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Es wurde Mittag, ehe sie sich dem rath näherten. Ein Junge, der Kühe hütete, blieb stehen und starrte sie mit offenem Munde an, als sie vorbeiritten. Ein Mann, der fleißig den Kleefarn aus seinem Getreidefeld jätete, hielt inne, lehnte sich auf seine Hacke und betrachtete sie neugierig. Im Gegensatz zu dem Jungen begrüßte er sie fröhlich und erhielt zum Dank Fi-delmas Segen. Bei den Gebäuden vor ihnen erhob sich Gebell, und ein paar Jagdhunde schossen ihnen entgegen und kläfften sie laut, aber nicht drohend an.

Auf einer gut gebauten Eichenbrücke überquerten sie den schnell dahinströmenden Fluß. Aus der Nähe sah Eadulf nun, daß einst ein großer Erdwall die Gebäude umgeben hatte, der jetzt aber mit Gras und Gesträuch überwachsen und beinahe ein Teil der umliegenden Felder geworden war. Hinter ihm grasten mehrere Schafe. Er bewies, daß die Gebäude vor langer Zeit befestigt gewesen waren. Jetzt waren sie nur von Flechtzäunen aus Haselgesträuch umgeben, die eher geeignet waren, so vermutete Eadulf, streunende Wölfe oder Wildschweine abzuhalten als menschliche Angreifer. Ein großes Tor im Zaun stand weit offen.

Die Hufe ihrer Pferde klapperten hohl auf den Holzplanken der Brücke, dann nahmen sie den kurzen Weg zum Tor.

Eine Gestalt tauchte im Tor auf, ein kräftiger Mann im mittleren Alter, mit Schwert und Schild bewaffnet, mit einem von Silberfäden durchzogenen, wohlgestutzten Bart. Er trat mitten in den Weg und betrachtete sie aus prüfend zusammengekniffenen dunklen Augen, doch ohne Feindseligkeit.

»Wenn ihr in Frieden kommt, erwartet euch hier ein Willkommen«, begrüßte er sie, dem Ritual entsprechend.

»Wir bringen Gottes Segen für diesen Ort«, antwortete Fidelma. »Ist dies der rath des Fürsten von Araglin?«

»Der ist es.«

»Dann möchten wir den Fürsten sprechen.«

»Eber ist tot«, erwiderte der Mann tonlos.

»Das haben wir schon gehört. Wir kommen zu seinem Nachfolger, dem Tanist.«

Der Krieger zögerte, dann sagte er: »Folgt mir. Ihr findet den Tanist in der Festhalle.«

Er wandte sich um und führte sie durch das Tor direkt zu dem großen runden Steingebäude. Die Türen des Hauses lagen dem offenen Tor gerade gegenüber und waren offensichtlich mit Bedacht so angeordnet. Kein Besucher des rath konnte daran vorbeigehen. Es sollte beeindrucken. Seine Bedeutung wurde noch dadurch hervorgehoben, daß gleich neben der Haupttür der Stumpf einer einstmals mächtigen Eiche stand. Selbst jetzt war er noch gut drei Meter hoch, und sein oberer Teil war zu einem Kreuz geschnitzt worden. Auch Eadulf wußte genug über die Bräuche des Landes, um zu erkennen, daß es sich um das uralte Totem des Stammes handelte, seinen crann betha oder Baum des Lebens, der das moralische und materielle Wohlergehen des Volkes symbolisierte. Er hatte gehört, daß bei Stammesfehden das Schlimmste, was einer Partei zustoßen konnte, ein gegnerischer Überfall war, bei dem ihr heiliger Baum gefällt oder verbrannt wurde. Ein solches Mißgeschick demoralisierte das Volk, und seine Feinde sahen sich als Sieger an.

Fidelma und Eadulf stiegen von ihren Pferden und banden sie an einem in der Nähe stehenden Pfosten an. Mehrere Leute innerhalb des rath unterbrachen ihre Arbeit oder Beschäftigung und betrachteten die Nonne und den Mönch mit müßiger Neugier.

»Es kommen nicht oft Fremde nach Araglin«, bemerkte der Krieger, wie um das Benehmen seiner Mitbewohner zu erklären. »Wir sind eine einfache Gemeinschaft von Bauern und werden nur selten von den Sorgen der Welt da draußen berührt.«

Fidelma meinte, darauf sei keine Antwort nötig.

Die ganze Anlage zeugte von Reichtum. Die Gebäude erstreckten sich in einem großen Halbkreis hinter der steinernen Festhalle. Es gab Pferdeställe und Scheunen, eine Mühle und einen Taubenschlag. Dahinter lag ein Kreis von kleinen Holzhütten und Wohnhäusern, die ein Dorf mittlerer Größe bildeten, sowie das Haus des Fürsten und seiner Familie. Fidelma überschlug im Geiste, daß mehrere Dutzend Familien im rath von Araglin wohnen mußten. Am eindrucksvollsten war die Kapelle neben der Festhalle mit ihren Trockensteinmauern und ihrer eleganten Bauweise. Dies mußte die Kirche Pater Gormans sein, Cill Uird, die Kirche des Rituals.

Der Krieger war zu der Eichentür der Halle gegangen. Aus einer Nische neben der Tür nahm er einen Holzhammer und schlug damit gegen einen Holzklotz. Es gab einen hohlen Klang. Es war Brauch bei den Fürsten, ein bas-chrann oder Handholz außen an der Tür anzubringen, mit dem Einlaß begehrende Besucher anklopfen konnten. Der Krieger verschwand im Inneren und schloß die Tür hinter sich.

Eadulf sah Fidelma an.

»Ich dachte, ein solches Ritual gäbe es nur an den Wohnsitzen großer Fürsten«, brummte er.

»In seinen eigenen Augen ist jeder Fürst groß«, erklärte Fidelma gelassen.

Die Tür öffnete sich wieder, und der Krieger winkte sie herein. Sie traten in einen großen Raum von beeindruckenden Abmessungen, der mit poliertem Tannen- und Eichenholz getäfelt war. An der Täfelung hingen Schilde, glänzende Bronzestücke, einige davon waren mit funkelnder Emaille verziert. Hier und da ergänzten sie bunte Wandbehänge. Der Boden bestand aus alten dunklen Eichendielen. Es gab mehrere Tische und Bänke. Ein Ende des Raumes wurde von einem nur etwa 30 cm hohen Podium eingenommen, auf dem ein prächtig geschnitzter Eichensessel stand. Einlegearbeiten aus Bronze und Silber und verschiedene Pelze schmückten ihn.

Draußen herrschte Tageslicht, doch die große Halle besaß keine Fenster, sondern wurde von mehreren

Öllampen erleuchtet, die an den Tragbalken hingen und flackernde und tanzende Schatten durch den Raum warfen. Dieser Effekt wurde noch durch das Feuer verstärkt, das in einem Kamin an der Seitenwand knisterte.

Der Krieger hieß sie warten und verschwand.

Sie standen schweigend da und betrachteten prüfend die Pracht des Raumes. Wenn er darauf berechnet war, Eindruck zu machen, so erzielte er jedenfalls bei Eadulf diese Wirkung. Selbst Fidelma mußte zugeben, daß die Halle auch dem Palast ihres Bruders in Cashel Ehre machen würde. Nach wenigen Augenblicken trat eine schlanke Gestalt hinter einem Wandbehang am Ende des Podiums hervor und ging zu dem verzierten Sessel. Fidelma erblickte eine junge Frau von kaum mehr als neunzehn Jahren. Sie hatte hellblondes langes Haar und blaßblaue Augen. Zweifellos war sie hübsch. Doch Fidelma erschienen ihre Züge zu hart, um Vertrauen zu erwecken, und die blauen Augen wirkten kalt. Der Mund war leicht zusammengepreßt, so daß ein Gesamteindruck von unnachgiebiger Strenge entstand. All das erfaßte Fidelma mit einem Blick.

Die junge Frau trug ein Kleid aus blauer Seide und einen dazu passenden Schal aus gefärbter Wolle, der von einer reich verzierten Goldbrosche zusammengehalten wurde. Die Hände hatte sie züchtig vor sich gefaltet. Sie blickte die beiden mit fragender Miene an.

»Ich bin Cron, Tanist von Araglin. Ihr wollt mich sprechen?«

Ihre Stimme, ein weicher Sopran, verriet kein Entgegenkommen.

Fidelma verbarg ihre Überraschung, daß eine so junge Frau zum Nachfolger des Fürsten eines Bauernstammes gewählt worden war. Ländliche Gemeinden waren meistens konservativ, wenn es darum ging, ihre Anführer zu wählen.

»Ich glaube, ich werde erwartet«, erwiderte sie in formellem Ton.

Das Gesicht des blonden Mädchens blieb ausdruckslos.

»Warum sollte ich Klosterleute hier bei uns erwarten?« fragte sie. »Pater Gorman betreut uns in allen Glaubensdingen.«

Fidelma unterdrückte einen leisen Seufzer der Ungeduld.

»Ich bin eine dalaigh bei Gericht und komme hierher, um den Tod Ebers, eures vorigen Fürsten, zu untersuchen.«

Crons Gesicht zuckte einen Moment und nahm dann wieder seine ausdruckslose Starre an.