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»Eber war mein Vater«, sagte sie leise. »Er wurde ermordet. Es geschah ohne meine Einwilligung, daß meine Mutter beim König in Cashel einen dalaigh anforderte. Ich bin selbst in der Lage, diesen Fall zu untersuchen. Jedenfalls habe ich nicht erwartet, daß der König von Cashel daraufhin jemanden schickt, der so jung und vermutlich ohne Kenntnis der Welt außerhalb von Klostermauern ist.«

Bruder Eadulf stand dicht hinter Fidelma, er sah, wie sich ihre Schultern strafften, und wartete gespannt auf ihren unvermeidlichen Zornesausbruch. Doch ihre Stimme blieb ruhig, beinahe zu ruhig.

»Der König von Cashel, mein Bruder Colgü ...« Fidelma hielt kurz inne, um ihre Worte wirken zu lassen. »Mein Bruder bat mich, herzureisen und die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Du brauchst nicht zu befürchten, daß es mir an der nötigen Kenntnis fehlt. Ich bin bis zum Rang eines anruth ausgebildet. Ich wage zu glauben, daß die Zahl meiner Jahre höher und meine Erfahrung größer ist als die deinige, Tanist von Araglin.«

Der Grad eines anruth war der zweithöchste, den die weltlichen und geistlichen Hochschulen Irlands zu vergeben hatten.

Es trat Schweigen ein, während sich die beiden Frauen ansahen; kalte blaue Augen starrten in funkelnde grüne, und jedes Gesicht trug eine regungslose Maske. Hinter diesen Masken schätzten beide rasch die Stärken und Schwächen der anderen ab.

»Ich verstehe«, sagte Cron langsam. In ihren einfachen Worten schwangen die unterschiedlichsten Gefühle mit. Dann fand sie zu ihrem scharfen Tonfall zurück. »Und wie ist dein Name, Schwester Colgüs?«

»Ich bin Fidelma.«

Der kühle Blick der blonden Frau wandte sich nun fragend Eadulf zu.

»Dieser Bruder scheint fremd in unserem Land zu sein.«

»Dies ist Bruder Eadulf ...«, stellte ihn Fidelma vor.

»Ein Angelsachse?« erkundigte sich Cron verblüfft.

»Bruder Eadulf hält sich als Abgesandter des Erzbischofs von Canterbury am Hofe meines Bruders in Cashel auf. Er wurde auf unseren Hochschulen ausgebildet und kennt unser Land gut. Es interessiert ihn, wie unsere gerichtlichen Verfahren ablaufen.«

Das war nicht die ganze Wahrheit, doch für Cron sollte sie genügen.

Die Fürstin warf Eadulf einen finsteren Blick zu, neigte den Kopf zu einer gerade noch höflichen Begrüßung und wandte sich wieder an Fidelma. Sie lud sie nicht zum Sitzen ein und blieb auch selbst stehen.

»Nun, diese Angelegenheit ist einfach. Als Tanist hätte ich sie auch allein regeln können. Mein Vater wurde erstochen. Der Täter, Moen, wurde ergriffen, wie er noch mit dem Dolch in der Hand über die Leiche gebeugt stand, und Moens Hände und Kleidung waren mit dem Blut meines Vaters bedeckt.«

»Ich hörte, zur selben Zeit wurde noch jemand tot aufgefunden?«

»Ja, meine Tante Teafa. Sie wurde später gefunden. Sie war ebenfalls erstochen worden. Moen wohnte in ihrem Hause und war von ihr aufgezogen worden.«

»Ich verstehe. Nun, ich werde die wichtigsten Fakten zusammentragen. Doch vorher würdest du vielleicht jemanden anweisen, uns zu eurem Gästehaus zu führen, damit wir uns nach der Reise säubern können? Etwas zu essen käme uns auch recht, da die Mittagszeit schon vorbei ist. Wenn wir uns gewaschen und gegessen haben, können wir die Beteiligten vernehmen.«

Cron stieg die Röte ins Gesicht, als sie so über ihre Pflichten als Gastgeberin belehrt wurde, denn das konnte als Beleidigung gelten, wenn es von einer Person geringeren Ranges als Fidelma ausgesprochen wurde. Stählerne Härte trat in die kühlen blauen Augen. Einen Augenblick meinte Eadulf, daß die junge Tanist sich weigern werde. Doch dann zuckte sie die Achseln, ging zu einem Seitentisch, nahm eine kleine silberne Handglocke und läutete sie kräftig.

Einige Augenblicke vergingen in unbehaglichem Schweigen, dann kam durch eine Seitentür eine ältere, leicht gebeugte Frau mit ergrauendem, früher blondem Haar herein. Ihr Gesicht war hager, die Haut, früher vom Leben an frischer Luft gebräunt, färbte sich gelblich. Ihre Augen waren hell und mißtrauisch und ruhelos wie die einer nervösen Katze. Trotz ihres Alters erschien sie kräftig, an schwere Landarbeit gewöhnt. Ihre breiten Hände trugen die Schwielen harter Jahre. Schüchtern ging sie zu Cron und neigte den Kopf.

»Dignait, kümmere dich bitte um unsere ... Gäste. Schwester Fidelma ist hergekommen, um den Mord an meinem Vater zu untersuchen. Sie brauchen Unterkunft, Waschwasser und Essen.«

Dignait sah Fidelma und Eadulf an. Fidelma glaubte in ihrem Blick Erschrecken und Angst zu spüren.

»Wenn ihr mir folgen wollt ...«, lud Dignait sie etwas unbeholfen ein.

Cron wandte sich mit leichtem Naserümpfen ab.

»Wenn ihr fertig seid«, rief sie über die Schulter zu-rück, während sie auf den Vorhang hinter ihrem Amtssessel zuschritt, »erkläre ich euch im einzelnen, was vorgefallen ist.«

Dignait führte sie durch eine kleine Seitentür aus der Halle heraus und über den Hof zum Gästehaus. Es war ein einfaches eingeschossiges Holzgebäude hinter der Festhalle und bestand nur aus einem einzigen großen Raum, in dem durch leichte Tannenholzwände einzelne Schlafkabinen abgeteilt waren. In jeder lag ein Strohsack, ein geschnitzter und polierter Holzblock diente als Kopfstütze, ein Leinenlaken und Wolldek-ken bildeten das Bettzeug. Dignait fragte, ob sie mit ihren Betten zufrieden seien. Vor den Schlafkabinen erstreckte sich ein offener Teil des Raumes mit mehreren Bänken und einem Tisch, in dem die Gäste speisen konnten und der allgemein als Wohnraum benutzt wurde. Es gab einen Kamin, in dem jedoch kein Feuer brannte. Als Dignait darauf hinwies, erklärte Fidelma, das Wetter sei so mild, daß kein Feuer nötig sei.

Waschraum und Abort befanden sich hinter einer Tür am anderen Ende des Gästehauses. Die Tür war mit einem kleinen eisernen Kreuz gekennzeichnet. Fidelma nahm an, Pater Gorman habe es angebracht, denn manche Kleriker nannten den Abort auch fial-tech oder Schleierhaus. Diese Vorstellung hatten sie von Rom übernommen, sie glaubten, der Teufel wohne darin. Deshalb schlugen sie ein Kreuz, bevor sie ihn betraten.

Als Fidelma erwähnte, ihre Pferde müßten versorgt werden, versicherte ihr Dignait, sie werde Menma, den obersten Pferdewärter, bitten, sie zu putzen und zu füttern.

Fidelma erklärte sich mit ihrer Unterbringung zufrieden, hielt jedoch Dignait zurück, als diese sich entfernen wollte. Dignait blieb offensichtlich ungern da.

»Du dienst hier wohl schon viele Jahre«, eröffnete Fidelma das Gespräch.

Die Miene der Alten wurde noch mißtrauischer. Ihr Blick blieb verschleiert, doch sie verweigerte die Antwort nicht.

»Ich bin seit etwas über zwanzig Jahren im Dienst bei der Familie der Fürsten von Araglin«, erwiderte sie steif. »Ich kam hierher als Dienerin von Crons Mutter.«

»Kanntest du Moen, der beschuldigt wird, Eber ermordet zu haben?«

Einen Moment glaubte Fidelma wieder ein Flackern von Furcht in ihrem Blick zu erkennen.

»Jeder im rath von Araglin kennt Moen«, meinte sie. »Wie sollte es auch anders sein? Nur ein Dutzend Familien leben hier, und die meisten sind miteinander verwandt.«

»War Moen auch mit jedem verwandt?«

Die alte Verwalterin erschauerte sichtlich und bekreuzigte sich.

»Er nicht! Er war ein Findelkind. Wer weiß, aus welchem Schoß er kam oder wessen Same den Fluch über den Schoß brachte? Lady Teafa, Friede ihrer irregeleiteten Seele, fand ihn als Baby. Das war ein Unglückstag für sie.«

»Weiß man denn, warum Moen Teafa oder den Fürsten Eber umgebracht haben sollte?«

»Das weiß sicher nur Gott, Schwester. Nun entschuldige mich . « Sie wandte sich abrupt zur Tür. »Ich habe zu arbeiten. Während ihr euch wascht, werde ich Menma Anweisungen wegen eurer Pferde geben und dafür sorgen, daß man euch etwas zu essen bringt.«