»Sind wir heute nacht die einzigen Reisenden auf diesem Weg?« fragte Fidelma in einer Gesprächspause.
»Ihr seid die einzigen Reisenden, die in dieser Woche hier übernachten«, antwortete Bressal. »Nicht viele benutzen diesen Weg nach Araglin.«
»Dann gibt es sicher noch andere Wege?«
»Es gibt noch einen anderen. Er kommt vom Osten des Tals, und man kann auf ihm den Süden, Lios Mhor, Ard Mor und Dün Garbhain erreichen. Auf diesem Weg hier gelangt man zu der großen Straße, die nördlich nach Cashel und südlich nach Lios Mhor führt. Warum fragst du, Schwester?« Eine leichte Neugier lag im Blick des Herbergswirts.
»Mir wurde gesagt, dies sei der einzige Weg nach Lios Mhor«, wandte Archü ein.
»Wer hat das gesagt?« wollte der Wirt wissen.
»Pater Gorman von Araglin.«
»Nun, auf dem östlichen Weg kommt man schneller nach Lios Mhor«, erwiderte Bressal. »Er sollte es besser wissen.«
Fidelma beschloß, das Thema zu wechseln, und deutete auf die Gesteinssammlung auf dem Seitentisch. »Du hast hier eine eigenartige Kollektion von Schmuckstücken, mein Freund.«
Bressal wehrte ab: »Gehört mir nicht. Ich hab sie nicht gesammelt. Mein Bruder Morna arbeitet in den Bergwerken westlich von hier in der Ebene der Minerale. Er hat diese Stücke bei seiner Arbeit zusammengetragen. Ich hebe sie ihm nur auf.«
Fidelma schien sich sehr für die Steine zu interessieren. Sie nahm sie in die Hand und drehte sie hin und her.
»Sie sehen faszinierend aus.«
»Morna sammelt sie schon seit Jahren. Erst vor ein paar Tagen kam er ganz aufgeregt hier an und sagte, er habe etwas entdeckt, was ihn reich machen werde. Er hatte ein Stück Stein bei sich. Wieso ein Stein ihn reich machen sollte, weiß ich nicht. Er blieb eine Nacht hier und ging am nächsten Tag wieder fort.«
»Welches Stück Stein hat er denn mitgebracht?« fragte Fidelma gespannt und musterte die Sammlung.
Bressal kratzte sich den Hinterkopf.
»Ich muß gestehen, da bin ich nicht sicher.« Er ergriff einen Stein und reichte ihn Fidelma. »Diesen hier vielleicht.«
Fidelma nahm ihn und wendete ihn hin und her. Ihrem ungeübten Auge erschien er wie ein einfaches Stück Granit. Sie reichte ihn dem Wirt zurück, und der legte ihn wieder auf den Tisch.
»Braucht ihr noch etwas, bevor ihr euch zur Ruhe legt«, fragte er in die Runde.
Archü und Scoth wollten sich gleich zurückziehen, während Eadulf um einen weiteren Becher Met bat und verkündete, er werde noch eine Weile am Feuer sitzenbleiben. Fidelma unterhielt sich mit Bressal, denn Wirte können immer viel erzählen. Sie lenkte das Gespräch auf Eber. Bressal hatte Eber nur ein halbdutzendmal gesehen, wenn er sein Gebiet auf dem Weg nach Cashel verließ. Er konnte sich deshalb nur schwer ein Urteil über ihn bilden, meinte aber, er habe unterschiedliche Meinungen über ihn gehört. Manche hielten ihn für einen Tyrannen, während andere seine Freundlichkeit und Großzügigkeit priesen.
Es war noch ziemlich früh, als Fidelma ankündigte, sie werde zu Bett gehen. Bressal hatte ihr eine Ecke des Schlafraums reserviert, der das ganze obere Stockwerk einnahm. Sie wurde durch einen Vorhang abgeteilt, denn in diesen kleinen Herbergen gab es keine Einzelzimmer für die Gäste. Das Bett bestand nur aus einer Strohmatratze auf dem Boden und einer rauhen Wolldecke. Es war sauber, warm und gemütlich, und mehr brauchte sie nicht.
Ihr schien, als habe sie gerade erst ihr Haupt auf das Stroh gebettet, als sie aufgeschreckt wurde. Eine warme Hand hatte ihren Arm ergriffen und drückte ihn sanft. Sie blinzelte und wollte sich wehren, doch eine Stimme flüsterte: »Still. Ich bin’s.«
Es war Eadulfs Stimme.
Sie lag einen Moment ruhig da.
»Es stehen ein paar bewaffnete Männer vor der Herberge«, fuhr Eadulf so leise fort, daß sie ihn kaum verstehen konnte.
Fidelma sah, daß ein seltsames graues Licht durch das Fenster drang, und obwohl sie durch die unverhüllte Öffnung noch ein oder zwei winzige Sterne erblicken konnte, begriff sie, daß die Morgendämmerung nicht mehr fern war.
»Was beunruhigt dich an diesen Bewaffneten?« fragte sie Eadulf ebenso leise.
»Der Hufschlag weckte mich vor fünfzehn Minuten«, erklärte ihr Eadulf leise. »Ich sah hinaus und erkannte die Schatten von einem halben Dutzend Reitern. Sie ritten wortlos heran, kamen aber nicht ins Haus. Sie versteckten ihre Pferde im Wald da drüben und postierten sich zwischen den Bäumen vor der Tür der Herberge.«
Fidelma richtete sich rasch auf. Jetzt war sie hellwach.
»Geächtete?«
»Vielleicht. Mir scheint, sie haben nichts Gutes im Sinn, denn sie alle führen Bogen.«
»Hast du Bressal geweckt?«
»Ihn als ersten. Er ist unten und versperrt die Türen für den Fall, daß wir angegriffen werden.«
»Ist er schon einmal angegriffen worden?«
»Noch nie. Manchmal werden die reicheren Herbergen an der Hauptstraße zwischen Lios Mhor und Cashel von Trupps Geächteter überfallen und beraubt. Doch warum sollte sich jemand diese einsame Herberge als Ziel für einen Überfall aussuchen?«
»Sind die jungen Leute wach?«
»Die jungen Leute? Ach, du meinst Archü und Scoth. Noch nicht. Ich kam erst ...«
Ein eigenartiges pfeifendes Geräusch drang von außen herein, und Fidelma spürte einen leichten Feuergeruch. Das zweite Pfeifen war kaum zu hören: ein Pfeil sauste durch das Fenster und blieb in der Wand stecken. Er war mit Stroh umwunden, das man angezündet hatte. Jetzt hörte man, wie draußen ein Mann Befehle erteilte.
Fidelma sprang von ihrem Bett auf.
»Wecke die anderen. Wir werden angegriffen.« Der letzte Satz war überflüssig, denn ein weiterer Brandpfeil zischte ins Zimmer und grub sich in den Fußboden ein. Sie lief hinzu und packte ihn ohne Rücksicht auf die hungrigen Flammen. Mit kurzer Drehung schleuderte sie ihn aus dem Fenster und schickte den ersten Pfeil gleich hinterher. Rasch zog sie sich das Gewand über den Kopf und riß fast mit derselben Bewegung die Vorhänge herunter, damit nicht ein Pfeil sie in Brand setzte. Archü war von Eadulf geweckt worden und lief herbei, um ihr zu helfen.
»Bleib hier«, wies Fidelma ihn an. »Duck dich, und wenn Brandpfeile im Zimmer landen, tritt sie aus.«
Ohne seine Antwort abzuwarten, eilte sie die Treppe hinunter in den Hauptraum.
Bressal, der Wirt, war damit beschäftigt, einen Bogen zu spannen. Offensichtlich hatte er keine Übung darin, denn er stellte sich ungeschickt an.
Er blickte auf, sein sonst so fröhliches Gesicht lag in Zornesfalten.
»Geächtete!« brummte er. »Ich hab noch nie Geächtete in diesen Wäldern gesehen. Ich muß die Herberge verteidigen.«
Eadulf kam die Treppe heruntergeprescht.
»Du sagtest, du hast diese Leute gesehen«, empfing ihn Fidelma. »Auf wie viele schätzt du sie?«
»Ungefähr ein halbes Dutzend«, antwortete Eadulf.
Verzweifelt überlegte Fidelma, wie man die Herberge verteidigen könne.
»Hast du noch andere Waffen, Bressal?« fragte Ea-dulf. »Wir haben nichts, womit wir uns wehren können.«
Der Herbergswirt starrte ihn entgeistert an, weil ein Glaubensmann sich nach Waffen zur Verteidigung erkundigte.
»Na los, Mann!« fuhr ihn Eadulf an.
»Ich habe zwei Schwerter und diesen Bogen, das ist alles«, antwortete Bressal. Eadulf betrachtete nachdenklich den Bogen. Er sah gut aus, war aus Eibenholz gefertigt, stark und biegsam, soweit er das beurteilen konnte.
»Wie gut kannst du damit umgehen?«
»Nicht gut«, gestand Bressal.
»Dann gib ihn mir. Nimm du ein Schwert.«
Bressal war verwirrt.
»Aber du bist doch ein Mönch .«
Es war Fidelma, die mit dem Fuß aufstampfte und ihn zum Schweigen brachte.
»Gib ihm den Bogen!«
Eadulf riß ihm fast den Bogen aus der Hand und spannte ihn mit einer aus langer Übung geborenen Leichtigkeit.