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»Runter mit dir, Sachse«, sagte er und zeigte mit dem Schwert auf die dunkle Öffnung.

Es roch nach Salzwasser und Moder. Eadulf war an den Geruch der Höhlen an der felsigen Küste erinnert.

»Du könntest mich ebensogut hier oben umbringen«, sagte er trotzig. »Ich kann da unten nichts erkennen; wenn du mich also in eine unterirdische Höhle voller Wasser befördern willst, muß ich dir mitteilen, daß ich lieber durch das Schwert als durch Ertrinken sterbe.«

Der Krieger lachte laut auf.

»Hat dir Uaman nicht gesagt, daß du bis zur Flut Zeit hast? Er möchte, daß du ein wenig über dein Schicksal nachsinnst. Wir brauchen dich jetzt noch nicht umzubringen, mein Freund.«

Sein Gefährte grinste.

»Weißt du, wir werden dir diese Öllampe hier geben. Das Licht sollte bis zur Flut reichen. Keine Sorge. Siehst du nicht, wie hilfsbereit wir sind?« Er schob Eadulf eine flackernde Öllampe zu.

»Jetzt steig hinunter, sonst überlegen wir es uns noch einmal«, fuhr ihn der Krieger an und zog sein Schwert.

Eadulf zögerte nur kurz. Zumindest hatte er Licht und vermochte sich frei zu bewegen. Solange er das konnte, bestand Hoffnung. Er wollte nicht sofort durch das Schwert sterben.

Er kletterte die Leiter hinunter und sah, daß er in einen ungefähr vier Meter tiefen Raum mit sandigem Boden stieg. Der Raum maß etwa zwei mal zwei Meter in der Breite. Es war kalt und roch stark nach Meer. Die Mauern bestanden nicht aus natürlichem Felsen, sondern aus großen behauenen Steinblöcken.

Er nahm den Fuß von der untersten Leitersprosse, hob die Lampe und blickte sich um.

Rasch wurde die Leiter hochgezogen.

Über ihm ertönte Gelächter.

»Bis zur Flut, Sachse«, rief einer der Männer ihm zu. »Angenehme Träume!«

Nun wurde die Steinplatte wieder über die Öffnung geschoben, und er war allein.

Fidelma hielt diesen Tag später für den längsten und schlimmsten ihres Lebens. Sie lag auf dem Bett im oberen Raum der Jagdhütte und war gefesselt. Ab und zu sah einer der Ui Fidgente nach ihr und überprüfte, ob die Fesseln noch straff waren. Crond kam zweimal herein und gab ihr zu essen und zu trinken. Dabei löste er ihr die Fesseln von den Händen, stellte sich aber vor sie hin, damit sie nicht entwischen konnte. Am peinlichsten für sie war es, wenn sie ihre Notdurft verrichten mußte. Crond hängte in einer Ecke des Raumes ein Laken vor einen Eimer und blieb die ganze Zeit über davor stehen. Meist aber war sie allein und ihren Gedanken überlassen.

Sie hatte noch einmal erfolglos versucht, Zuflucht in der Meditation zu finden. Aber Meditation bedeutete Flucht aus der Wirklichkeit, und das half ihr wohl nicht weiter. Ihr war klargeworden, daß sie der Realität ins Auge schauen mußte. Jetzt, wo sie allein war und nichts tun konnte, setzte sie sich mit einem Problem auseinander, das sie bisher immer wieder verdrängt hatte. Sie fing an, über ihre Beziehung zu Eadulf und ihrem Kind nachzudenken - ihrem gemeinsamen Kind. Plötzlich rollten ihr Tränen über die Wangen. Warum nur? Sie hatte sich doch sonst immer beherrschen können. Vielleicht war sie immer zu beherrscht gewesen?

Nachdem ihre Jugendliebe zu Cian gescheitert war, hatte sie zu der Idee Zuflucht genommen, daß man es ja mit der Vernunft steuern könne, daß eine Beziehung zu einem Mann nicht zu eng wurde. Hatte sie sich die ganze Zeit über selbst betrogen? Was wollte sie eigentlich? Sie hatte Unabhängigkeit gewollt, sich nur auf sich selbst verlassen wollen. Sie hatte eine gute ddlaigh sein wollen. Sie hatte ein außergewöhnliches Talent, Verbrechen aufzuklären. Ohne das gäbe es für sie kein erfülltes und zufriedenes Leben. Sie bedauerte es inzwischen, daß ihr Cousin, Abt Laisran von Dur-row, sie dazu überredet hatte, Nonne zu werden. Es stimmte natürlich, daß die meisten Vertreter gelehrter Berufe in Klöstern lebten, das war einfach so üblich. Aber ihre Zeit in Kildare war nicht glücklich verlaufen, denn Institutionen bedeuten auch immer eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Und persönliche Freiheit stellte Fidelma über alles.

Das war es! Freiheit. Das war der Kern der ganzen Schwierigkeiten zwischen ihr und Eadulf. Sie wollte sich keine Beschränkungen auferlegen lassen, wollte keine Bindungen eingehen. Auf einmal hörte sie die weisen Worte ihres Mentors Brehon Morann, der sie gefragt hatte: »Wodurch fühlst du dich denn so gebunden, Fidelma?« Und wirklich, vor welchen Bindungen hatte sie Angst? Sie hatte Kildare verlassen, und ihre Fähigkeiten und ihre Qualifikationen als Anwältin hatten sie zu einer gefragten Autorität werden lassen. Sie war die Tochter von Failbe Flann, König von Muman, und nun war ihr Bruder König. Auf Sicherheit kam es ihr nicht an. Wieder einmal stellte sie sich die Frage, wodurch sie sich gebunden fühlte.

Sie dachte an Eadulf und Alchu.

Lebte sie nur allein für sich? Ihr Lieblingsphilosoph war Publilius Sy rus. Man hatte ihn als Sklaven aus Antiocheia nach Rom gebracht und ihm schließlich die Freiheit geschenkt. Er hatte viele moralische Lehrsätze hinterlassen, die Fidelma auswendig konnte, denn in Brehon Moranns Rechtsschule hatte man häufig auf ihn Bezug genommen. Seine Maxime iudex damnatur ubi nocens absolvitur - wird der Schuldige freigelassen, so ist der Richter zu verurteilen - war fast zu einem Leitsatz geworden. Fidelma hatte diesen Gedanken abgelehnt und als junge Studentin gemeint, daß es besser wäre, einen Schuldigen freizulassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen. Sie war der Ansicht, daß der Druck, den man durch diesen Leitsatz auf Richter ausübte, jene dazu ermutigen würde, einen Menschen zu verurteilen, nur aus Angst, selbst verurteilt zu werden.

Sie war eine glühende Anhängerin des irischen Rechtssystems, das den Grundsatz cach brithemoin a bdegul anerkannte: Jeder Richter darf sich einmal irren. Doch ein Richter mußte ein Pfand von fünf Unzen Silber hinterlegen und eine Strafe zahlen, wenn er einen Fall ungelöst ließ. Gegen alle Urteile war Einspruch möglich, und ein Richter mußte eine Entschädigung zahlen, wenn sich sein Urteilsspruch als falsch erwies.

Worüber hatte sie da eben nachgedacht? Über Publilius Syrus? Sie hatte sich doch fragen wollen, ob sie nur allein für sich lebte. Publilius Syrus hatte gesagt, daß jene, die nur allein für sich lebten, für andere tot seien. Ihr lief ein Schauer über den Rücken.

Warum stieß sie Eadulf und Alchu nur von sich fort? Sie stöhnte innerlich. Eadulf hatte ihr nicht jene Fesseln angelegt, durch die sie sich so eingeengt fühlte. Sie hatte es selbst getan. Sie hatte ihre Idealvorstellung vom Leben im Kopf und auch das Gegenteil davon. Der Widerspruch war nicht außerhalb von ihr zu suchen, er war in ihr.

Eadulf! Auf einmal begriff sie, daß er immer sehr viel Geduld mit ihr gehabt hatte. Immer wieder hatte er ihre Schwächen akzeptiert und ihre Fähigkeiten anerkannt. Warum hatte sie sich nach ihrem Aufbruch aus Rom so sehr nach ihm gesehnt? Was hatte sie so überstürzt von der iberischen Küste zurück in die fünf Königreiche reisen lassen, als sie damals hörte, Eadulf sei des Mordes angeklagt? Sie war nicht verliebt in ihn, sondern da war etwas unendlich Wahrhaftigeres zwischen ihnen - sie liebte ihn und war auf seine Gesellschaft, seine Klugheit und seine Unterstützung angewiesen. Sie hatte sich nach einer Seelenfreundin gesehnt, nun merkte sie plötzlich, daß sie gar keine brauchte. Was war sie nur für ein Närrin gewesen.