heulten Wölfe. Wenn es hell wurde, lag eine schwarze Eiskruste über den Tümpeln, und mittags stand eine dunkelgraue Sonnenscheibe hinter den dichten Nebelschleiern. Die Eintönigkeit des Waldes und der niemals endende Kampf mit der Natur zehrte an ihren Nerven. Der Druck sorgte für manchen Temperamentsausbruch. Ein Riemen, der sich nicht in den Rudertakt einfügen wollte, Holzscheite, die nicht brennen wollten, die Enttäuschung über das, was es zu essen gab – das kleinste Ärgernis genügte, um die Männer aneinandergeraten zu lassen.
Dann wurde die Verpflegung knapp. Die Wikinger litten am meisten darunter, denn der Lachs, den sie gefangen hatten, begann zu faulen, weil sie kein Salz zum Einlegen hatten. Vallon und seine Leute kamen mit geräuchertem Elch und Salzfisch zusammen mit Pilzen und Beeren über die Runden, doch die Wikinger und ihre Gefangenen waren auf Stockfisch angewiesen, der so verdorben war, dass er Durchfall auslöste.
Der isländische Säugling starb und wurde mit einer dürftigen Zeremonie am Ufer begraben. Dann verschwand einer der Wikinger. Er hatte sich auf Nahrungssuche von seinen Gefährten getrennt. Sie suchten ihn bis zum Dunkelwerden, dann gaben sie auf. Der Vermisste war eine der Wikingergeiseln, und Wayland erklärte sich bereit, seine Spur zu verfolgen. Einen ersten Hinweis fand der Falkner etwa eine Meile vom Fluss entfernt, dann konnte er an den Spuren die wachsende Verzweiflung des Mannes ablesen, der seine eigenen Fußspuren zurückverfolgt hatte, im Kreis gegangen und schließlich in ein Sumpfgebiet gelaufen war. Wayland folgte den Spuren, bis er sich nicht mehr weiterwagte, dann ging er zurück, um zu melden, dass der Wikinger tot sein müsse.
Einen Tag später erwartete einen weiteren Wikinger ein tödliches Verhängnis. Von Norden her zog ein Sturm übers Land. Das Langschiff hatte eine Flussgabelung erreicht, und Thorfinn schwor, dieser Gabelung bei seiner letzten Reise nicht begegnet zu sein. Er schickte Männer flussauf, um festzustellen, welche die richtige Fahrrinne war. Wayland und Raul begleiteten einen der Kundschaftertrupps. Sie schoben sich durch windgepeitschte Erlengehölze und Weidendickichte. Die Äste schlugen mit solcher Gewalt im Wind, dass sie jedes andere Geräusch erstickten.
Als sie auf eine Lichtung traten, blieb der Hund mitten im Schritt, eine Pfote in der Luft, wie erstarrt stehen.
Weiter vorn hackte sich ein Wikinger seinen Weg durchs Gebüsch. «Zurück!», schrie Wayland.
«Was?», rief der Wikinger.
Eine Windböe trug Waylands Antwort davon. Der Wikinger drängte sich weiter vorwärts in das Gebüsch, und da erhob sich ein riesiges schwarzes Monster und schlug ihn mit einem blitzschnellen Hieb nieder, der kaum wahrnehmbar war. Dann verschwand der Bär im sturmdurchtosten Wald. Als Wayland bei dem Mann angekommen war, brauchte er einen Moment, um zu verstehen, dass der Wikinger kein Gesicht mehr hatte.
Seine Gefährten führten und trugen ihn halb zurück zum Langschiff und setzten ihn am Ufer mit dem Rücken an einen Baum. Dort schaukelte er vor und zurück, schrie vor Schmerz und betastete die blutige Maske, die sein Gesicht gewesen war. Thorfinn lief mit finsterer Miene auf und ab, dann rannte er zu dem Mann, trat ihn um, und schmetterte ihm seine Axt in die Brust.