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Einige Male unterbrach er seinen Weg, um eines der leerstehenden Gebäude zu durchsuchen. In keinem der Häuser fand er ein lebendes Wesen, aber er konnte die Gewalt und den Tod, die hier getobt hatten, riechen.

Als er endlich die Rückseite der Kirche erreichte, musste er feststellen, dass seine Mühe vollkommen umsonst gewesen war. Das Gotteshaus war zwar erstaunlich groß für einen Ort wie Trentklamm, und so wuchtig und wehrhaft erbaut, dass es schon fast einer Festung glich, aber es besaß keinen zweiten Eingang. Die Fenster der Kirche waren schmal und zusätzlich vergittert, sodass es vollkommen unmöglich war, auf dieser Seite hineinzugelangen. Die Ähnlichkeit mit einer Festung war beabsichtigt: Wie in vielen Orten dieser Größe diente die aus massivem Stein erbaute Kirche den Dorfbewohnern nicht nur als Versammlungsort und Gebetshaus, sondern auch als Zuflucht bei einem Unwetter oder einem Angriff.

Im Augenblick hatte sie allerdings die Funktion eines Gefängnisses übernommen.

Andrej schlich geduckt an das Gebäude heran, presste sich mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem unter einem der schmalen Fenster gegen die Wand und lauschte. Die Geräusche, die durch das Fenster zu ihm drangen, ergaben in ihrer Gesamtheit ein Bild, so klar, als könnte er es sehen: Dort drin waren Menschen, viele Menschen. Niemand schien zu beten, aber er hörte ein dumpfes, an- und abschwellendes Raunen und Murmeln, dessen Tenor eher von Leid und Angst als von der geflüsterten Zwiesprache mit Gott kündete. Ein Kind weinte, und die halblaute, zitternde Stimme einer Frau versuchte es zu trösten.

Daneben vernahm er schwere Schritte, wie sie die genagelten Stiefel eines Soldaten hervorriefen. Der sterbende Soldat hatte die Wahrheit gesagt. Die Gefangenen und ihre Wächter befanden sich in der Kirche.

Andrej richtete sich vorsichtig auf, legte den Kopf in den Nacken und blickte an der rauen Wand des Kirchenschiffes empor. Die Verlockung, einen Blick durch das Fenster zu werfen, war groß, aber er widerstand ihr. Zu gefährlich war es, dass genau in diesem Moment einer der Soldaten zufällig in seine Richtung sah oder gar ans Fenster trat. Stattdessen suchte er sehr aufmerksam das gesamte Gebäude nach einer Möglichkeit ab, ungesehen hineinzugelangen. Und seine Mühe wurde belohnt.

Sämtliche Fenster auf dieser Seite waren vergittert, aber das galt nicht für den Turm. Der Einstieg lag gute acht oder neun Meter über ihm, und die Fugen im Mauerwerk des Turmes waren so schmal, dass es schon großen Geschicks und einer Menge Kraft bedurfte, um an der Wand empor zuklettern. Aber Andrej war ein geschickter Kletterer, und nun kam ihm zugute, dass er nicht bis Sonnenaufgang gewartet hatte. Bei hellem Tageslicht hätte er es nicht gewagt, an der Wand hinaufzusteigen, aber in der noch immer vorherrschenden Dunkelheit und auf der Rückseite der Kirche würde ihn niemand sehen.

Er überzeugte sich sorgsam davon, dass er nichts bei sich trug, was ihm aus den Taschen fallen oder auch nur ein verräterisches Geräusch verursachen würde, zurrte den Schwertgurt fester um die Hüfte und griff nach oben. Seine Fingerspitzen tasteten über die raue Wand und suchten nach Halt. Die Mauer war nicht so glatt, wie es auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte, aber dennoch verging eine ganze Weile, bis er eine geeignete Stelle gefunden hatte und mit dem Aufstieg begann.

Er brauchte länger, um die wenigen Meter in die Höhe zu steigen, als er erwartet hatte, und oben angekommen stieß er sofort auf die nächste - und möglicherweise unüberwindliche - Schwierigkeit. Obwohl Trentklamm ein so winziger Ort war, dass man auf den meisten Karten vergebens danach gesucht hätte, wartete seine Kirche mit einem erstaunlichen Luxus auf: einer bronzenen Glocke, welche die Möglichkeit, im Turminneren hinabzuklettern, erschwerte.

Andrej fluchte in sich hinein. Die Geräusche aus dem Inneren der Kirche waren nun deutlicher wahrzunehmen. Es waren mindestens zwei Stimmen darunter, die er kannte: die von Thobias und die von Vater Benedikt. Beide schienen in einen heftigen Disput mit einer dritten Person verwickelt zu sein.

Andrej konnte jedoch nicht verstehen, worum es dabei ging.

Vorsichtig, um nicht die Glocke zu berühren und damit sein eigenes Ende einzuläuten, schlängelte sich Andrej in den Turm hinein. Seine Finger tasteten vergeblich nach einer Fuge im Stein, einer Lücke, irgendetwas, woran er sich festhalten konnte. Das Innere des Turmes war verputzt, als hätten seine Erbauer gewusst, dass jemand auf diesem Wege eindringen würde, und alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihm den Weg zu erschweren.

Andrej schlängelte sich weiter, presste sich mit dem Rücken gegen die eine und mit durchgedrückten Knien gegen die andere Wand und fand mit dieser Methode unsicheren Halt. Einen Moment lang überlegte er, genau auf diese Weise bis ganz nach unten zu steigen; eine Technik, die eine Menge Kraft beanspruchen würde, aber durchaus Erfolg versprechend schien. Dann sah er nach unten und stellte fest, dass auch das unmöglich war: Der Turm war nur hier oben so schmal. Zwei Meter unter ihm wichen die Wände jäh auseinander.

Ganz kurz erwog er die Möglichkeit, nach oben zu greifen und den Klöppel aus der Glocke zu entfernen, um einfach am Glockenseil hinunterzuklettern, aber diesen Gedanken verwarf er sofort wieder. Er befand sich nicht in der Lage, handwerkliche Meisterstücke zu vollbringen, und er würde dafür Werkzeug benötigen, das er nicht hatte. Ihm blieb nur noch eine Wahclass="underline" Er stürzte sieben oder acht Meter weit in die Tiefe und versuchte erst gar nicht, seinen Sturz abzufangen.

Der Aufprall war so hart, dass er auf der Stelle das Bewusstsein verlor, allerdings nur für einen Augenblick. Von Schmerzen gepeinigt erwachte er.

Das Blut rauschte in seinen Ohren, und seine Fantasie quälte ihn mit tausend Schreckensbildern. Möglicherweise war er Thobias und den anderen direkt vor die Füße gefallen, und wahrscheinlich war das Erste, was er sah, wenn er die Augen aufschlug, ein halbes Dutzend Speerspitzen, die auf sein Gesicht gerichtet waren. Stöhnend wälzte er sich auf den Rücken und hob die Lider.

Er war allein. Das Ende des Glockenseiles baumelte einen halben Meter über seinem Gesicht, und der Boden, auf dem er lag, war nass und glitschig von seinem eigenen Blut. Weit entfernt und verzerrt vom dumpfen Hämmern seines eigenen Herzens, das noch immer überlaut in seinen Ohren dröhnte, konnte er die Stimmen von Thobias und den anderen hören. Niemand hatte etwas von seinem Eindringen bemerkt, so unglaublich es ihm auch selbst erschien.

Andrej blieb eine geraume Weile reglos auf dem Rücken liegen und wartete darauf, dass sich sein Körper erholte und die Verletzungen heilten, die er sich bei dem Sturz aus sieben oder acht Metern Höhe zugezogen hatte. Es dauerte wahrscheinlich nur Minuten, aber für ihn schienen Ewigkeiten zu vergehen.

Irgendwann spürte er, dass die Regeneration abgeschlossen war. Aber er war schwach, unglaublich schwach. Schon die kleinste Bewegung kostete ihn fast mehr Kraft, als er hatte.

»... flehe Euch noch einmal an, Hochwürden«, hörte er Thobias' Stimme.

Immerhin konnte er jetzt die Worte verstehen, wenn auch nicht sehr klar. »Im Namen Gottes, Ihr könnt das nicht wirklich wollen! Es sind mehr als sechzig Menschen, noch immer!«

Andrej stand auf. Er war so schwach, dass er taumelte. Um ein Haar hätte er das Glockenseil ergriffen, um sich daran festzuhalten.

»Bruder Thobias, ich kann Eure Gefühle verstehen«, antwortete eine andere, Andrej unbekannte Stimme. »Auch wenn ich sie nicht gutheißen kann, so mag doch zu Euren Gunsten sprechen, dass diese Menschen hier Eure Brüder und Schwestern sind. Ihr seid mit ihnen aufgewachsen und haltet sie für Eure Freunde, und früher einmal waren sie das sicher auch.«