Im nächsten Augenblick lag er auf dem Rücken, niedergeworfen von einem Gegenschlag, der an seinem Helm abglitt und ihn halb betäubte. Blindlings rollte er zur Seite, sicher, dass das nächste, was er fühlen würde, der tödliche Hieb der Axt wäre. Doch der Hieb kam nicht, und es gelang ihm, taumelnd auf die Füße zu kommen und hinter einem der Baumstämme Deckung zu suchen.
Der Wikinger lachte heiser. «Du kämpfst wie ein Mädchen, Franke.» Und dann ahmte er ein paar schlaffe Schwerthiebe nach, die bei seinen Männern beklommenes Lachen auslösten.
Doch Thorfinn war verletzt. Er gab seine wilden Angriffe auf, senkte den Kopf wie ein Stierbulle und ging Vallon langsam nach. Vallon ließ sich von Thorfinn treiben und duckte sich zwischen die Baumstämme, wenn er ihm zu nah kam. Blut lief von Thorfinns Schulter seinen Arm herab. Das würde ihn weiter schwächen. Vallon rückte auf Thorfinn zu und setzte seine überlegenere Taktik ein, mit der er Angriffe vortäuschte, um sie dann doch nicht auszuführen.
Das Blut tropfte von Thorfinns Waffenhand und lief über den Schaft seiner Axt, sodass der Griff schlüpfrig wurde. Thorfinn packte den Schaft weiter vorn, verkürzte damit seinen Vorteil der Reichweite und halbierte die Kraft seiner Hiebe.
«Willst du jetzt lieber Anmachholz hacken?»
Beim nächsten Angriff hatte Vallon genügend Platz zum Parieren, und er schlug ein paar Splitter aus dem Schaft der Axt. Bevor Thorfinn zurückweichen konnte, hatte Vallon einen weiteren Keil aus dem Holz geschlagen. Thorfinn stieß seinen Schild gegen Vallons und holte mit der Axt niedrig aus, um sie hinter Vallons Fußknöchel einzuhaken. Vallon reagierte gerade noch schnell genug und nutzte den Druck, den die Schilde gegeneinander ausübten, um sich abzustoßen. Die schwingende Axt brachte Thorfinn aus dem Gleichgewicht. Wie ein Pfeil schoss Vallon vor, hakte die Parierstange seines Schwertes über den Rand von Thorfinns Schild, zog es nach unten, und dann, mit derselben Bewegung, ließ er das Schwert auf Thorfinns Kopf niederfahren.
Das Metall prallte mit hellem Klingen auf den Helm. Thorfinn hatte sich sofort wieder in der Gewalt, schwang seine Axt wie eine Sense und verfehlte Vallons Beine unter den Knien nur knapp. Wieder öffnete er dabei seine Deckung, und Vallon wollte einen Hieb gegen Thorfinns Waffenarm ausführen. Doch damit hatte der Wikinger gerechnet und sprang zurück, gab zum ersten Mal Raum auf. Vallon setzte nach, als Thorfinn zwischen zwei umgestürzte Baumstämme zurückwich. Als Thorfinn am Ende der Baumstämme angelangt war, warf er seinen Schild weg, packte die Axt mit beiden Händen und stürmte brüllend auf Vallon los.
Vallon wurde klar, dass er einen Fehler gemacht hatte. Die Baumstämme engten ihn ein, ließen kaum Platz, um mit dem Schwert auszuholen. Thorfinn griff an wie ein Berserker, er wollte die Entscheidung. Vallon konnte dem Angriff nicht ausweichen, und sein Schild war zu leicht, um ihn abzuwehren. Wie von Sinnen stürmte Thorfinn auf ihn zu und machte nicht einmal den Versuch, sich zu schützen. Vallon wusste, dass er ihm das Schwert durch den Körper stoßen konnte, aber vorher würde ihn der Wikinger in zwei Hälften spalten.
Der Axthieb kam, und Vallon sprang nach rechts zurück, dorthin, wo ihn Thorfinn seiner Berechnung nach am wenigsten erwartete. Aber er hatte ihn falsch eingeschätzt. Mit einer gewaltigen Anstrengung stoppte Thorfinn den Axtschwung, richtete die Waffe auf Vallon aus und holte zu einem weiten Halbkreis in mittlerer Höhe aus. Vallon hatte keine Zeit zurückzuweichen. Alles, was er tun konnte, war, seinen Bauch einzuziehen und sich wie eine Katze zurückzubiegen.
Er hörte ein leises Klicken. Sonst nichts, und dann fühlte er ein kaltes Brennen in seinem Magen. Thorfinn hatte einen halbkreisförmigen Hieb in Höhe seiner Körpermitte ausgeführt, und Vallon war zu unvorbereitet gewesen, um ihn abzuwehren. Er nutzte die Zeit, in der Thorfinn zum nächsten Schwung ausholte, um wieder ins freie Gelände zu kommen. Er sah kurz an sich herunter. Er hatte schon erlebt, dass Männer im Rausch der Schlacht weiterkämpften, obwohl ihnen die Därme aus dem Körper hingen. Was er jetzt sah, war schlimm genug. Thorfinn hatte sein Kettenhemd durchgehackt, sodass das untere Teil schlaff herunterhing, und der wattierte Waffenrock war blutgetränkt.
«Ich sehe deine Gedärme, Franke. Gleich erwürge ich dich damit.»
Thorfinns Männer jubelten und feuerten ihn an, den Kampf abzuschließen. Vallon gab vor, von dem Hieb geschwächt und entmutigt zu sein. Er tappte unbeholfen herum, setzte gerade genügend Kraft in seine unkoordinierten Bewegungen, um dem tödlichen Hieb zu entgehen. Thorfinns Gesichtsausdruck wechselte jedoch bald von Triumph zu Frustration. Jedes Mal, wenn er glaubte, der Gegner wäre ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, stolperte Vallon wieder aus seiner Reichweite. Er hinkte dabei, als sei ein Bein kürzer als das andere. Das Schwert lag unsicher in seiner Hand. Thorfinns Blick hellte sich wieder auf. In seiner Gier zu töten griff der Wikinger zu schnell an. Er rutschte kurz auf dem gefrorenen Boden, doch das genügte, um ihm die Axt ein paar Zoll aus dem festen Griff gleiten zu lassen. Vallon sprang vor und hieb dem Wikinger das Schwert in die rechte Hüfte.
«Du bist tot.»
Thorfinn löste eine Hand von der Axt und betastete die Wunde. Dann warf er den Kopf zurück.
Sie umkreisten einander, beide verwundet, und beiden war bewusst, dass sich der Kampf seinem Ende näherte. Thorfinn versuchte, dieses Ende mit seinem nächsten Angriff herbeizuführen. Zehn Fuß von Vallon entfernt schleuderte er seine Axt und ließ sie los. Vallon duckte sich, die Axt wirbelte über seinen Kopf und enthauptete beinahe einen der Wikinger, bevor sie vom Kampfplatz schlidderte und irgendwo im Unterholz verschwand.
Noch bevor Vallon seinen Vorteil nutzen konnte, hatte Thorfinn sein Schwert gezogen und lief los, um seinen Schild zu holen. Vallon setzte ihm nach. Er hatte kein Gefühl dafür, wie lange der Kampf schon dauerte. Die Sonne begann durch den Nebel zu blitzen, und Schmelzwasser tropfte von den Bäumen.
Jeder Schwertkampf hat seinen eigenen Rhythmus, doch es gibt nur acht Grundbewegungen. Es kommt darauf an, diese Bewegungen geschickt aneinanderzureihen. Zunächst muss der Gegner in Sicherheit gewiegt werden. Wenn er vorauszuwissen glaubt, welche Bewegung man als nächste macht, und sich schon halb entschieden hat, sie zu kontern, muss man die Richtung des Angriffs ändern. Es ist wie bei dem Spiel Schere, Stein, Papier, nur dass man um einen tödlichen Einsatz spielt und es wesentlich mehr Varianten gibt.
Vallon kämpfte nun mit ganzer Kraft, wehrte Hieb um Hieb ab. Die Klingen schlugen klirrend aneinander, rutschten aneinander ab, wurden gegeneinandergepresst. Thorfinns Schwert bildete mit seinem Klirren einen starken Kontrast zu dem schallenden Klingen von Vallons Waffe. Sie tanzten vor und zurück und immer wieder im Kreis, bis der Boden zertrampelt und schmierig war. Vallon ließ Thorfinn den Rhythmus vorgeben und wandte eine «Ansaugen» genannte Kampftechnik an, bei der die Bewegungen des Gegners gespiegelt werden.
Er trat zurück und ließ sein Schwert in die linke Hand wechseln, seinen Schild in die rechte.
«Wird dein Schwertarm langsam lahm?», keuchte Thorfinn.
«Im Gegenteil. Meine linke Hand ist stärker als die rechte.»
Dann führte er Angriffe auf alle Bereiche von Thorfinns Körper aus, auf seine Schultern, seine Beine, seine Arme. Der Wikinger konnte sich nur noch verteidigen, stolperte zurück, hielt seinen Schild und sein Schwert auf Armeslänge entfernt vor sich. Vallon versetzte ihm einen Hieb auf den Schwertarm, und mit dem nächsten Schlag schlitzte er ihm wie nebenbei den Oberschenkel auf. Vallons Blick war voller Konzentration, während er sich geschickt bewegte, Thorfinns starrende Augen dagegen begannen herumzuzucken wie bei einem in die Enge getriebenen Tier.