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Irgendetwas schnaubte. Waylands Kopfhaut begann zu kribbeln. Er lauschte mit angehaltenem Atem, die Kehle wurde ihm eng. Die Taube lag starr vor Entsetzen mit ausgebreiteten Flügeln wie tot im Schnee. Er zog sie zu sich hinein und tastete in seinem Schlafsack nach dem Messer. Sein Gürtel hatte sich unter seinem Körper verschoben, und er konnte die Messerscheide nicht erreichen. Also schob er sich ein Stück hoch und fuhr mit der Hand um seine Taille, bis sich seine Finger um das Messer schlossen. Bevor er es ziehen konnte, hörte er den Schnee knirschen. Er unterdrückte ein Aufkeuchen, als ein Schatten über die Öffnung seines Unterschlupfs fiel.

Er zog das Messer. Sein Bogen lag neben ihm, doch in der engen Steinröhre konnte er ihn nicht einsetzen. Ein weiteres Schnauben drang herein – ein Raubtier, das seine Beute gestellt hatte. Wayland wusste, was es war, hatte es im Grunde von Anfang an gewusst, es sich jedoch nicht eingestanden.

Zwei enorme weiße Beine tauchten vor der Öffnung des Unterschlupfs auf und verstellten ihm das Licht. Der Bär kam von der oberen Felsplatte. Zwei weitere Beine wurden sichtbar, als er ganz herunterkletterte. Dann drehte er sich zu dem Unterschlupf um. Wayland konnte nur die gewaltigen, zotteligen Beine in ihrem gelblichen Fellkleid sehen, das im Gegenlicht der Sonne beinahe durchscheinend wirkte. Die Tatzen waren so breit wie Holzschaufeln und mit daumendicken, schwarzen Klauen bewaffnet.

Dann senkte der Bär den Kopf vor die Öffnung. Vor Schreck zuckte Wayland zurück und knallte mit dem Schädel gegen den Stein. Der Bär rammte seinen Kopf in die Öffnung und blies Wayland einen Schwall übelriechenden Fischatems ins Gesicht. Das Tier knurrte und entblößte dabei gelbe Fangzähne und schwarzes Zahnfleisch. Wayland rutschte noch tiefer in die Höhlung. Die Kiefer des Bären waren weniger als einen Fuß von seinem Gesicht entfernt. Der Bär schob sich vor, gewann noch ein paar Zoll. Da begann Wayland so laut und wild zu brüllen, dass es ihm in der Kehle schmerzte, und der Bär zog mit einem Grunzen den Kopf aus der Öffnung des Unterschlupfs.

Keuchend lag Wayland da. Nur wenige Augenblicke darauf versuchte das Tier erneut, an ihn heranzukommen. Es tastete mit der Tatze in die Höhlung hinein. Seine Krallen verfingen sich in dem Schlafsack, in den sich Wayland gewickelt hatte, und das Tier begann, den Schlafsack mit Wayland darin aus der Höhlung zu ziehen. Wayland versuchte, sich in das Gestein zu stemmen. Der Bär verstärkte den Zug, und der Schlafsack riss. Daunenfedern schwebten hinaus in die Sonne. Wieder streckte der Bär seine Tatze in die Höhlung.

«Hier!», rief Wayland und warf die Taube nach vorn.

Ein jämmerliches Flattern, ein Tatzenhieb, der zu schnell für die Wahrnehmung war, und die Taube war verschwunden. Wayland hörte ihre Knochen brechen wie Eierschalen. Er wusste, dass ihm nur wenig Zeit blieb, bevor der Bär seinen Angriff fortsetzen würde, und er nutzte sie, um sich aus dem Schlafsack zu winden. Dann zog er die Knie ans Kinn und schob sich in Fötushaltung so weit wie möglich zurück. Die Tatze wurde wieder in den Unterschlupf gestreckt. An das hintere Ende der Höhlung gedrückt beobachtete Wayland, wie die scharfkrallige Pfote hierhin und dahin tastete. Er musste seine ganze Kraft aufbringen, um seine verdrehte Position beizubehalten, und er wusste, dass er seine Glieder nicht für immer so krümmen konnte. Dann würde ihn der Bär erwischen.

Er hob das Messer an, wartete, bis die Tatze wieder an ihm vorbeischwenkte, und trieb die Klinge tief ins Fleisch. Der Bär jaulte und zog die Tatze zurück, bevor Wayland das Messer herausziehen konnte. Es wurde ihm aus der Hand gerissen und er sah es vor der Öffnung des Unterschlupfs in den Schnee fallen.

Dann breitete sich Stille aus. War der Bär abgezogen? Das Messer lag gerade eben außer Reichweite. Wenn er es holen wollte, musste er sich mit Kopf und Schultern aus der Deckung wagen. Wayland dachte daran, wie blitzschnell der Bär die Taube geschlagen hatte. Warte lieber noch ein bisschen. Seine Gelenke brannten vor Schmerz. Bald würde er sich bewegen müssen. Mit Hilfe der Hände streckte er die Beine aus und zischte, als das Blut wie Feuerameisen durch seine Adern lief. Er beugte und streckte die Knie. Immer noch keine Spur von dem Bären. Er hatte ihn empfindlich verletzt. Er musste abgezogen sein. Wayland spähte zu der Klinge ihm Schnee hinaus. Wenn der Bär geflüchtet war, brauchte er die Waffe nicht, aber ohne das Messer fühlte er sich dennoch schutzlos.

Der Bär war weg. Wayland war sicher. Langsam glitt er vorwärts. Er wollte gerade seine Hand ausstrecken, als er direkt über sich ein knirschendes Geräusch hörte. Er zuckte zurück, rollte sich auf die Seite und sah auf. Der Bär war auf dem Deckstein der Höhlung und schob den Schnee weg. Seine Klauen kratzten über den Fels, und Wayland wusste, dass ihn das Tier ausgraben wollte. Unmöglich, sagte er sich. Der Deckstein bestand aus einer Felsplatte von einem Fuß Dicke und mehr als sieben Fuß Länge, die in einer Eisschicht festgefroren war.

Er dachte an das, was Orm über Bären gesagt hatte, die Robben über ihre Schultern werfen konnten, als wären es Heringe. Und noch etwas anderes hatte ihnen Orm erzählt. Manchmal drehte ein weißer Bär einen Felsblock von der Größe einer Hütte um, nur weil er an ein Mäusenest kommen wollte. Wayland stöhnte vor Angst.

Eine Tatze grub sich ins Eis und hakte sich unter den Vorsprung des Decksteins. Dann zog das Tier, und schon bei diesem ersten Anlauf knackte das Eis entlang der festgefrorenen Steinkante. Wieder zerrte der Bär, und der Deckstein hob sich ein paar Zoll und verrutschte seitwärts, bevor er mit einem Knall zurückfiel. Wayland konnte durch die Lücke die Flanke des Bären sehen. Noch ein Versuch, und er wäre dem Tier so schutzlos preisgegeben wie eine Käferlarve. Er krallte die Hand um seinen Bogen und brüllte, wie Männer gebrüllt haben mussten, bevor ihnen die Sprache gegeben wurde. Der Deckstein rutschte weiter zur Seite, und als Wayland einen Luftzug an seinen Unterschenkeln spürte, wusste er dass sie im Freien lagen. Der Bär musste ihn nicht aus der Höhlung ziehen. Er würde ihn bei lebendigem Leib von den Füßen an aufwärts fressen. In Waylands Kopf rasten die Gedanken. Immer noch schreiend schob er sich auf den Ellbogen aus dem Unterschlupf.

Taumelnd kam er auf die Füße, verlor das Gleichgewicht, und schlidderte auf Händen und Füßen über den Schnee. Dann sprang er auf, wirbelte herum, und hob den Bogen wie einen Degen. Der Bär war nur wenige Schritte von ihm entfernt, starrte in die entgegengesetzte Richtung, und schüttelte langsam und erstaunt den mächtigen Kopf. Es war der Hund. Er raste über den zerklüfteten, eisigen Grund und schlug mit einem fieberhaften Zweitonbellen an. Wayland machte ein paar Schritte rückwärts, und der Bär drehte sich zu ihm um und musterte ihn. Wayland erstarrte. Einen unendlich langen Augenblick betrachtete das Tier Wayland, dann schwang es seinen Kopf wieder zu dem Hund herum. Wayland zog sich noch etwas weiter zurück und nahm mit fiebrigen Bewegungen einen Pfeil aus seinem Köcher. Der Pfeil fiel ihm aus der Hand.

Schliddernd kam der Hund direkt vor dem Bären zum Stehen. Immer noch bellend fing er mit wilden Vorstößen und Rückzügen an. Der Bär brüllte und galoppierte auf den Hund zu. Der Hund wich aus, spielte den Lockvogel. Wayland hatte den nächsten Pfeil aus dem Köcher gezogen und wollte ihn in die Sehne spannen, als er Syth auf sich zulaufen sah.