Doch wo steckte Eadulf jetzt? Und der kleine Alchu?
Wieder stöhnte sie. Sie weinte, bis sie erschöpft einschlief.
Eadulf hielt die Öllampe hoch und sah sich in seinem Gefängnis um.
Der Sand unter seinen Füßen war naß. Da lagen ein paar Meeresalgen und zerbrochene Muschelschalen.
In einer Ecke bewegte sich etwas. Eine Krabbe hatte sich dorthin zurückgezogen. Grauen und Entsetzen packten Eadulf, als er sich weiter umsah. Die Mauern waren dunkel und feucht, Moos zog sich über die Steine. Eadulf konnte erkennen, wie hoch der Wasserstand bei Flut war, er ging fast bis unter die Decke. Er sah sich die Mauern genauer an. Drei kleine Öffnungen befanden sich darin, aber sie waren winzig - vielleicht paßte ein Kopf hinein, hindurchzwängen konnte man sich jedoch nicht. Als er in diese Löcher spähte, hörte er ein Ächzen. Er lauschte einen Moment. Es war das Ächzen der See, die sich irgendwo hinter den Öffnungen befinden mußte. Wieder spähte er in die kleinen Öffnungen und entdeckte am Ende einen Lichtschein.
Er mußte schlucken.
Das also hatte Uaman gemeint! Die Flut! Und bei Flut würde das Meerwasser durch diese Öffnungen in sein Verließ fließen. Er würde ertrinken, denn es gab keinen Weg hinaus.
Auf einmal vernahm er ein anderes Geräusch, ein dumpfes Klopfen. Es schien von oben zu kommen. Mauerstückchen fielen herab. Eine weitere Foltermethode? Da schlug ein schwerer Steinblock auf dem Sand auf.
Eadulf sah ein schwaches Licht über sich, das nicht von einer Lampe stammte, einen weißlichen Schimmer eher. Etwas bewegte sich durch die Öffnung. Es waren der Kopf und die Schulter eines Mannes.
»Kairongnothi!« rief der Mann triumphierend.
Eadulf regte sich nicht und blickte empor. Der Kopf und die Schultern schoben sich weiter durch die Öffnung.
»Dos moi pou sto kai ten gen kineso!« ließ die Männerstimme nun zufrieden verlauten.
Das war ein Ausspruch von Archimedes. Gib mir einen Ort zum Stehen, und ich werde die Erde bewegen! Der Mann sprach Griechisch.
»Bleib dort!« rief Eadulf. »Komm nicht weiter, sonst stürzt du herab!«
Da fiel ihm auf, daß er in seiner Muttersprache geredet hatte. Er versuchte, sich auf das wenige Griechisch zu besinnen, das er aus den heiligen Schriften kannte und wiederholte das Gesagte. Doch inzwischen hatte der Mann über ihm schon die Gefahr erkannt, denn Eadulf hielt seine Lampe hoch und zeigte ihm, daß seine Zelle ganze vier Meter tief war. Der Mann oben stieß eine Reihe von Worten aus, die seine Enttäuschung verrieten. Dann war Stille.
»Sprichst du Griechisch?« fragte er endlich.
»Nur ein paar Worte. Sprichst du die Sprache von Éireannach?«
»Nein.«
Dann herrschte wieder Schweigen. Der Mann oben an der Decke betrachtete Eadulf im spärlichen Licht der Öllampe.
»Wie ich sehe, trägst du die Tonsur Roms. Wie sieht es denn mit Latein aus?« fragte er auf Latein.
»Das beherrsche ich gut«, erwiderte Eadulf erleichtert.
»Bist du auch ein Gefangener?« erkundigte sich der Mann nun, wobei er das Wörtchen auch betonte.
»Du bist also ein Gefangener? Ja, ich bin auch ein Gefangener von Uaman, und wahrscheinlich verbleibt mir nicht mehr viel Zeit auf dieser Welt. Man hat mich hier ins Verließ gesteckt, damit ich ertrinke.«
»Wie das denn?« fragte der Mann.
»Man hat mir erklärt, bis zur Flut hätte ich Zeit. Bei Flut muß ich damit rechnen, daß das Wasser bis unter die Decke steigt. Die Wände sind ganz feucht und mit dicken Schichten von Moos und Meeralgen bewachsen.«
Der Mann murmelte etwas auf Griechisch und sagte dann: »Ich dachte, wenn ich in meiner Zelle ein paar Steinplatten entferne, würde ich an einen Ort gelangen, von dem aus ich fliehen kann.«
»Du versuchst also, aus deiner Zelle herauszukommen?«
»Ja.«
»Und wo ist deine Zelle?«
»Hinter mir. Der Boden liegt etwa auf dem Niveau der Decke von deinem Verließ.«
»Woher kommt dann aber das Licht?«
»Ach, ich habe ein kleines vergittertes Fenster, das aufs Meer blickt.«
»Bist du sicher, daß du dich über dem Meeresspiegel befindest?«
»Ich habe die Gezeiten beobachtet«, antwortete der Fremde. »Bei Flut bin ich knapp über dem Meeresspiegel. Die Mauern und der Boden meiner Zelle halten das Wasser ab.«
In Eadulf keimte ein Funken Hoffnung.
»Wenn es mir irgendwie gelänge, zu dir hinaufzuklettern, wäre ich fürs erste gerettet.«
Er schaute hoch und versuchte mit Hilfe seiner Lampe die Entfernung abzuschätzen. Wenn sich die Öffnung wirklich vier Meter über dem Boden befand, war sie so unerreichbar, als lägen eine Million Meter dazwischen. Die Mauern waren einfach zu naß und zu glitschig, als daß man sie hätte hinaufklettern können.
»Vielleicht könnte ich mit dem steigendem Wasserpegel in meiner Zelle höher gelangen«, fiel ihm ein.
»Das ist sehr gefährlich, mein Freund«, warnte ihn die Stimme über ihm. »Warte.«
Eadulf wollte dem anderen gerade erwidern, daß er dann eben unten bleiben würde, aber der war schon fort.
Endlose Zeit verging. Er hörte eigenartige Geräusche, als würde etwas zerrissen. Dann tauchte der Kopf wieder in dem Loch auf.
»Aufgepaßt!«
Von oben wurde etwas heruntergelassen. Es war ein langes Seil, das aus vielen kleinen Leinenstücken zusammengeknotet war. Es endete kurz über seinem Kopf.
»Kommst du da heran, mein Freund?«
»Wenn ich meine Lampe abstelle und hochspringe.«
»Dann versuche es. Ich hoffe, das Seil wird halten. Ich habe das andere Ende an meine Pritsche gebunden.«
Eadulf stellte die Lampe ab. Beim zweiten Versuch konnten seine Hände das Seil packen. Er schwang in Richtung Mauer, stieß gegen die Steine, und es dauerte einen Augenblick, bis er sich langsam hochziehen konnte. Sein Leidensgenosse spornte ihn an, und bald war er oben an der Öffnung angelangt. Sie war nicht sehr groß, aber er konnte Kopf und Schultern hindurchschieben.
Unterdessen war sein Gefährte in einen kleinen Gang zurückgekrochen, der ungefähr einen Meter schräg nach oben führte, wie Eadulf jetzt erkennen konnte. Mit größten Anstrengungen hievte sich Eadulf über den Rand der Öffnung hinauf in den ansteigenden Tunnel. Kurz darauf hatte er den Tunnel hinter sich gelassen und lag auf dem Boden der Zelle seines neues Freundes. Erschöpft holte er Luft.
Dann sah er sich um. Sein Retter zog gerade das selbstgemachte Seil hoch. An der Wand stand eine Pritsche, sonst war die Zelle leer. Auf einer Seite befand sich eine dicke Holztür, auf der anderen ein kleines vergittertes Fenster, das auf die Seeseite blickte.
Eadulf drehte sich zu seinem Gefährten um und lächelte.
»Zumindest wurde mir Aufschub vom Tod in einem Wassergrab gewährt.«
Der andere Mann war älter als er. Er war groß und ziemlich muskulös, hatte schwarzes Haar, das an der Stirn schon lichter wurde, und einen üppigen Bart. Seine Haut war blaß und schimmerte olivgrün. Augenbrauen und Augen waren beinah genauso dunkel wie sein Haar. Eine Tonsur konnte Eadulf nicht er-kennen. Der Mann erwiderte Eadulfs Lächeln und zuckte mit der Schulter.
»Nur ein Aufschub, mein Freund. Es sei denn, uns gelingt es, eine Fluchtmöglichkeit zu finden.«
Eadulf betrachtete das Loch, durch das er in die Zelle gekommen war. Der Mann hatte eine große Steinplatte unter der Pritsche zur Seite geschoben, was niemand so schnell von der Tür aus entdecken konnte.
»Mir fiel auf, daß der Stein locker war, und so habe ich ihn fortgestemmt. Dann bemerkte ich, daß sich dahinter ein Tunnel befand. Nun, kein richtiger Tunnel. Du hast ja gesehen, daß er kaum länger als ein Meter ist. Er wird wohl einst als Luftschacht gedient haben. Natürlich hatte ich gehofft, daß er in einen anderen Raum führt oder sich mir eine Möglichkeit zur Flucht eröffnen würde. Nicht im Traum wäre mir eingefallen, daß ich nur zu einer anderen Zelle gelange, die noch schlimmer ist als meine. Wärst du nicht dagewesen, wäre ich vielleicht hinuntergestürzt, hätte mir das Bein oder noch mehr gebrochen und wäre jämmerlich ertrunken.«