«Dann haben wir alles, was wir brauchen. Ein Jäger braucht Bier, um auf seine Erfolge anzustoßen und sich über seine Misserfolge hinwegzutrösten.»
Damit ging er pfeifend davon. Raul und Wayland sahen sich zweifelnd an.
Am nächsten Tag beluden Orm und seine Freunde die Shearwater mit dem Zubehör für die Jagd. Sie hatten lange Taue aus Rosshaar, Sturmleitern, unterschiedliche Fallen und Netze, Harpunen, Angelschnüre und Haken, Fässer mit Salz und vergorener Molke und Zelte. Sie verstauten ein Ruderboot im Laderaum und vertäuten an Deck neben dem Beiboot der Shearwater eine Walfangschaluppe. Weil sie im Norden kein Holz finden würden, brachten sie Brennziegel aus Stroh und getrocknetem Kuhdung an Bord. Die Grönländer waren in Ferienstimmung, sangen und scherzten bei der Arbeit.
Etwa ein Dutzend ihrer Angehörigen kam zum Schiff, um ihnen eine erfolgreiche Fahrt zu wünschen und sie absegeln zu sehen. Die Shearwater wandte sich bei dichtem Nebel nordwärts, zog vorbei an Eisbergen, die in schweigender Erhabenheit aus dem Meer ragten. Drei Tage später entließ sie der Nebel in eine Zone andauernden Tageslichts und eine so klare Luft, dass die Besatzung ihr nächstes Ziel manchmal einen Tag früher sah, als sie es erreichte. Eisberge so groß wie Kathedralen drifteten in Teichen aus türkisfarbenem Schmelzwasser an ihnen vorbei, das kalte, blaue Licht tausendjähriger Winter in ihrem Kern eingeschlossen. Sie passierten einen der kalbenden Gletscher, die diese Giganten hervorbrachten, und beobachteten riesenhafte Eismassive, die donnernd ins Meer stürzten und dabei Wellen erzeugten, auf denen die Shearwater wild herumtanzte. Am nächsten Tag segelten sie in eine aufquellende, hyazinthfarbene Strömung, in und über der sich jedes einheimische Geschöpf einfand, ob es nun flog oder schwamm.
Eine unheilvolle Wolke weit über dem Meer entpuppte sich als ein Schwarm Alkvögel von einer Meile Durchmesser, der wie eine rußige Böe an ihnen vorbeifegte. Wohin Wayland auch schaute, sah er Wale an die Wasseroberfläche kommen und Fontänen blasen. Der laute Widerhall, mit dem ihre Schwanzflossen aufs Wasser klatschten, ließ ihn ebenso wenig schlafen wie die Sonne, die auch um Mitternacht noch schien.
Unter derselben Mitternachtssonne zogen Orkas, deren Rücken wie poliertes Mangan glänzten, vor dem Schiff ihre Kreise. Einer von ihnen stieß aus dem Ozean in die Höhe und drehte sich um sich selbst, bevor er mit lautem Klatschen wieder zurückfiel. Dann verschwand die Herde, und eine seidige Stille legte sich übers Meer. Syth stand neben Wayland im Bug, und er betrachtete sie, als sie sich eine sonnengebleichte Haarsträhne aus den Augen strich. Er stellte fest, dass ihre Augen die Farben des Meeres annahmen – Amethyst, Violett, Kobalt. Sie hatte zugenommen und war von einem Mädchen zur jungen Frau geworden. Er sammelte sich, um zu sprechen, ohne zu wissen, was er sagen würde – nur, dass es unwiderruflich wäre.
Sie bemerkte seine Anspannung, stemmte die Hände auf die Hüften und zog zum Schein eine Schnute. «Was ist?»
«Nichts», sagte er und meinte ‹alles›. «Ich bin froh, dass dein Haar wieder gewachsen ist. Damit siehst du … hübsch aus.» Er wand sich bei diesem lahmen Kompliment.
Sie senkte den Blick, mit einem Mal so scheu, wie sie es tatsächlich war. «An dem Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hast du gesagt, ich würde dich an jemanden erinnern. Aber du hast mir nie gesagt, an wen.»
In Waylands Kopf kreisten die Gedanken, und er sagte einfach: «Meine Schwester.»
Ihr Lächeln wirkte nun etwas verspannt. «Oh.»
«Aber nur auf den ersten Blick.»
Orm erlöste Wayland mit einem kräftigen Hieb zwischen die Schulterblätter. «Jetzt ist es nicht mehr weit.»
Syth drehte sich, nun wieder ganz das Mädchen, eifrig um. «Und werden wir auch Schneebären sehen?»
Orm lachte. «Das bezweifle ich, liebes Kind. Ich habe auf all meinen Fahrten erst drei zu Gesicht bekommen. Sie leben weiter nördlich.» Er wackelte mit den Augenbrauen. «Und das ist auch gut so. Sie sind größer als Ochsen und so stark, dass sie einen Seehund über ihre Schulter schleudern können. Und man sieht sie nicht kommen. Weißt du, warum?»
Syth schüttelte den Kopf.
«Sie verbringen ihr ganzes Leben im Schnee, und sie sind vollkommen weiß – abgesehen von ihrer schwarzen Nase. Wenn sie also eine Beute verfolgen, verbergen sie ihre Nasen mit den Pranken …», Orm führte es vor, «… und dann schleichen sie sich an, näher und immer näher …», Orm wand sich in einer Nachahmung dieser Jagdstrategie, «… bis sie dich in ihren Fängen haben, und dann – Brrr! Nein, sei lieber froh, dass du keine Bären sehen wirst.»
Syth kicherte. «Das glaube ich Euch nicht. Dass die Bären ihre Nasen verstecken, meine ich.»
«Warum, glaubst du denn, sind meine Augenbrauen so gesträubt? Das liegt an all den unglaublichen Dingen, die ich im Nordland schon gesehen habe. Hier oben ist es, als würde man in einem Tagtraum leben.»
Darauf breitete sich eine heitere Stille aus. Das Segel der Shearwater sank zusammen und blähte sich wieder. Die Sonne berührte den niedrigsten Punkt auf ihrer endlosen Bahn.
«Wo endet Grönland?», fragte Wayland schließlich.
«In Nebel und Eis, am Abend der Welt und an ihrer Morgendämmerung, am Wohnsitz der Toten und am Reich der ersten Götter.»
Wayland deutete mit dem Kopf in Richtung Westen. «Weißt du, was am anderen Ende des Meeres liegt?»
Orm und er standen Schulter an Schulter. «Das tue ich, denn es gibt Männer, die zu meinen Lebzeiten dorthin gesegelt sind. Wir nennen es das Westland, aber man erreicht es nicht, indem man der Sonne folgt. Es ist dort zu viel Eis auf dem Meer. Man muss der Strömung nach Norden folgen, bis es nicht mehr weitergeht, und dann eine Meerenge nach Westen überqueren. Zuerst kommt man nach Slabland und Flatland, wo der Schnee im Sommer niemals schmilzt. Auf der Passage nach Süden kommt man an Markland und den Wunderstrands vorbei, bevor man Winland erreicht, wo sogar die Winter schneefrei sind und die Nächte um das Julfest so lang wie die Tage. Die Erde ist dort so fruchtbar, dass der Weizen zu Broten reift, und der Tau ist so süß, dass die Kühe nur am Gras lecken müssen, um fett zu werden. In Winland reichen die Bäume bis halb in den Himmel, und in den Wäldern wimmelt es vor Rotwild und Zobeln und Bibern. Und im Meer gibt es so viele Dorsche, dass ein Mann auf ihren Rücken von einer Insel zur anderen gehen kann.»
Wayland lächelte. «Grönland ist ein raues Land. Es wundert mich, dass du nicht fortziehst, um in diesem Paradies eine neue Heimat zu finden.»
«Das haben meine Vorfahren ja getan. In den Zeiten meines Urgroßvaters haben sich mehr als hundert von ihnen in Winland angesiedelt. Als Junge habe ich den letzten Überlebenden dieser Kolonie gekannt. Bjarni Sigurdason hieß er, und er hörte nie auf, von den Wundern des Westlandes zu erzählen.»
«Warum sind sie zurückgekommen?»
«Warum sind Adam und Eva aus dem Paradies fort? Streit um Frauen. Krankheiten. Und vor allem der Kampf mit den Skraelingern.»
«Skraelinger?»
«Schreihälse. Hässliche Menschen. Es hat Gott in seiner Weisheit gefallen, das Westland Wilden zu geben, die nicht einmal seinen Namen kennen. Zuerst waren sie freundlich und handelten gern. Sie waren so weltfremd, dass ein Siedler ein Bündel Pelze gegen ein fingerbreites Stück Wollstoff eintauschen konnte. Aber bald wurden sie zur Gefahr. Sie haben das Vieh der Siedler gestohlen, weil sie nicht verstanden haben, dass Tiere ein persönlicher Besitz sein können, und sie haben die Jäger in den Wäldern bedroht und behauptet, der Wald wäre ihre eigenes Wildreservat. Es gab Blutvergießen, aber die Skraelinger waren viele, und die Siedler waren wenige. Nach drei Wintern ist der Anführer der Kolonie zu dem Schluss gekommen, dass es mit den Heiden niemals Frieden geben könne, und er hat die Überlebenden zurückgebracht.»