Erstaunlicherweise war Gorman darüber nicht überrascht.
»Ich glaube nicht, daß wir den Schuldigen lange suchen müssen. Es gibt schon eine ganze Weile Gerüchte über Fiachrae von Cnoc Loinge. Er glaubt, daß er der rechtmäßige Nachfolger der Eoghanacht-Könige ist. Er hält sich auch immer wieder sehr nah an der Grenze zu den Ui Fidgente auf.«
»Fiachrae?«
Plötzlich richtete sich Eadulf auf und stieß auf Sächsisch einen Fluch aus. Gorman verstand ihn nicht, doch er verstand den Tonfall und sah Eadulf ein wenig erstaunt an.
»Die ganze Zeit über war die Lösung zum Greifen nahe«, stöhnte Eadulf. »Capa erzählte uns auf dem Treffen des Kronrates, daß am Morgen nach Saraits Ermordung mehrere Reiter nach Cnoc Loinge aufgebrochen waren. Als wir dann in Cnoc Loinge eintrafen, tat Fiachrae so, als wisse er nichts von der Entführung unseres Kindes. Doch schien er nicht wirklich davon überrascht zu sein. Er sagte mir, daß keine fremden Reisenden durch sein Dorf gekommen seien. Ich habe ihn gar nicht danach gefragt. Er wußte es. Er wußte es, er ist derjenige, der Alchu an Uaman verraten hat! Und hat mir nicht der Verwalter der Abtei von Colman erzählt, daß ihm ein Bote aus Cnoc Loinge die Kunde von dem entführten Kind gebracht hat. Es muß Fiachrae gewesen sein ... Aber nein. Das kann nicht sein. Woher sollte er wissen, daß Corb und Corbnait Alchu mitgenommen hatten? Nicht einmal sie wußten, wer das Kind ist.«
»Du hättest dich ein wenig länger mit dem Kräutersammler unterhalten müssen«, stellte Gorman fest. »Er sagte mir, daß sie in Cnoc Loinge einer Frau aus Fiachraes Haus erzählt hätten, daß sie ein Kind gefunden hatten, von dem sie hofften, daß jemand es adoptieren würde.«
»Für seinen Verrat wird Fiachrae verurteilt und bestraft werden«, schwor sich Eadulf. »Aber das hilft uns jetzt nicht, mein Kind oder den Mörder von Sarait zu finden.«
»Ich flehe zu Gott, daß er mich dabei sein läßt, wenn wir den Mörder aufspüren«, sagte Gorman voller Inbrunst. »Ich werde tun, was ich tun muß, und es wird mir nicht leid tun.«
»Ich bereue es sehr, daß Uaman sein Geheimnis mit ins Grab genommen hat.«
»Uaman muß doch etwas gesagt haben, was dir weiterhelfen kann, oder?« fragte Gorman eindringlich. Auf einmal sprang er auf. »Vielleicht befindet sich das Baby immer noch in Uamans Turm?«
Eadulf schüttelte den Kopf. »Er hat das Baby einem Schäfer und seiner Frau gegeben, die werden es auf-ziehen, ohne seine Herkunft zu kennen. Es wird in irgendeinem Gebirge als Schäfer aufwachsen . Aber wo? Es würde ein ganzes Leben dauern, die Berge dieses Landes nach ihm abzusuchen. Seine neuen Eltern wissen nur, daß das Kind von Uaman kam. Es gibt keine Möglichkeit festzustellen, wer der Junge ist. Er wird einen anderen Namen tragen.«
»Woher weißt du das alles?«
»Das hat mir Uaman verraten.«
»Ich habe Lady Fidelma einmal sagen hören, daß man, wenn man die Worte, die jemand geäußert hat, genauer untersucht, daraus allerlei Schlüsse ziehen könnte.«
Eadulf blickte den Krieger erstaunt an. Der Mann hatte recht. Genau das würde Fidelma sagen.
»Denk nach, Bruder«, sagte Gorman. »Erinnere dich an seine Worte.«
Eadulf schloß die Augen und versuchte es.
»Er nannte keinen Ortsnamen. Gab keine Hinweise auf eine bestimmte Gegend. Er sagte nur, daß Alchu von einem Schäfer und seiner Frau großgezogen und im Gebirge Schafe hüten würde.« Eadulf verstummte.
»Ist dir gerade etwas eingefallen?«
»Er sagte etwas von einem Gebirge, in dem es spukt.«
Gorman lächelte bitter. »In welchem Gebirge in den fünf Königreichen gibt es nicht irgendwelche Geister? Die Berge sind alt und haben unzählige Könige kommen und gehen sehen, die nun weggeweht sind wie die Spreu vom Weizen. Sie haben ein Gedächtnis, diese Berge. Dort spukt es wirklich.«
»Uaman meinte, dort würde die Tochter von jemanden spuken.«
Gorman neigte sich rasch vor. »Das klingt gut, Bruder. Wessen Tochter?«
Plötzlich wußte Eadulf den Namen wieder.
»Daire Donn«, sagte er triumphierend. Erwartungsvoll blickte er Gorman an, der aber nur den Kopf schüttelte.
»Wir werden uns danach erkundigen müssen«, sagte er. »Doch nun sollten wir erst einmal schlafen. Wenn ich deinen Freund Basil Nestorios recht verstanden habe, werden wir morgen bei Ebbe sein Pferd und ein paar wertvolle Habseligkeiten aus dem Turm holen.«
Eadulf stimmte ihm zu. Dann fiel ihm noch etwas ein.
»Wir haben doch einen von Uamans Kriegern in der Zelle des Persers eingesperrt. Vielleicht könnte er uns zu Alchu führen.«
»Morgen, wenn wir auf den Wechsel der Gezeiten warten, kann ich zu der kleinen Siedlung hinaufreiten, die ich im Gebirge hinter uns entdeckt habe. Die werden sich bestimmt freuen, daß Uaman nicht mehr ihr Stammesfürst ist. Außerdem könnten sie uns bei der Suche nach diesem Daire Donn helfen«, sagte Gorman gutgelaunt.
»Einverstanden.«
Eadulf spürte auf einmal, daß der Rest der Nacht eisig werden würde, obwohl Gorman ständig Holz ins Feuer warf.
Die Nacht verbrachten sie in unruhigem Schlaf. Wer gerade wach wurde, kümmerte sich um das Feu-er. Außer der schneidenden Kälte wurden sie von den Lauten wilder Tiere gestört. Irgendwo heulten Wölfe, und der Schrei einer Wildkatze drang durch das Dik-kicht. Eadulf war erleichtert, als sich der nächste Morgen mit düsteren, grauen Streifen am östlichen Himmel ankündigte.
»Heute abend suchen wir uns ein Gasthaus«, sagte er, als Gorman das Frühstück vorbereitete. »Noch so eine Nacht im Freien halte ich nicht aus.«
Auch Basil Nestorios hatte sich bereits erhoben und vertrat sich die Beine.
»Nie hätte ich geahnt, wie kalt es hier werden kann«, sagte er auf Lateinisch, der Sprache, in der sie sich alle drei verständigten. »In meiner Heimat kann die Nacht zwar sehr kalt sein, aber schon bei Sonnenaufgang wird einem wieder richtig warm.«
Eadulf deutete auf die dicken grauen Wolken über ihnen.
»Hier ist das anders, mein Freund.«
Gorman hatte ein paar Scheiben gepökeltes Schweinefleisch aus seiner Satteltasche genommen, es auf seine Schwertspitze gespießt und wendete es nun über dem Feuer. Basil Nestorios rümpfte argwöhnisch die Nase.
»Mir ist aufgefallen, daß ihr in diesem Land viel Schweinefleisch eßt. Bei uns gilt das Schwein als unrein.«
»Ein eigenartiges Land, dieses Jundishapur«, murmelte Eadulf, nahm einen Schluck corma aus dem Trinkhorn und reichte es dann dem Arzt. Der Alkohol würde ihn wenigstens von innen wärmen.
Basil Nestorios sah ihn abschätzig an.
»Ich habe dir doch schon gesagt, daß Jundishapur nur eine Stadt im Land Persien ist. Sie wird auch Genta Shapirta genannt, was >vom schönen Garten< bedeutet. Der König von Persien, mit zweitem Namen Shapur, erlaubte den Nestorianern als erster, in der Stadt Medizin zu lehren.«
»Den Nestorianern? Aber dein Name ist Nestorios«, erklärte Eadulf. »Was hat das zu bedeuten?«
Basil Nestorios zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Du bist ein christlicher Mönch und hast noch nie von den Nestorianern gehört?«
Eadulf nickte.
»Nestorios war ein Mönch im Osten. Er lehrte in Antiochien den christlichen Glauben. Er war ein gebildeter und weiser Mann und ist zum Patriarchen der großen Stadt Konstantinopel ernannt worden.«
»Wann war das?« erkundigte sich Eadulf, der nie eine Möglichkeit ausließ, sein Wissen zu erweitern, auch wenn er mit den Gedanken nur halb bei der Sache war.
»Vor zwei Jahrhunderten, im Jahre 428. Nestorios wurde später der Häresie, wie es die Kirche nennt, beschuldigt. Er leugnete die Verschmelzung der göttlichen und der menschlichen Natur in Christus.«
Eadulf lächelte müde. »Ich dachte, daß sich das große Konzil von Chalcedon 451 darauf geeinigt hätte, daß Christus von einer sterblichen Frau geboren wurde, aber zwei Naturen in sich vereinte - die göttliche und die menschliche, ohne das sie ihre Wesenszüge verlieren.«