Hier aber war die Luft rein und belebend. «Ich bin am Verhungern.»
Syths Miene erhellte sich. «Ich habe einen Fisch gefangen. Du musst nur noch ein bisschen warten.»
Sein eigener Hunger ließ Wayland daran denken, dass der Falke vielleicht etwas fressen wollte. Sie hatten noch zwei Tauben übrig. Wayland tötete eine von ihnen, schlug die Klappe des Falkenzelts zurück und schob sich hinein. Der Vogel schrak zurück, riss herausfordernd den Schnabel auf. Blickkontakt vermeidend streckte Wayland ihm die Taube entgegen. Er rechnete nicht damit, dass der Falke sie nehmen würde. Als er nicht zubiss, sah er ihn verstohlen an. Noch immer saß der Falke zurückgelehnt da, allerdings wanderte sein Blick immer wieder zu der Taube. Wayland begann bis zehn zu zählen. Wenn der Vogel das Futter bis dahin nicht angenommen hatte, würde er die Taube auf den Boden legen. Bei sieben streckte der Falke den Kopf vor und schlug den Schnabel in die Taube. Wayland ließ sie nicht los. Der Falke zerrte an der Taube, und dann, ohne zu zögern, ging er auf Waylands Faust. Dort saß er und sah Wayland mit diesem bohrenden Falkenblick an. Wayland stand wie erstarrt, und nach wenigen Momenten neigte der Falke den Kopf und packte den Hals der Taube mit dem Schnabel. Wayland war so verblüfft, dass er den Falken ansah. Sofort hob das Tier den Kopf und durchbohrte Wayland erneut mit seinem Blick. Sobald Wayland wegsah, widmete sich der Falke wieder seiner Beute. Er balancierte auf Waylands Faust, als wäre sie eine vertraute Sitzstange, und begann die Taube zu rupfen.
Unglaublich. Wayland hatte einmal einen Falken abgerichtet, der am ersten Tag seiner Gefangenschaft auf der Faust gefressen und schon nach elf Tagen frei gejagt hatte, doch selbst diese Ausnahme war nicht mit der Gelassenheit dieses Vogels zu vergleichen. Seine Verblüffung verwandelte sich in Besorgnis. Vielleicht war der Falke so zahm, weil er gehungert hatte – ein schwaches Tier, das sich in der Natur nicht ausreichend selbst versorgen konnte. Allerdings sah er durchaus nicht schlecht genährt aus. Die elastischen Federn, die wachen, feucht schimmernden Augen, die safrangelben Füße, die stolze Art zu fressen – ein Bild bester Gesundheit. Langsam hob Wayland die Hand. Der Vogel schlug mit den Flügeln, die Federn unterhalb seines Kopfs wie eine Halskrause gesträubt. Wayland befühlte die Brust des Tieres. Feste Muskulatur, der Brustbeinkamm kaum zu ertasten. Da zwickte ihn der Falke in den Finger, als wollte er sagen: «Du störst mich beim Essen.»
Als der Falke den größten Teil der Taube gefressen hatte, setzte Wayland ihn mit dem Rest des Kadavers zurück auf den Felsblock. Kopfschüttelnd und grinsend verließ er das Zelt. Wenn er den Vogel nicht selbst mit so viel Aufwand gefangen hätte, dann hätte er geschworen, dass der Falke schon von einem Meisterfalkner gezähmt worden war.
Er ging zum Ufer, um sich zu erleichtern. Auf seinem Rückweg blieb er mit einem Mal stehen. Syth saß wie eine Erscheinung unter einem Regenbogen, der sich in der stäubenden Gischt des Wasserfalls gebildet hatte, und schob glühende Holzscheite um die Steine in dem Feuer zusammen. Er ging zu ihr.
«Was tust du da?»
«Das wirst du schon noch sehen.»
Stirnrunzelnd betrachtete er den verhängten Kegel aus Weidenrutengeflecht. Darin steckte eine Menge Arbeit.
«Das ist eine Überraschung», erklärte ihm Syth. «Willst du vorher essen?»
«Das kannst du entscheiden.»
«Iss danach», sagte sie. Sie berührte sein Gesicht und musterte seine Narbe. «Wie fühlt es sich an?»
Er legte den Handrücken auf die Wunde. «Heiß. Und es juckt.»
«Ein Teil davon ist geschwollen. Ich glaube, der Faden sollte raus. Gib mir dein Messer.»
Sie hieß ihn sich hinsetzen und durchschnitt den Zwirn an den sichtbaren Stichseiten. Wayland versuchte nicht zusammenzuzucken, wenn sie ein Stück herauszog.
Sie sah sich den entzündeten Teil der Narbe genau an. «Das tut jetzt vielleicht ein bisschen weh. Das Fleisch ist so geschwollen, dass ich den Zwirn nicht richtig sehen kann.»
Sie schnitt ihm in die Haut, als sie weitermachte, und Eiter spritzte über ihre Hand.
Wayland zog ein Gesicht. «Tut mir leid.»
Syth aber war ganz auf ihre Aufgabe konzentriert. «Ich hatte drei Brüder. Wenn du wüsstest, was ich für die alles tun musste. Beweg dich nicht.» Sie schnitt einige weitere Stiche durch und lehnte sich dann zurück. «Das war’s. Willst du es dir ansehen?»
Wayland betrachtete mit kläglicher Miene seine Stirn in dem Spiegel. Diese Narbe würde ihm fürs ganze Leben bleiben, aber ohne Syths geschickten Umgang mit der Nadel wäre er noch viel schlimmer verunstaltet.
«Komm», sagte sie. «Komm schon.»
Sie führte ihn zum Feuer und deutete auf die eiförmigen Steine. «Du musst sie dort reintragen», sagte sie und deutete auf das Weidenzelt. «Sei vorsichtig. Sie sind sehr heiß.»
Weil er ein Mann war, musste er das selbst testen, indem er den Finger auf einen Stein legte. Blitzartig zog er die Hand zurück und blies auf den Finger. Syth verdrehte nur die Augen.
Er wickelte seine Hände in ein Schaffell und trug die glühendheißen Steine in das Weidenzelt. Syth hatte es um zwei flache Steinblöcke herumgebaut und sagte ihm, er solle die Steine dazwischen aufschichten. Neben einem der Steinblöcke stand ein Krug Wasser.
Als die Steine an Ort und Stelle waren, schob sie ihn hinaus und zog eine Decke über den Eingang. «Wir dürfen sie nicht unnötig abkühlen lassen.»
Der Hund beäugte sie neugierig und neigte den Kopf zuerst auf die eine, dann auf die andere Seite. Wayland erwiderte seinen fragenden Blick und zuckte mit den Schultern.
Syth streckte eine Hand aus dem Zelt und ließ einen Kittel fallen. Wayland warf einen Blick über die Schulter. Dem Kittel folgten eine ganze Reihe weiterer Kleidungsstücke, manche von ihnen hatte Syth seit Wochen nicht ausgezogen. Wayland fuhr sich mit dem Fingerknöchel über die Lippen.
Syth streckte ihr erhitztes Gesicht aus dem Zelt. «Jetzt du.»
«Jetzt ich was?»
Syth verschwand wieder in dem Weidenzelt. «Zieh die Kleider aus.»
Der Hund schien ihn anzugrinsen. Wayland streifte den ersten von mehreren Kitteln ab, die er übereinander trug. «Alle?»
«Allesamt.»
Er zog sich die stinkende Kleidung vom Leib, dann stand er da und bedeckte mit übereinandergelegten Händen seinen Schritt.
«Und jetzt?»
«Bist du nackt?»
Wayland sah sich um. «Ja.»
«Dann kannst du reinkommen.»
Er zog die Decke am Eingang etwas zur Seite und schob sich durch den Spalt. Die Hitze, die von den Steinen ausging, traf ihn wie ein Schlag. Syth saß nackt auf dem Felsblock auf der anderen Seite der Feuersteine.
«Du setzt dich dorthin», sagte sie.
Wayland ließ sich auf den flachen Felsblock sinken. Er hatte noch nie eine nackte Frau gesehen – jedenfalls keine, die vollständig nackt war. Ohne ihre Kleidung wirkte Syths Körper voller, als er gedacht hätte. Abwechselnd nahmen Begierde und Verwirrung von ihm Besitz. Syth konzentrierte sich mit gerunzelter Stirn. Er legte die Hände über seinen Schritt.
Sie hob den Krug hoch. «Ich habe es von einer Frau auf Island gelernt», sagte sie. «Ich hoffe, es funktioniert.»