Sie goss Wasser über die Steine. Es spritzte und zischte, und Wayland schnaubte, als eine Dampfwolke in seine Nasennebenhöhlen stieg. Heißer Wasserdampf erfüllte das enge Zelt. Ihm brach am gesamten Körper der Schweiß aus. Schmutzige Rinnsale liefen an seiner Haut herab.
Ihr Arm streckte sich ihm aus dem Nebel entgegen. Sie hielt einen Knochenspatel in der Hand. «Das ist eine Art, sich zu reinigen. Du reinigst mich, und ich reinige dich. Es geht so.»
Sie ließ den Spatel an seinem Arm heruntergleiten und zeigte ihm den Schmutz, der sich an seinem Rand gesammelt hatte. «Du bist richtig dreckig.»
Er nahm den Spatel von ihr und fuhr damit über ihre Schulter. «Du auch.»
«Wir fangen mit dir an.»
Langsam und sorgfältig entfernte sie den Schmutz, der sich während der Reise auf seiner Haut festgesetzt hatte. «Beweg dich nicht», befahl sie, als sie unterhalb seiner Hüfte angekommen war. «Du hast einen schönen Körper», sagte sie. «Er ist genau richtig.»
Er räusperte sich. «Deiner auch. Du warst so ein mageres Ding.»
Sie lachte fröhlich. «Wayland, du weißt wirklich, wie man eine Frau zum Schwärmen bringt.»
Er sah zur Seite und brachte erst einmal keinen Ton mehr heraus. «Ich habe …», fing er schließlich an, «… ich wollte sagen, du bist die erste …»
Sie hörte auf zu lachen. «Ich weiß.» Sie setzte sich zurück. «Fertig.» Sie gab ihm den Spatel und goss noch einmal Wasser über die Steine. «Jetzt ich.»
Sie verlor sich lächelnd in einem Tagtraum, als er ihren Rücken bearbeitete. «Dreh dich um», sagte er dann heiser.
Sein Selbstvertrauen nahm wieder zu und damit auch seine Begierde. Er konnte sie nicht unterdrücken. Sie fühlte es und griff nach ihm. «Noch nicht. Dafür habe ich mir etwas ausgedacht.» Sie drückte ihn anerkennend und kicherte. «Ich weiß genau das Richtige.»
Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn aus dem Zelt. Dann rannte sie lachend zu dem Becken unter dem Wasserfall. Wayland bremste am Rand. Sie aber sprang kreischend hinein und schleuderte Eiswasser auf Wayland. Spritzend sprang er ihr nach. Das eisige Wasser brannte auf der Haut. Er nahm sie in die Arme, und so standen sie eng aneinandergeschmiegt und blickten durch das stäubende Wasser in die Höhe.
«Das reicht», sagte Syth mit klappernden Zähnen. «Zurück ins Dampfbad.»
Die Atmosphäre im Zelt war einschläfernd. Wayland und Syth betrachteten sich ohne Scham. «Das könnte für Ewigkeiten das letzte Mal sein, dass wir uns nackt sehen», sagte Syth. «Ich will mich genau daran erinnern.»
Wayland streckte den Arm nach ihr aus. «Syth.»
«Noch nicht. Wir müssen noch einmal ins Wasser springen.»
«Müssen wir das?»
«Ja.»
Sie sprangen hinein, und dann trockneten sie sich ab und zogen saubere Kleidung an. Als Wayland Syth beim Haarekämmen zusah, fühlte er sich wie verhext.
Sie riss die Augen auf. «Der Fisch!»
Sie hatte einen Saibling von über drei Pfund gefangen. Wayland wickelte ihn in wilden Ampfer und vergrub ihn in der heißen Asche des Feuers. Sie aßen Seite an Seite, Decken über die Schultern gehängt, und betrachteten dabei den langsamen und hoheitsvollen Zug der Eisberge. Als der Fisch gegessen war, förderte Syth ein Schale mit vielleicht zwanzig Heidelbeeren zutage. «Mehr habe ich nicht gefunden. Es ist noch zu früh im Jahr. Sie sind für dich.»
«Wir teilen sie.»
Nachdem sie die Beeren gegessen hatten, saßen sie in einträchtigem Schweigen beieinander. Wayland hatte noch niemals ein so tiefes Gefühl des Friedens empfunden. Dann begann er zu erzählen, und Syth befreite ihn von dem Gift seiner Vergangenheit. Auch sie erzählte. Davon, wie in ihrer Familie einer nach dem anderen gestorben war, bis nur noch sie allein übrig blieb und es allein mit der Welt aufnehmen musste. Sie überlegten, welche Herausforderungen auf ihrer Reise wohl noch vor ihnen lagen, und versprachen sich, sie gemeinsam zu meistern. Dann glitt ihr Gespräch zu weniger wichtigen Dingen hinüber, doch alles, was sie sagten, war tief empfunden und konnte niemals zurückgenommen werden.
Es wurde Mitternacht. Wayland zog Syth neben sich zu Boden, und während sie sich in den Armen lagen, versuchten sie schweigend, die Gedanken des anderen zu erraten. Dann wandten sie einander gleichzeitig die Gesichter zu und küssten sich. Während ihrer zärtlichen Umarmung flog eine Schar Gänse über sie hinweg, und der Windzug rauschte in ihren Flügeln. In seinem Gefängnis hob der Falke zuerst das eine und dann das andere Bein und biss an seinen Lederfesseln herum.
Syth schob Wayland mit verhangenem Blick ein Stück von sich. «Und der Hund?»
Er machte eine Kopfbewegung, und der Hund kam auf die Pfoten, schüttelte sich, und ging zum Ufer des Fjords hinüber. Dort legte er sich hechelnd hin, sah kurz zurück zur Höhle und hob dann seinen Kopf, um die wiederkehrende Sonne zu beobachten.
XXVI
Mittsommer verging, und keine Nachricht von der Shearwater erreichte Island. Vallon wurde missmutig vom Nichtstun, sodass sich Hero und Richard freuten, wenn sie Handelsgeschäfte von Ottarshall wegführten. Vallon blieb dann mit Garrick zurück, der sehr gut einschätzen konnte, wann man den Hauptmann ansprechen durfte und wann man ihm besser aus dem Weg ging. Der Juni wurde vom Juli abgelöst, und Vallons Laune verschlechterte sich noch. Solange er unterwegs gewesen war, hatte er seinen Dämonen immer einen Schritt voraus sein können. Doch jetzt stürzten sie sich auf ihn. Er stand jeden Tag später auf, verbrachte Stunden damit, über die öde Landschaft zu starren, und begann, sein Äußeres zu vernachlässigen.
Dann sickerten Gerüchte über ein norwegisches Schiff durch, das bei den Westmann-Inseln an den Klippen zerschellt war. Erst in der zweiten Juliwoche traf endlich ein Schiff aus Grönland ein und brachte die Nachricht von der sicheren Ankunft der Shearwater und ihrer Weiterfahrt zu den Jagdgebieten im Norden. Vallons Lebensgeister hoben sich wieder. Falls es keine Unfälle oder schlechtes Wetter gab, sollten die anderen Anfang August zurück sein, und sie würden nach Süden aufbrechen können. Mit der Aussicht, nur noch zwei Wochen Leerlauf überstehen zu müssen, konnte Vallon seine Trägheit abschütteln. Er nahm seine Englisch-Lektionen wieder auf und begann mit körperlichem Training. Es waren Wochen vergangen, seit er zuletzt mit dem Kampfschwert geübt hatte, und seine Muskeln waren schlaff geworden.
Garrick stopfte eine Robbenhaut mit Stroh aus und hängte sie in ein Gestell, das normalerweise für Wollsäcke vorgesehen war. Vallon schnitzte ein passend gewichtetes und ausbalanciertes Holzschwert, und am Ende der Woche griff er die Attrappe mit vierhundert Hieben täglich an, zweihundert mit jeder Hand. Vallons Stahlklinge war leichter als die meisten Schwerter, und er übte sich seit seiner Kindheit darin, mit jeder Hand gleichermaßen geschickt zu sein.
Von einem nahe gelegenen Bauerngehöft kamen Kinder, um sich das Schauspiel anzusehen. Eines Morgens, als Vallon gerade seine Strohattrappe angriff, liefen die Kinder plötzlich mit lauten Rufen weg, um vier Reiter auf dem Weg nach Reykjavík vorbeitraben zu sehen. Ihre Rufe lockten Gisla vor die Tür. Als sie die Reitergruppe sah, stieß sie einen entzückten Schrei aus und humpelte den Kindern nach.
«Wovon sind sie denn alle so begeistert?», fragte Vallon Garrick.
«Ich weiß es auch nicht genau, Herr. Die alte Frau hat etwas gerufen, das wie ‹die Prinzessin› geklungen hat. Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.»
Vallon schlenderte in Kniehosen und bis zur Brust offenstehendem Hemd zum Weg hinüber. Die Reiter kamen näher. An der Spitze, auf einem sorgfältig gepflegten Grauen, ritt eine stolze Schönheit, die ein besticktes weißes Kleid und eine Pelerine mit Fellbesatz trug. Ihr hüftlanges Haar hatte die Farbe von Granatsteinen und umrahmte ein Antlitz so bleich wie Kreide und so kühl wie Marmor. Hinter ihr ritt eine Dienerin, und den Schluss bildeten zwei bewaffnete und gutgekleidete Beschützer.