Er drückte ein paarmal hintereinander den Bügel seiner Taschenlampe, und sie gab Licht. Der Strahl war schwach, doch ausreichend, um den Tresor zu finden.
Ahimaaz steckte den Dietrich in das Schlüsselloch und begann ihn gleichmäßig und auf methodische Weise hin- und herzudrehen. Bei Einbrüchen fühlte er sich als Dilettant, doch hatte er in seiner langen Laufbahn manchen Kniff dazugelernt. Nach reichlich drei Minuten klickte es - das war die erste von drei Nasen. Für die restlichen zwei benötigte er weniger Zeit - zwei Minuten ungefähr.
Knarrend ging das stählerne Türchen auf.
Ahimaaz fuhr mit der Hand hinein, ertastete irgendwelche Papiere. Er leuchtete mit der Taschenlampe: Es waren Listen mit Namen, Skizzen. Monsieur N.N. hätte sich wahrscheinlich gefreut, diese Papiere in die Hand zu bekommen, doch Dokumentendiebstahl war im Vertrag nicht vorgesehen.
Und die Papiere interessierten Ahimaaz in diesem Moment wenig.
Das Portefeuille war nicht im Tresor. Damit hatte er nicht gerechnet.
10
Den Freitag verbrachte Ahimaaz, auf dem Bett liegend, in konzentriertem Nachdenken. Aus Erfahrung wußte er: Geriet man in einen Hinterhalt, gab man besser nicht dem ersten Fluchtreflex nach, sondern blieb, wo man war - so reglos und starr wie die Kobra, wenn sie zum tödlichen Vorstoß ansetzt. Vorausgesetzt, die Umstände erlaubten eine solche Atempause. Im gegebenen Fall war dem so, denn die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen waren getroffen. Noch letzte Nacht war Ahimaaz aus dem »Metropol« in die schäbige »Herberge zur Treue« umgezogen, kurz die »Treue« genannt. Von den dreckigen, verwinkelten Seitenstraßen der Pokrowka war es nur ein Katzensprung bis zur Chitrowka - dem Ort, wo es das Portefeuille nunmehr zu suchen galt.
Beim Auszug aus dem »Metropol« hatte Ahimaaz auf eine Droschke verzichtet. Lange war er kreuz und quer durch die bereits wieder heller werdende Nacht gelaufen und hatte geprüft, ob ihn nicht jemand verfolgte. In der »Treue« mietete er sich unter anderem Namen ein.
Das Zimmer war schmutzig und finster, jedoch günstig gelegen, mit separatem Eingang und guter Einsicht auf den Hof.
Nunmehr konnte er das Geschehene in aller Ruhe überdenken.
Trotz gründlicher Suche hatte er das Portefeuille letzte Nacht in Sobolews Appartement nicht gefunden. Dafür hatte er auf dem Fensterbrett des hintersten, fest verriegelten Schlafzimmerfensters ein Klümpchen Schmutz entdeckt. Sofort war sein Blick nach oben gegangen - die Lüftungsklappe war nur angelehnt. Jemand war vor kurzem dort ausgestiegen.
Ahimaaz starrte auf die Lüftungsklappe, dachte nach und zog seine Schlüsse.
Dann wischte er den Schmutz vom Fensterbrett und verriegelte das Fenster, durch das er hereingekommen war.
Er verließ das Zimmer durch die Tür, die er mit dem Dietrich von außen wieder verschloß.
Im Vestibül war es still und finster, nur am Pult des Nachtpförtners blakte eine Kerze. Der Pförtner selbst döste; die dunkle Gestalt, die aus der Sobolew-Suite geschlichen kam und vorbeihuschte, entging seiner Aufmerksamkeit. Als das Glöckchen schellte, schrak der Portier auf, doch da war der Gast bereits draußen. Herrje, man kommt nicht zum Schlafen! dachte der Pförtner, hielt sich die Hand vor den gähnenden Mund und ging, den Riegel vorzuschieben.
Während Ahimaaz geschwind in Richtung »Metropol« lief, überlegte er, wie er weiter verfahren sollte. Der Morgen graute - Ende Juni sind die Nächte kurz.
Eine Kalesche kam um die Ecke gebogen. Ahimaaz erkannte die Silhouette von Sobolews Ordonnanz, dem Jessaul. Mit beiden Händen stützte er eine neben ihm sitzende weiße Gestalt. Ein zweiter Offizier hielt von der anderen Seite dagegen. Willenlos pendelte der Kopf des weiß bekleideten Mannes mit den klappernden Hufen im Takt. Zwei weitere Kaleschen folgten.
Wie sie ihn wohl am Portier vorbeibugsieren? fragte sich Ahimaaz zerstreut. Irgend etwas würde ihnen gewiß einfallen. Militärs sind findige Leute.
Der kürzeste Weg zum »Metropol« führte über einen Hof - schon einige Male war Ahimaaz ihn in den letzten achtundvierzig Stunden gegangen.
Als er diesmal durch den dunklen Torbogen trat und die Steinplatten dumpf unter seinen Füßen klangen, hatte er plötzlich das Gefühl, daß jemand in der Nähe war. Er hatte ihn weder gesehen, noch gehört, nur gespürt mit jenem entlegenen Sinn, der ihm schon manchmal das Leben gerettet hatte. Vielleicht, daß die Haut in seinem Nacken eine Bewegung wahrgenommen hatte, einen winzigen Lufthauch. Es konnte eine vorbeihuschende Katze gewesen sein oder eine Ratte, die zum nächsten Kehrichthaufen unterwegs war. Ahimaaz scheute sich in solchen Momenten nie, seinem Instinkt nachzugeben, auch wenn er sich damit vor sich selbst zum Gespött machte. Kurzerhand tat er einen Sprung zur Seite.
Es war wie ein kleiner, von oben nach unten wehender Zugwind, der seine Wange streifte. Aus dem Augenwinkel sah Ahimaaz, wie knapp neben seinem Ohr eine matt schimmernde Stahlklinge die Luft zerschnitt. Mit routiniert schnellem Griff zog er seine »Velo-dog« und schoß, ohne zu zielen.
Es folgte ein gepreßter Aufschrei, ein Schatten wischte zur Seite.
Mit zwei Sprüngen hatte Ahimaaz den Fliehenden eingeholt. Ein kurzer, schneller Schlag mit dem Spazierstock streckte ihn nieder.
Ahimaaz richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf den vor ihm liegenden Mann. Ein grobes Gesicht, tierische Grimasse. Schwarzes Blut sickerte aus dem struppigen, schmierigen Haarschopf. Die kurzen, kräftigen Finger, die der Mann gegen die Hüfte gepreßt hielt, waren gleichfalls naß von Blut.
Die Kleidung verriet den Russen: seitlich geknöpftes Hemd mit Stehkragen, Tuchweste, halbsamtene Hosen, dreckige Stiefel. Am Boden lag ein Beil mit ungewöhnlich kurzem Heft.
Ahimaaz beugte sich tiefer, leuchtete mitten in das Gesicht. Staunende Augen mit unnatürlich geweiteten Pupillen glänzten auf.
Aus Richtung Neglinny Projesd erscholl ein Pfiff, vom Teatralny ein zweiter. Die Zeit drängte.
Er ging in die Hocke, packte den Liegenden mit zwei Fingern unterhalb des Jochbeins und drückte zu. Mit der anderen Hand schleuderte er das Beil beiseite. »Wer schickt dich?«
»Ich bin arm dran, mein Herr ... das ist alles«, röchelte der Verwundete.
»Vergebung... «
Ahimaaz drückte den Daumen tiefer - dorthin, wo der Gesichtsnerv lag. Er sah eine Weile zu, wie der Mann sich vor Schmerz krümmte, ehe er seine Frage wiederholte: »Wer?«
»Laß laß mich, Scharbe«, stöhnte der Mann, während seine Absätze gegen das Pflaster schlugen. »Ich sterbe doch ...«
184
»Wer?« fragte Ahimaaz zum dritten Mal und drückte ihm einen Finger auf das Auge. Mit einem neuerlichen Stöhnen brach aus dem Mund des Sterbenden ein Blutschwall hervor.
»Mischa«, gluckste die Stimme kaum noch vernehmlich. »Der Kleine Mischa ... laß mich ... aah!«
»Welcher Mischa?« fragte Ahimaaz und verstärkte den Druck.
Das war ein Fehler. Mit dem glücklosen Mörder ging es ohnehin zu Ende. Das Stöhnen war in ein Rasseln übergegangen, das Blut kam in Strömen über den Bart geflossen. Der Mann würde ganz sicher kein Wort mehr herausbringen. Ahimaaz richtete sich auf. Die Trillerpfeife des Schutzmanns war schon ganz nah.
Gegen Mittag waren alle Varianten erwogen, eine Entscheidung war getroffen. Ahimaaz war bestohlen worden, und man hatte ihn umzubringen versucht. Gab es zwischen beidem einen Zusammenhang? Davon war auszugehen. Der Mann, der ihm auf dem Hof aufgelauert hatte, mußte genau gewußt haben, wann Ahimaaz hier vorbeikommen würde.
Also mußte ihm erstens jemand gefolgt sein, als er gestern die Route abgegangen war, und dies immerhin so geschickt, daß er nichts bemerkt hatte; zweitens mußte jemand im Bilde darüber sein, womit Ahimaaz letzte Nacht beschäftigt gewesen war; drittens hatte der Portefeuilledieb gewußt, daß Sobolew nicht in sein Zimmer zurückkehren würde - warum hätte er sonst den Tresor wieder so sorgfältig verschließen und durch die Lüftungsklappe klettern müssen? Der General hätte den Verlust so oder so bemerkt.