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»Gib mir eins der Schwerter«, befahl Fidelma, während Eadulf die Bogensehne prüfte. Sie hatte keine Zeit, dem verdutzten Herbergswirt zu erklären, daß sie als Tochter Failbe Flanns, des Königs von Cashel, fast eher ein Schwert führen als lesen und schreiben gelernt hatte.

Eadulf nahm die Handvoll Pfeile, die auf dem Tisch lagen.

»Gibt es eine Hintertür?« fragte er.

Bressal wies wortlos auf die Rückseite der Herberge.

Eadulf und Fidelma wechselten rasche Blicke.

»Ich schleiche mich hinten hinaus und versuche, diese Aasbande zu umgehen«, beantwortete er ihre stumme Frage.

»Ich komme mit«, erwiderte Fidelma sofort.

Eadulf verschwendete keine Zeit mit Diskussionen.

Fidelma sah Bressal an.

»Unsere jungen Begleiter sind oben und bemühen sich, die Brandpfeile zu löschen, die in den Raum kommen. Du bleibst hier, tust dasselbe, aber gib acht und verriegle die Tür hinter uns.«

Bressal sagte nichts. Es ging alles zu schnell, als daß er widersprechen konnte.

Eadulf mit dem Bogen und den Pfeilen und Fidelma mit dem Schwert, das ihr Bressal in die Hand gedrückt hatte, gingen zur Hintertür. Bressal entriegelte sie, blickte rasch hinaus und gab ihnen das Zeichen, daß alles frei war. Eadulf eilte über den Hof zu den Bäumen dahinter. Fidelma folgte sofort und dankte den Heiligen, daß die Angreifer, wer sie auch sein mochten, nicht soviel Verstand besaßen, die Herberge ganz zu umzingeln.

In der Deckung des Waldes schlich sich Eadulf vorsichtig um das Haus zu dem Weg, der davor verlief. Sie sahen, daß noch weitere Pfeile auf die Vorderseite der Herberge abgeschossen worden waren, von denen einer oder zwei das Reetdach getroffen hatten. Bald würde das Gebäude in Flammen stehen, wenn der Angriff nicht schnell abgeschlagen wurde.

Die Luft war kalt, doch die Sonne ging schon auf.

Fidelma spähte durch die Bäume und sah schattenhafte Gestalten im Unterholz gegenüber. Sie stellte fest, daß es keine ausgebildeten Krieger waren, denn sie nutzten die Deckung schlecht und riefen einander zu, wodurch sie ihre Stellungen verrieten. Es war klar, daß sie von dem Herbergswirt und seinen Gästen keinen ernsthaften Widerstand erwarteten. Fidelma fand es seltsam, daß sie nicht einfach in die Herberge einbrachen und die Bewohner ausraubten, wenn das ihre Absicht war. Anscheinend wollten sie nur das Haus niederbrennen.

Eadulf hatte einen Pfeil aufgelegt und wartete auf die nächste Bewegung.

Fidelma kniff die Augen zusammen.

Einer der Männer, die Brandpfeile auf die Herberge schossen, stand auf und zielte und bot dabei selbst ein deutliches Ziel im frühen Morgenlicht. Fidelma berührte leicht Eadulfs Arm und wies auf die Gestalt. Sie wollte niemanden töten, auch wenn der Mann offensichtlich die Herberge zu zerstören beabsichtigte, doch war es zu spät, Eadulf zu sagen, wie er den Bogen handhaben sollte.

Eadulf hob den Bogen und zielte kurz, aber sorgfältig. Sie sah, wie der Pfeil dem Mann in die Schulter fuhr, die Schulter des Bogenarms. Besser hätte sie es auch nicht machen können. Der Angreifer schrie auf, ließ seinen Bogen fallen und faßte sich mit der anderen Hand an die blutende Schulter.

Einen Moment war alles still.

Dann ertönten heisere Rufe, was denn mit dem Mann los sei. Jemand lief durch die Bäume zu dem Verwundeten hin und machte dabei einen Lärm, für den sich jeder echte Krieger geschämt hätte. Eadulf hatte den zweiten Pfeil aufgelegt und warf Fidelma stumm einen fragenden Blick zu. Sie nickte.

Ein zweiter Bogenschütze tauchte neben dem Verwundeten auf.

Eadulf zielte und schoß.

Wieder hatte er gut gezielt und den Bogenarm an der Schulter getroffen. Der zweite Mann schrie mehr vor Schreck als vor Schmerz auf und begann wütend zu fluchen.

Eine dritte Stimme rief in Panik: »Wir werden angegriffen. Wir hauen ab. Los!«

Es gab Geschrei, wildes Gewieher der Pferde, und dann drehten sich die beiden Verwundeten um und stolperten stöhnend und fluchend durch die Bäume davon. Eadulf legte den dritten Pfeil auf.

Aus dem umgebenden Wald brach eine kleine Gruppe von Reitern hervor, die in halsbrecherischem Tempo auf den schmalen Pfad zuhielt. Fidelma sah, daß es, wie Eadulf gesagt hatte, nicht mehr als ein halbes Dutzend waren. Sie erkannte auch die beiden Verwundeten, die unsicher in den Sätteln hingen. Sie preschten den Weg entlang und kamen dicht an der Stelle vorbei, wo Fidelma und Eadulf ihre Stellung bezogen hatten. Eadulf wollte sich auf sie stürzen, doch Fidelma hielt ihn zurück.

»Laß sie fort«, flüsterte sie. »Bisher haben wir Glück gehabt.« Sie sprach ein Dankgebet, denn ausgebildete Krieger hätten sich nicht so leicht vertreiben lassen.

Sie musterte die Angreifer, während sie an ihnen vorbeiritten. Als letzter kam ein vierschrötiger Mann mit einem langen rötlichen Bart und einem häßlichen Gesicht, der sich tief über den Hals seines Pferdes beugte. Eadulf hatte seinen Bogen halb erhoben, senkte ihn aber achselzuckend, als er merkte, daß der Reiter kein genügendes Ziel bot.

Die Reiter verschwanden rasch auf dem Pfad in die Wälder.

Eadulf wandte sich verblüfft zu Fidelma um.

»Warum haben wir sie laufenlassen?« fragte er.

Fidelma lächelte gepreßt.

»Wir hatten Glück. Wären es Krieger gewesen, wären wir nicht so billig davongekommen. Gott sei Dank war es nur ein Haufen von Feiglingen, aber wenn du einen Feigling in die Enge treibst, dann kämpft er wie ein ängstliches kleines Tier wild um seine Freiheit. Außerdem müssen wir uns um die Herberge kümmern. Sieh nur, das Dach brennt schon.«

Sie wandte sich um, eilte zur Herberge und rief Bressal zu, die Angreifer seien geflohen und er solle herauskommen und helfen.

Bressal holte eine Leiter, und sofort bildeten sie eine Eimerkette zum Reetdach. Es dauerte eine Weile, aber dann hatten sie das Feuer gelöscht: das Reet war feucht und rauchte nur noch. Bressal brachte ihnen zum Dank einen Krug Met und schenkte allen ein.

»Ich habe euch dafür zu danken, daß ihr die Herberge vor diesen Banditen gerettet habt«, sagte und reichte die Becher herum.

»Was waren das für Leute?« fragte der junge Archü. »Hast du welche von ihnen aus der Nähe gesehen, Schwester?«

»Nur flüchtig«, gestand Fidelma.

»Wenigstens zweien von ihnen wird eine Weile die Schulter weh tun«, fügte Eadulf grimmig hinzu.

»Dies ist eine arme Gegend«, überlegte Archü verwundert. »Es ist seltsam, daß Banditen gerade diese Herberge ausrauben wollten.«

»Ausrauben?« Fidelma zog leicht eine Augenbraue hoch. »Mir schien es, als wollten sie sie niederbrennen und nicht ausrauben.«

Eadulf nickte langsam.

»Das stimmt. Sie hätten sich heranschleichen und einbrechen können, wenn sie nur die Herberge und ihre Gäste ausrauben wollten.«

»Vielleicht kamen sie gerade vorüber, und es fiel ihnen ein, die Gelegenheit zu nutzen, ohne daß sie es vorher geplant hatten«, erklärte Bressal; es klang aber nicht sehr überzeugt.

Eadulf schüttelte den Kopf.

»Kamen vorbei? Du sagtest doch selbst, daß dieser Weg wenig benutzt wird und nur nach Araglin hinein und hinaus führt.«

Bressal seufzte.

»Jedenfalls bin ich noch nie zuvor von Geächteten überfallen worden.«

»Hast du Feinde, Bressal?« fragte Eadulf nach. »Gibt es jemanden, der dich aus dieser Herberge vertreiben möchte?«

»Niemand«, erklärte Bressal mit Überzeugung. »Keiner hätte irgendeinen Vorteil davon, wenn diese Herberge zerstört würde. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht.«

»Dann ...«, begann Eadulf, doch Fidelma unterbrach ihn scharf.

»Vielleicht war es nur ein Haufen Plünderer, die leichte Beute suchten. Denen haben wir erst mal eine Lehre erteilt.«

Eadulf sah aus, als ob er etwas sagen wolle, doch als er Fidelmas Blick auffing, schloß er fest den Mund.

»Es war ein Glück, daß ihr hier wart«, meinte Bres-sal, der diesen Zeichenaustausch nicht bemerkt hatte. »Allein hätte ich den Angriff nicht abwehren können.«