Flankiert von Wayland und Raul, ging Vallon zum Kampfplatz. Eisblumen blühten in den Pfützen, und Raureif lag über den Bäumen. Die Lichtung maß etwa fünfzig Schritt im Quadrat. Ein Sturm hatte sie in den Wald gerissen, und es lagen viele Bäume umher, die mitsamt dem Wurzelteller voll Erde umgestürzt waren. Durch den kalten Dunst sah Vallon, dass sich die Wikinger am gegenüberliegenden Ende der Lichtung aufgereiht hatten.
Er blieb stehen. «Hero, hilf mir, die Rüstung anzulegen. Ihr anderen lasst uns allein.»
Er zog das kalte Kettenhemd über den wattierten Waffenrock und schnallte den Schwertgürtel fester, damit er einen Teil des Rüstungsgewichts auffing. Er entschied, auf die Beinlinge der Kettenrüstung zu verzichten. Der Kampf würde sich vielleicht lange hinziehen, und Vallon musste so beweglich wie möglich bleiben, um Thorfinns Angriffen auszuweichen. Als er fertig war, schickte er Hero weg, hüllte sich in eine Decke und setzte sich auf einen der umgestürzten Bäume. Während er wartete, schärfte er sein Schwert mit einem Wetzstein und bewunderte in der zunehmenden Helligkeit die schimmernden Kanten der Klinge.
Die Dämmerung war einem grauen, fleckigen Tageslicht gewichen, als Thorfinn rülpsend aus seinem Zelt torkelte. Er ließ seine Kniehosen herunter und stützte sich mit einer Hand an dem Baum ab, gegen den er unendlich lange pisste. Als er fertig war, blinzelte er versoffen über die Lichtung. Sternhagelvoll, dachte Vallon. Dann erinnerte er sich an Thorfinns Schauspielerei auf dem Fluss.
«Hier drüben.»
Thorfinns trüber Blick fand Vallon.
«Konntest du nicht schlafen, Franke? Warst du die ganze Nacht auf?»
Vallon erhob sich. «Nur ein Narr lässt sich von seinen Sorgen um den Schlaf bringen. Wenn dann der Morgen kommt, ist er müde, und seine Probleme sind noch genauso groß wie am Tag zuvor.»
Thorfinn lachte. «Gesprochen wie ein Wikinger. Nun, deine Sorgen werden bald der Vergangenheit angehören. Bevor die Sonne diesen Nebel aufgelöst hat, spalte ich dich vom Kopf bis zum Arsch in zwei Hälften. Stirb tapfer, dann verdienst du dir vielleicht einen Platz in der Totenhalle der Krieger.»
Vallon schüttelte die Decke ab, zog die Kettenhaube über den Kopf, und legte den Helm an. Dann packte er seinen Schild und zog das Schwert aus der Scheide.
«Bis zum Tode.»
Vallon konnte schon an Thorfinns Art, vor ihm zu stehen und sein Schwert zu halten, sehen, dass er es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hatte. Die meisten Männer, denen er in der Schlacht begegnet war, kämpften wie Helgi, indem sie ihre Schwerter schwenkten, als wären sie bloß Knüppel mit geschliffenen Kanten. Sie legten sich zu früh auf eine Kampfstellung fest, und weil sie ihre Deckung nicht aufgeben wollten, hielten sie ihre Schwerter zu nah am Körper, verminderten damit die Wucht ihrer Hiebe und setzten zugleich ihren Schwertarm den gegnerischen Angriffen aus.
Vallon vermutete, dass Thorfinn ohne Raffinesse kämpfte, aber seine schiere Größe und Kraft verlangten Respekt. Seine Ausbildung und sein Charakter machten Vallon zu einem offensiven Kämpfer. Der Angreifer hat immer einen Vorteil, weil er sich zuerst bewegt und damit seinen Gegner in die Verteidigung oder einen Gegenangriff zwingt. Ein begabter Offensivkämpfer agiert mit flüssigen Bewegungen, immer bereit, die Fehler seines Kontrahenten auszunutzen. Und ein guter Offensivkämpfer provoziert diese Fehler, auf die ein defensiver Kämpfer nur noch reagieren kann.
Gegen Thorfinn aber war Vallon in mehrerlei Hinsicht im Nachteil. Wie Drogo gesagt hatte, überragte ihn der Wikinger. Vallon war groß, Thorfinn jedoch war ein Riese. Seine Axt war wenigstens sechs Zoll länger als Vallons Schwert und drei- oder viermal schwerer. Wenn Vallon diese massive Klinge abwehrte, würde sie sein Schwert in Stücke hauen. Das Gleiche galt für Vallons Schild. Er war dazu gefertigt worden, einen Schwerthieb abzuwehren, keine Axt mit der Schlagkraft eines Vorschlaghammers. Deshalb konnte er nichts Besseres tun, als sich außerhalb von Thorfinns Reichweite zu halten, bis der Wikinger anfing, müde zu werden oder seine Deckung zu vernachlässigen. Vallon nahm an, dass Thorfinns Kämpfe selten lange dauerten. Sicher hatte er die meisten gewonnen, kaum dass sie begonnen hatten, weil sich seine Gegner vor Angst in die Hose machten. Ein Brüllen, ein Heranstürmen, ein Hieb mit der gewaltigen Axtklinge, und es war vorbei, ohne dass der verängstigte Kontrahent auch nur einen Schlag ausgeführt hatte.
Thorfinn kam auf ihn zu. Seine Kettenweste ließ seine Unterarme frei, und er trug seinen Helm unter dem linken Arm wie einen metallenen Totenkopf. Zwanzig Schritt vor Vallon blieb er stehen, und Vallon musterte sein Gesicht. Wässrig blaue Augen in einer blutrünstigen Miene, sandbraune Zähne und Bartstoppeln wie Kupferspäne. Keine Spur von Angst. Dann setzte er seinen Helm auf und verwandelte sich mit dieser einzigen Bewegung in einen Barbarengott.
Vallon hob sein Schwert bis über die rechte Schulter. Er wippte in den Knien und stellte sich in Position, die Beine schulterbreit auseinander, den rechten Fuß leicht vorgestellt, das Körpergewicht zentriert. Dann nahm er seinen Schild an den Riemen, stützte einen Teil seines Gewichts links an seinen Rippen ab und richtete ihn mit gesenktem Rand auf Thorfinn aus.
Thorfinn brüllte markerschütternd und rannte auf seine hüpfende Art auf Vallon zu. Vallon verlegte sein Gewicht auf den vorderen Fuß, sodass er sich schnell in jede Richtung bewegen konnte. Er sah Thorfinn seine Axt emporreißen, schwenkte ein Stück nach links und hieb auf den ungeschützten Arm des Wikingers ein. Sein Schlag ging um eine Elle daneben, während die Axt, die mit derselben brutalen Gewalt niederfuhr, die Helgi getötet hatte, Vallon nur um Haaresbreite verfehlte. Vallon sprang zur Seite und zog eine Grimasse. Das würde nicht einfach werden. Thorfinns Reichweite war so groß, dass Vallon die Deckung des Wikingers nicht bedrohen konnte, ohne sich selbst zumindest einem ungenau ausgeführten Schwung der Axt auszusetzen.
«Du hast die Axt gerochen, was? Nächstes Mal schmeckst du sie.»
Vallon wich einem Dutzend Angriffen aus, ohne einen ernsthaften Konter zu versuchen. Er konzentrierte sich voll darauf, der Axt zu entkommen. Er benutzte die umgestürzten Bäume als Deckung, duckte sich zwischen den Stämmen. Thorfinns Männer brüllten unzufrieden. Sie wollten einen blutigen Zusammenstoß zwischen zwei großen Kämpfern sehen; stattdessen aber war es, als würde ein Mann mit einem Hackebeil einem Hühnchen nachlaufen. Von Vallons Gefährten kam kein Laut.
Thorfinn zog die Lippen über den Zähnen zurück. «Du hast gesagt, du willst kämpfen.» Er stellte die Axt auf den Boden, legte die Hände um den Mund, und schrie: «Kämpf und stirb wie ein Krieger, oder ich hacke dir ein Glied nach dem anderen ab. Komm schon, du Weichling. Kämpfe!»
Vallon sparte sich den Atem für eine Erwiderung. Er führte einen Scheinangriff aus, zog sich zurück, wich aus, und malte mit seinen Schritten einen Zickzackpfad auf den überfrorenen Boden. Bis er endlich feststellte, dass das Gewicht von Thorfinns Axt ihren Tribut zu fordern begann, war auch Vallon außer Atem. Der Wikinger keuchte vor Anstrengung, wenn er seine Waffe anhob, und die Abstände zwischen den Hieben wurden länger. Die Axt war so schwer und lud sich bei jedem Schwung mit so viel Kraft auf, dass selbst ein so starker Mann wie Thorfinn einen Hieb kaum noch korrigieren konnte. Mit dieser Waffe wollte sich Thorfinn aufspielen, sie sollte seine gewaltigen Kräfte demonstrieren, und sie würde sein Tod sein.
Thorfinn führte den nächsten Angriff aus, gefolgt von einer schnellen hackenden Bewegung, die Vallon zwang, den Hieb mit seinem Schild abzufangen. Die Axt fuhr mit solcher Wucht auf den Eisenrand des Schildes, dass die Erschütterung beinahe Vallons Schulter ausrenkte und sein Arm vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen taub wurde. Er taumelte zurück und bewegte die Hand, um wieder Gefühl in die Finger zu bekommen.
Thorfinn setzte ihm mit heftigen Axtschwüngen nach. Zu schnell. Zu überstürzt. Vallon sprang aus der Reichweite des zischenden Halbkreises. Der Oberkörper des Wikingers drehte sich durch die Kraft seiner eigenen Schwungbewegung noch weiter herum. Vallon hatte diese Öffnung in der Deckung einen Moment früher geahnt, als sie erfolgte, und stieß sein Schwert in den Muskelberg auf Thorfinns Schulter. Die Schwertspitze durchdrang die Kettenweste, als wäre sie Weichkäse, und Vallon spürte, wie der Stahl über Knochen rutschte.