Vallon drehte sich um. «Eine kleine Gruppe entschlossener Männer kann weiter und schneller reisen als jede Armee. Cosmas hat es bewiesen. Du hast mir erzählt, dass er bis in die entlegensten Weltgegenden gekommen ist und nicht einmal eine Waffe getragen hat.»
«Ja, Herr. Aber Cosmas war ein sehr außergewöhnlicher Mensch.»
«Weiß Walter, was die Dokumente wert sind?»
«Er weiß, dass er sie sehr teuer verkaufen könnte, aber er versteht nicht, worin ihr eigentlicher Wert besteht. Er kann nicht lesen, und seine momentane Situation macht es ihm unmöglich, sich den Inhalt übersetzen zu lassen.»
Vallon blickte ins Dunkel hinaus, in seinem Kopf begann sich ein ungeheurer Plan zu formen. «Geh schlafen.»
«Herr?»
«Geh schlafen. Ich muss nachdenken.»
«Ist die Sache damit erledigt, oder verschiebt Ihr nur meine Bestrafung?»
«Ich werde dich nicht bestrafen. Dein Hartnäckigkeit hat uns vielleicht das Leben gerettet. Wenn du nicht bei Aaron aufgetaucht wärst, hätten wir den gesamten nächsten Monat Däumchen drehen müssen.»
«Heißt das, dass ich bleiben kann?»
«Vielleicht erweist sich ja genau das als deine Strafe. Ich habe dir die Gelegenheit gegeben, aus der Sache auszusteigen. Eine zweite gibt es nicht. Jetzt ist dein Leben an mein Schicksal gekettet.»
«Wie Ihr es wünscht.»
«Solange wir das Geld nicht haben, können wir nichts unternehmen. Bis dahin will ich nicht, dass du draußen auf der Straße herumstreunst. Und du erzählst niemandem etwas von den Dokumenten.»
Darauf folgte Stille. Schließlich sagte Hero: «Ich hätte mich beinahe Richard anvertraut. Die Last war für mich allein zu schwer zu tragen.»
«Jetzt teilst du sie mit mir. Und so bleibt es.»
Mit schlurfendem Schritt machte sich Hero auf den Weg aus dem Zimmer.
Vallon hob die Hand. «Wenn ich darüber nachdenke, kannst du dich auch nützlich machen.»
«Was immer Ihr befehlt.»
«Erhol dich, so gut du kannst. Und übermorgen gehst du nach Lynn und suchst den Norweger. Nimm Raul und Wayland mit. Vermutlich findet ihr ihn nicht, aber es wird euch drei davon abhalten, irgendwelche Dummheiten zu begehen.»
Als Hero gegangen war, stellte sich Vallon ans Fenster und sah zum Mond hinauf. Er fröstelte. Es war jedoch nicht die feuchte Flussniederung, die ihm eine Gänsehaut über den Körper jagte. Er hatte sich diese Reise als Buße auferlegt, doch nun hatte sich darin ein höheres Ziel enthüllt – ein gottgewolltes Ziel. Er war dazu bestimmt, Hero den Weg zu weisen, hatte Cosmas gesagt und ihn dabei mit seinem dunklen, allwissenden Blick aus seinem einen Auge fixiert. Vallon fiel auf die Knie und faltete die Hände zum Gebet.
«Gütiger Herr, ich danke dir für diese Aufgabe. Ich werde sie mit all meinen Kräften zu erfüllen versuchen, und wenn es mir gelingt, dann bitte ich Dich im Namen Deiner Gnade, mich, wenn es Dir gefällt, von meinen schlimmen Sünden freizusprechen.»
Das Mondlicht ließ sein Profil scharf hervortreten und tiefe Schatten auf sein Gesicht fallen. Es war spät. Vallon schloss die Fensterläden, legte sich auf sein Lager und schlief zum ersten Mal seit Monaten tief und fest bis zum Morgen.
XI
Ihre Suche nach Snorri begann mit einem Durcheinander. Als Hero im ersten Tageslicht bei der Herberge ankam, war Raul nicht aufzufinden. Wayland hatte ihn zuletzt am Abend zuvor mit einem Becher Honigwein in der Hand und einer ängstlich wirkenden Hure im Arm herumtorkeln sehen. Auf der Straße aus Norwich hinaus verlor Heros Maultier ein Hufeisen, und es dauerte bis zur Mittagszeit, bevor sie ihren Weg von der Werkstatt eines Schmieds aus fortsetzen konnten. Um die verlorene Zeit aufzuholen, ließen sie sich von einem Bauern den kürzesten Weg beschreiben und landeten wieder an der Kreuzung, an der sie aufgebrochen waren. Als der Abend kam, waren sie noch meilenweit von Lynn entfernt, also mussten sie mit einer rattenverseuchten Scheune als Nachtquartier vorliebnehmen, nur um festzustellen, dass keiner von ihnen daran gedacht hatte, etwas zu essen mitzunehmen. Entnervt stapfte Wayland hinaus und verbrachte die Nacht unter einem alten Karren.
Es herrschte immer noch gereizte Stimmung, als sie endlich in Lynn ankamen, einem aufblühenden Hafenstädtchen, das sich an einem Haff entlangzog, bei dem die Great Ouse in den Wash mündete. In Lynn erwartete sie eine neue Schwierigkeit. Hero sprach kein Englisch, und Wayland sprach überhaupt nicht. Schließlich ging Hero allein in die Stadt, um sein Bestes zu versuchen, und Wayland wartete ein Stück flussauf bei einer Fähre auf ihn.
Es war ein ruhiger, warmer Tag. Wayland hatte sich auf den Boden gesetzt, die Arme um die Knie geschlungen, und beobachtete die Wildvögel, die über das Wattland der Küste flogen. Er war zum ersten Mal am Meer, und dieses Meer hatte nichts mit dem sturmgepeitschten Ozean gemein, den er sich nach den Erzählungen seines Großvaters vorgestellt hatte. Dennoch verzauberte ihn etwas an dieser glitzernden Einförmigkeit. Seine Gedanken schienen sich darin aufzulösen, trugen ihn über den Horizont in ein Land, in dem weiße Falken wohnten, die so groß wie Adler waren.
Da ließ sich Hero neben ihn fallen. «Ich wusste ja gleich, dass es verlorene Liebesmüh’ ist.» Er rollte sich auf die Seite und reichte Wayland einige Gebäckstücke. «Snorri war am Donnerstag hier und hat auf dem Markt Fisch verkauft. Aber das Schiff kann man vergessen. Keiner der Leute hier hat es je gesehen. Sie sagen, Snorri ist nicht ganz bei Trost.» Hero deutete über den Fluss. «Er wohnt ein Stück die Küste hinauf. Hin und zurück braucht man einen Tag. Und wir müssten einen Führer haben, um uns in den Marschen nicht zu verlaufen, andererseits dürfen wir nicht riskieren, dass jemand mitbekommt, was wir vorhaben.»
Wayland ahnte schon, worauf er hinauswollte.
Hero setzte sich auf. «Wenn es nach mir geht, dann sage ich: Zum Teufel damit. Inzwischen hat Vallon bestimmt schon das Geld. Er kann sich ein Schiff aussuchen. Wenn wir jetzt anfangen, im Marschland herumzuirren, kommen wir frühestens morgen nach Norwich zurück.» Er hielt inne. «Was meinst du?»
Wayland stand auf und ging in Richtung der Fähre.
«Bist du sicher, dass ich nicht mitkommen soll?»
Wayland machte eine abwehrende Handbewegung. Nein.
Hero rannte ihm hinterher und streckte ihm einen kleinen Beutel entgegen. «Das nimmst du besser mit. Falls es dort wirklich ein Schiff gibt. Dann kannst du ihm beweisen, dass wir es ernst meinen.»
Pfade aus Weidenruten führten durch die Marschen. Wayland kam an Torfstichen, Salzpfannen und kleinen Inseln vorbei, deren Bewohner – die sich alle merkwürdig ähnlich sahen – ihm mit den Fäusten drohten und ihn mit Erdklumpen bewarfen, bis er sich zurückzog. Andere Wege folgten einer Logik, die Wayland nicht durchschaute, und endeten in schilfüberwuchertem Niemandsland oder morastigen Senken. Also begann er sich seinen eigenen Weg zu suchen und sprang so lange über Wasserläufe und Gräben, bis er an einen See kam, der zu tief war, um ihn zu durchwaten, und von so sumpfigem Grund umgeben, dass er ihn nicht umrunden konnte. Also wandte er sich in Richtung Küste und folgte ihrem Verlauf, wobei er an Bruchstellen und Auswaschungen vorbeikam, die tief genug waren, um einen Karren samt Pferd zu verschlucken. Es gab kaum eine Erhöhung, von der aus man sich einen Überblick über das Gelände verschaffen konnte, und einige Male geriet Wayland versehentlich auf Halbinseln, die unversehens in Morastfeldern oder Sandbänken endeten.
Es war schon Nachmittag, als er die Mündung eines tiefen, träge dahinfließenden Flüsschens erreichte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Flussauf zogen sich Schilfbänke, so weit das Auge reichte. In ihrem Schatten stand eine verwahrloste, aus Treibholz und Fellen zusammengeschusterte Hütte. Aus einem Regenfass neben der Hütte löschte Wayland seinen Durst. Dann sah er sich um. Das Rascheln im Schilf erschien ihm wie erbostes Geflüster.