Fidelma starrte ein paar Augenblicke auf die geschlossene Tür, hinter der die Alte verschwunden war.
Eadulf schaute sie fragend an.
»Was beunruhigt dich, Fidelma?«
Fidelma ließ sich nachdenklich auf eine Bank sinken.
»Vielleicht hat es nichts zu bedeuten. Aber ich habe das Gefühl, daß diese Dignait vor irgend etwas Angst hat.«
Kapitel 5
Als sie sich vom Staub der vormittäglichen Reise gereinigt und ihr Mittagsmahl eingenommen hatten, kehrten sie in die Festhalle zurück. Cron war davon benachrichtigt worden und erwartete sie dort. Sie saß in ihrem Amtssessel und hatte für sie Stühle unterhalb des Podiums ihr gegenüber aufstellen lassen.
Cron erhob sich widerstrebend, als Fidelma und Ea-dulf eintraten. Es war eine kleine, wenn auch widerwillige Achtungsbezeigung auf Grund der Tatsache, daß Fidelma die Schwester des Königs von Cashel war.
»Habt ihr euch nun erfrischt?« fragte Cron und wies auf die Stühle, die für sie bereitstanden.
»Ja«, antwortete Fidelma und setzte sich. Sie war ein wenig verärgert, denn es störte sie, daß sie zu Cron in ihrem Sessel aufsehen mußte. Fidelmas Rang als dalaigh und ihr juristischer Grad als anruth gestatteten es ihr, auf gleicher Ebene mit Königen zu sprechen, von kleinen Fürsten ganz zu schweigen; sogar in Gegenwart des Großkönigs in Tara konnte sie, wenn sie eingeladen war, auf der gleichen Ebene sitzen und sich frei unterhalten. Fidelma achtete genau auf die Einhaltung solcher Etikette, freilich nur, wenn andere ihre Stellung herauskehrten und ihren Rang mißachteten. Im Augenblick konnte sie allerdings ihren korrekten Platz nicht behaupten, ohne offene Feindseligkeit hervorzurufen, und sie zog es vor, genau zu erfahren, was hier vorgefallen war. Also sagte sie erst einmal nichts.
Eadulf folgte ihrem Beispiel, setzte sich neben sie und blickte interessiert zu der jungen Tanist auf.
»Nun können wir uns anhören, wie dein Vater Eber zu Tode gekommen ist, soweit du es weißt. Bitte die genauen Tatsachen«, sagte Fidelma und lehnte sich zurück.
Cron sammelte sich einen Augenblick, beugte sich leicht vor, faltete die Hände und richtete ihren Blick auf einen Punkt im Mittelgrund irgendwo zwischen Fidelma und Eadulf.
»Die Tatsachen sind einfach«, erklärte sie, als ob das Thema sie langweile. »Moen tötete meinen Vater.«
»Hast du das gesehen?« fragte Fidelma, als Cron keine Anstalten machte, ihre Feststellung zu begründen.
Cron runzelte ärgerlich die Stirn und sah auf sie herunter.
»Natürlich nicht. Du wolltest die Tatsachen wissen. Ich teile sie dir mit.«
Fidelma lächelte dünn.
»Ich glaube, es wäre am besten und läge im Interesse der Gerechtigkeit, wenn du mir berichtest, wie sich die Angelegenheit abspielte, doch nur aus deiner Sicht.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe.«
Fidelma verbarg ihre Ungeduld.
»Zu welchem Zeitpunkt hast du erfahren, daß Eber ermordet worden war?«
»Ich wachte in der Nacht auf ...«
»Das war vor wie vielen Tagen?«
»Es war vor sechs Tagen. Kurz vor Sonnenaufgang, wenn du es genau wissen willst.«
Fidelma ignorierte den Spott in der Stimme der jungen Frau.
»Es liegt im Interesse aller Beteiligten in diesem Fall, so genau zu sein wie möglich«, erwiderte sie mit eisiger Höflichkeit. »Sprich weiter. Vor sechs Nächten wurdest du geweckt. Von wem?«
Cron blinzelte, als ihr die beißende Sanftheit des Tons bewußt wurde. Es war klar, daß sich Fidelma nicht von ihr einschüchtern ließ. Sie zögerte, dann zuckte sie die Achseln, als beuge sie sich ihrem Willen.
»Na schön. Vor sechs Nächten wurde ich kurz vor Sonnenaufgang geweckt. Es war Duban, der Kommandeur der Leibwache meines Vaters, der mich weckte. Er hatte .«
»Beschränke dich auf das, was er dir wirklich sagte«, unterbrach sie Fidelma warnend.
Cron sprach beinahe durch zusammengebissene Zähne. »Er berichtete mir, daß Eber etwas Schreckliches zugestoßen sei. Er sagte, Moen habe ihn getötet.«
»Waren genau das seine Worte?« Eadulf konnte es sich nicht versagen, die Frage zu stellen.
Cron sah ihn stirnrunzelnd an und wandte sich wieder an Fidelma, ohne sich zu einer Antwort herabzulassen.
»Ich fragte ihn, was geschehen sei, und er erklärte mir, daß Moen meinen Vater erstochen habe und auf frischer Tat ertappt worden sei.«
»Was tatest du da?« fragte Fidelma.
»Ich stand auf und fragte Duban, wie er mit Moen verfahren sei. Er sagte mir, Moen sei gefangengesetzt und in die Ställe gebracht worden, wo er seit jener Nacht geblieben ist.«
»Und dann?«
»Ich bat Duban, Teafa zu holen.«
»Teafa? Deine Tante? Warum gerade sie?« Fidelma wußte wohl, daß Cron wie Dignait ihr erzählt hatten, Teafa habe Moen von Kindheit an aufgezogen, aber sie wollte die Geschichte Punkt für Punkt verfolgen.
»Mir wurde gesagt, Moen tobe, und Teafa ist . war die einzige, die mit ihm umgehen konnte.« »Weil Teafa ihn erzogen hatte?« erkundigte sich Fidelma.
»Teafa hat Moen seit seiner Kindheit versorgt.«
»Wie alt ist Moen jetzt?« wollte Eadulf wissen.
Cron wollte ihn erneut ignorieren, doch Fidelma zog eine Braue hoch.
»Das ist eine berechtigte Frage«, betonte sie.
»Einundzwanzig Jahre.«
»Dann ist er also ein Erwachsener?« Fidelma war überrascht. Nach der Art, wie Cron und Dignait von ihm gesprochen hatten, klang es fast, als wäre Moen noch ein Kind. »Er ist ein schwieriger Mensch?« vermutete sie.
»Das mußt du selbst beurteilen«, erwiderte Cron mürrisch.
»Das stimmt. Du meintest also, Teafa würde Moen beruhigen können? Und was geschah dann?«
»Duban fand . « Cron hielt inne und formulierte den Satz betont anders. »Duban kam nach wenigen Minuten zurück und berichtete mir, er habe Teafas Leiche gefunden. Sie war ebenfalls erstochen worden. Offensichtlich hatte Moen sie zuerst getötet, bevor er .«
Fidelma hob die Hand und unterbrach sie.
»Ich habe zu beurteilen, was geschah. Dies ist deine Vermutung. Wir werden so verfahren, wie das Gesetz es vorschreibt.«
Cron schnaufte verärgert.
»Meine sogenannte Vermutung ist richtig.«
»Das wird sich später herausstellen. Was geschah, nachdem dir von Teafas Tod berichtet worden war?« »Ich ging zu meiner Mutter, weckte sie und sagte es ihr.«
»Deine Mutter?« Fidelma beugte sich interessiert vor. »Ebers Frau?«
»Natürlich.«
»Ich verstehe. Dann wußte sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts vom Tode ihres Mannes?«
»Das habe ich doch schon gesagt.«
»Aber der Mord ereignete sich doch vor Sonnenaufgang. Wo fand man deinen Vater?«
»In seinem Schlafzimmer.«
Fidelma folgte aufmerksam dem Gang der Logik.
»Dann war deine Mutter nicht mit Eber zusammen?«
»Sie war in ihrem eigenen Schlafzimmer.«
»Ich verstehe«, sagte Fidelma leise. Sie beschloß, nicht weiter nachzufragen. »Und was geschah dann?«
Cron zuckte beinahe teilnahmslos die Achseln.
»Nur noch wenig, was damit zu tun hat. Wie ich schon sagte, wurde Moen sicher verwahrt. Ohne mein Wissen schickte meine Mutter einen jungen Krieger namens Critan nach Cashel, um den König über die Tragödie zu informieren. Sie meinte augenscheinlich, daß ein Brehon zur Untersuchung hergesandt werden sollte, statt ihre Tochter ihr Amt als Tanist ausüben zu lassen. Meine Mutter wollte nicht, daß ich Tanist werde.«
Fidelma spürte eine gewisse Bitterkeit in der Stimme des Mädchens.
»Critan kehrte vor zwei Tagen zurück und meldete, daß der König jemanden schicken werde. Daraufhin begruben wir meinen Vater der Sitte gemäß in unserem Grabhügel der Fürsten. Teafa auch. Entsprechend dem Gesetz habe ich als gewählte Erbin die Amtsführung übernommen. Ich hätte ebensogut Recht sprechen können, ohne all diese Komplikationen.«