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«Das geht nicht. Ich kann nicht richtig sehen.» Er streckte Syth die Nadel entgegen. «Bitte», sagte er. Er legte sich zurück. «Raul, du hältst meinen Kopf fest.»

Syth beugte sich dicht über ihn, und er schloss die Augen. Die ersten Stiche waren nahezu unerträglich, doch dann schien er aus seinem Körper hinauszugleiten, und auch wenn er immer noch jeden Stich spürte, schien es ein anderer zu sein, der den Schmerz ertragen musste.

Als er wieder in seinen Körper zurückkehrte, blickte Syth auf ihn herunter. Er hob die Hand und strich sich über die Stirn. «Fertig?»

«Ja. Du warst sehr tapfer.»

«Zeig es mir.»

Sie hob den Spiegel hoch. Seine Stirn glich einer schwellenden Gewitterwolke, aber die Wunde war beinahe so säuberlich genäht wie ein Kleidersaum.

«Ich wusste, dass du es gut machen würdest.»

Sie versuchte nicht zu weinen. «Du solltest etwas essen.»

Er rollte den Kopf von links nach rechts. Schon beim bloßen Gedanken an Essen hätte er sich am liebsten übergeben.

«Dann schlaf.» Sie wollte sich zurückziehen, damit er ruhen konnte.

Da kamen die Worte wie von selbst aus seinem Mund. «Syth, ich liebe dich.»

Sie blieb stehen. «Wie eine Schwester?»

«Wie eine Frau.»

Sie glitt neben ihn und bedeckte seine Wangen mit sanften Küssen.

Er hielt sie fest, sein Kopf lag an ihrer Schulter. «Was werden wir jetzt tun?»

«Oh, Wayland, du kannst wirklich die dümmsten Sachen sagen. Wir tun, was alle Liebenden tun.» Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. «Sobald du dazu imstande bist.»

XXIV

Am nächsten Tag war er wieder auf den Beinen, und am darauffolgenden Morgen nahm er die Suche nach besetzten Falkenhorsten wieder auf. In den Tagen darauf erkundete er die Fjorde zu beiden Seiten des Roten Kaps und fand vier weitere Nester. Keines von ihnen stellte ihn vor die gleichen Herausforderungen wie das erste. Er stieg zu zwei Nestern von unten hinauf und zu den beiden anderen ließ er sich von oben an einem Seil herunter, das Glum sicherte. Alle Nestlinge waren zu jung, um mitgenommen zu werden. Wayland erklärte, dass Falken, die aus dem Nest geholt wurden, bevor sie ausgewachsen waren, sich niemals über ihre frühe Entwicklungsstufe hinausentwickelten. Die beste Zeit, sie zu holen, war, wenn ihr Gefieder ganz aus den Blutkielen herausgewachsen war und sie zum ersten Flugversuch bereit waren. Und selbst dann wurden einige nervös und aggressiv, schrien den ganzen Tag nach Futter, und mantelten plump auf der Faust. Deshalb bevorzugte Wayland Falken, die in ihrem ersten Herbst gefangen wurden, wenn der freie Flug sie hatte reifen lassen. Allerdings übertraf nichts einen Jagdvogel, der ausgewachsen gefangen wurde.

Einem dieser idealen Vögel begegnete er, als er von dem letzten Horst zurückkehrte. Sie waren im Beiboot und ruderten durch den Fjord nördlich des Roten Kaps. Vor ihnen im Westen hing die Sonne als abgeflachte Kugel am Himmel und warf lange Schatten über den Gletscher auf der Steuerbordseite. Das von Eisschollen übersäte Wasser bewegte sich kaum. Dann wurde der Friede von einem Schwarm Schneehühner auf der Flucht gestört, die zum gegenüberliegenden Ufer flatterten. Als Wayland den Gerfalken erblickte, war er etwa hundert Schritt hinter den Hühnern, glitt mit beinahe geruhsam wirkenden Flügelschlägen durch die Luft. Als weißer Blitz schoss er am Boot vorbei und hatte den Schneehühnern den Weg schon halb abgeschnitten. Er überholte den Schwarm, bevor er die Mitte des Fjords erreicht hatte, und pflückte sich eines der Hühner aus der Luft. Dann breitete er die Flügel aus und segelte mit seiner Beute unter dem Schwanz zurück.

Wayland sah, wie er auf einem schroffen Felsen auf der seewärts gelegenen Seite des Gletschers Stellung bezog.

«Setz mich an Land.»

Raul stöhnte. «Lass es bleiben. Wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns, und ich habe Hunger.»

«Es dauert nicht lang.»

Wayland ging an Land und schlich weiter, bis er den Falken im Blick hatte. Das Tier rupfte und fraß seine Beute, und dann entspannte es seine Federn und döste. Wayland kam näher. Der Falke hatte einen Fuß hochgezogen und zeigte keine Angst. Der Vogel hatte vermutlich noch nie einen Menschen gesehen. Wayland blieb stehen, als er die scharfen Umrisse der Schwungfedern erkennen konnte. Kopf und Brust des Vogels waren makellos, und die wenigen schwarzen Markierungen auf den Flügelfedern betonten nur noch, wie weiß sie waren. Er schob sich noch dichter heran, und der Falke stellte seinen Fuß ab und machte sich zum Abflug bereit, indem er die Flügel wie Schilde hob. Als Wayland noch einen Schritt tat, stieß sich das Tier vom Felsen ab und schwebte mit trägen Flügelschlägen über die Gletscherspitze davon.

Wayland kletterte auf den Aussichtsposten des Vogels. Knochen vieler Beutezüge lagen zusammen mit Gewölle auf dem Felsen. Er hob eine Mauserfeder des Falkenweibchens auf. Die deutlichen schwarzen Markierungen auf der Feder verrieten ihm, dass es ein Jahr alt war, und damit noch nicht zu wild, um unzähmbar zu sein. Er ließ seinen Blick über den Fjord schweifen. Meerschwalben schwebten über dem milchig grünen Schmelzwasserfluss des Gletschers. Keilförmige Entenformationen zogen über den Fjord. Der Fels war sowohl Ansitz als auch Fressstation.

Wayland ging zu seinen Begleitern zurück und zeigte ihnen die Feder. «Ich werde dieses Weibchen fangen.»

«Das ist keine gute Stelle», sagte Glum. «Wir können hier nirgends ein sicheres Lager aufschlagen. Jetzt ist es ruhig, aber manchmal fegt der Sturm mit solcher Wucht vom Gletscher herunter, wie du es dir nicht vorstellen kannst.»

Wayland sah sich um. Auf der Inland-Seite des Gletschers stürzte ein von Regenbogen umschwebter Wasserfall auf eine sonnenbeschienene Felsbank.

«Da drüben haben wir mehr Schutz. Sehen wir es uns mal an.»

Raul brummte. Wayland und er hatten zu viel Zeit miteinander verbracht und begannen einander auf die Nerven zu gehen.

Syth und Glum folgten Wayland auf den felsigen Strand. Wärme wurde vom Gestein der Steilklippe zurückgeworfen. Weidenröschen, Engelswurz und gelber Mohn wuchsen im dem Geröll, und in den Mulden zwischen den Felsblöcken wucherten dichte Heidelbeersträucher und Zwergweiden. In wehenden Schleiern stürzte der Wasserfall in ein Felsbecken, aus dem sich ein schäumender Fluss ergoss. Unter der Felsklippe auf der einen Seite des Wasserfalls war ein Aushöhlung.

«Dort schlage ich mein Lager auf.»

Glum brachte einen anderen Einwand vor. «Wenn du einen Vogel als Köder ins Netz hängst, werden ihn sich die Füchse holen.»

Ein Fuchs in seinem struppigen Sommerfell schlich nicht weit entfernt vorbei. Wayland hatte einen Korb mit sechs Tauben mitgebracht, die er als Falkenfutter vorgesehen hatte. Sein Blick wanderte über das Küstenland und blieb an einer Gletschermoräne hängen. «Ich benutze kein Netz.»

Nach kurzer Suche entdeckte er einen von der Natur geformten Unterschlupf aus einem tafelförmigen Findling, der schräg über einigen Felsblöcken lag, sodass sich eine Höhle gebildet hatte, die zwei Fuß hoch und lang genug war, um Wayland aufzunehmen. Er schob sich mit den Füßen voran hinein, um festzustellen, ob er von dort aus einen guten Blick auf den Ansitz des Falken hatte.

«Da drin wirst du erfrieren», sagte Syth.

«Das ist Zeitverschwendung», beschwerte sich Raul. «Du hast schon genügend Falkennester gefunden. Mehr brauchen wir nicht.»

Wayland zog sich aus dem Unterschlupf. «Keiner von diesen Nestlingen kann vor der nächsten Woche aus dem Horst geholt werden. Wir geben der Sache drei Tage.»

Sie luden Ausrüstung und Verpflegung aus, dann zogen sie das Boot aufs Ufer und banden es mit Tauen an Felsblöcken fest. Anschließend stellten sie in der Aushöhlung bei dem Wasserfall zwei Zelte auf und aßen im Freien, während die Sonne südlich des Roten Kaps weiterwanderte und die Klippen in kastanienrotes Licht tauchte.