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»Noch eins. Stehst du gewöhnlich vor Tagesanbruch auf, um nach den Pferden zu sehen?«

»Immer. Die meisten Leute hier sind schon bei Sonnenaufgang auf den Beinen.«

»Bist du heute morgen auch vor Tagesanbruch aufgestanden und hast nach den Pferden gesehen?«

Menma runzelte die Stirn.

»Heute morgen?«

Fidelma beherrschte mühsam ihren Ärger.

»Hast du dich heute morgen um die Pferde gekümmert?« wiederholte sie scharf.

»Ich hab dir doch gesagt, ich bringe sie jeden Morgen vor Tagesanbruch raus.«

»Und zu welcher Zeit bist du gestern abend zu Bett gegangen?«

Menma schüttelte den Kopf, als versuche er sich zu erinnern.

»Spät, glaube ich.«

»Glaubst du?«

»Ich hab spät noch getrunken.«

»War jemand bei dir?«

Der stämmige Mann schüttelte den Kopf.

Als er gegangen war, blickte Eadulf sie ratlos an.

»Was hat Menmas Verhalten heute morgen mit dem Mord in der vorigen Woche zu tun?« wollte er wissen.

»Hast du ihn wiedererkannt?« fragte Fidelma.

Eadulf runzelte die Stirn.

»Wen wiedererkannt? Menma?«

»Ja, natürlich!« Fidelma ärgerte sich über Eadulfs Begriffsstutzigkeit.

»Nein. Sollte ich das?«

»Ich bin mir sicher, daß er zu den Männern gehörte, die heute früh die Herberge überfielen.«

Eadulf blieb vor Staunen der Mund offenstehen. Ihm lag die Frage »Meinst du wirklich?« auf der Zunge, aber er wußte, daß sie ihm nur eine zornige Erwiderung einbringen würde. Fidelma würde nie sagen, sie sei sich sicher, wenn sie es nicht war.

»Dann hat er gelogen.«

»Genau. Ich schwöre, daß er dabei war. Du erinnerst dich, daß die Angreifer dicht an uns vorbeiritten. Mir fiel auf, daß einer von ihnen ein besonders häßliches Gesicht und einen buschigen roten Bart hatte. Ich glaube nicht, daß er mich so deutlich sah, daß er mich wiedererkennen würde. Aber es war Menma.«

»Das ist nicht das einzige Rätsel. Warum hält jeder hier Moen für schuldig, und keiner versucht festzustellen, aus welchem Grund er Eber und diese Teafa umgebracht hat?«

Fidelma nickte beifällig bei dieser treffenden Bemerkung.

»Jetzt wollen wir mal sehen, wie Menmas Aussage zu der Moens paßt.«

Sie gingen hinüber zu den beiden Kriegern, die an der Stalltür standen. Der jüngere Mann, eher noch ein Jüngling, hatte schmutziges blondes Haar und recht grobe Gesichtszüge. Er lümmelte am Türpfosten. Ein runder Schild hing locker an seiner Schulter, und er trug ein handwerklich gut gearbeitetes Schwert an der linken Seite. Beide Männer wandten sich um und beobachteten Fidelma und Eadulf, als diese sich ihnen näherten. Der jüngere Krieger veränderte seine nachlässige Haltung nicht und starrte Fidelma mit unverhohlener Neugier an. Beide schwiegen jetzt.

»Bist du wirklich ein Brehon?« Die Frage kam von dem Jüngling. Seine Stimme klang, als leide er an einer Halsentzündung. Fidelma gab ihm keine Antwort und zeigte ihr Mißfallen über seine Anrede, indem sie sich an den Krieger im mittleren Alter wandte.

»Wie ich höre, heißt du Duban und befehligst die Leibwache des Fürsten?«

Der stämmige Krieger wechselte verlegen seine Haltung.

»Das stimmt. Dies ist Critan, er gehört auch zur Wache. Critan ist ...«

»Der Meister von Araglin!« Der Ton des jungen Mannes war prahlerisch.

»Meister? Worin?« Nur Eadulf spürte, daß sich Fidelma über die Großspurigkeit des Jünglings ärgerte.

Critan ließ sich von ihrer Frage nicht beirren.

»Was du willst, Schwester. Schwert, Lanze oder Bogen. Ich war es, der nach Cashel geschickt wurde, um den König zu benachrichtigen. Ich glaube, er war von mir beeindruckt. Ich habe vor, in seine Leibwache einzutreten.«

»Weiß der König von Cashel schon von deiner Absicht?« fragte sie. Fidelma verzog keine Miene. Man merkte ihr nicht an, ob die Frechheit des Jünglings sie belustigte oder ärgerte. Eadulf folgerte, daß sie ihn verachtete.

Critan hörte den Spott nicht aus ihrer Stimme heraus.

»Ich hab es ihm noch nicht gesagt. Aber wenn ihm mein Ruhm bekannt wird, dann wird er mich in seinen Dienst nehmen.«

Fidelma merkte, daß Duban das Prahlen seines Untergebenen peinlich war.

»Duban, ich möchte mit dir sprechen.« Sie nahm ihn beiseite und ignorierte die gekränkte Miene des Jünglings.

»Du weißt, daß ich Anwältin bei Gericht bin?«

»Davon habe ich gehört«, bestätigte der Kommandeur der Leibwache. »Die Nachricht von deinem Kommen ist im rath allgemein bekannt.«

»Gut. Ich möchte Moen sehen.«

Der Krieger wies mit dem Daumen über die Schulter auf die geschlossene Stalltür.

»Er ist da drin.«

»Das hat man mir gesagt. Ich möchte dich noch darüber befragen, wie du die Leiche Teafas gefunden hast, aber im Augenblick möchte ich mich mit Moen befassen. Hat er irgend etwas gesagt, seit ihr ihn gefangengesetzt habt?«

Dubans verwirrte Miene verblüffte sie.

»Wie sollte er?«

Fidelma verkniff sich ihre Antwort und entschied, es sei besser, erst Moen zu sehen, ehe sie weitere Erkundigungen einzog.

»Macht die Tür auf«, ordnete sie an.

Duban winkte seinem angeberischen Untergebenen, ihren Befehl auszuführen.

Im Stall war es dunkel und feucht, und es stank.

»Ich hole eine Lampe«, sagte Duban entschuldigend. »Wir haben keinen anderen Platz für Gefangene, deshalb haben wir die Pferde, die Eber hier hielt, raus gebracht auf die Weide und den Stall zum Gefängnis gemacht.«

Fidelma schnüffelte mißbilligend und starrte in die Finsternis.

»Es muß doch wohl einen besseren Ort geben, wo man ihn einsperren kann? Der Gestank hier ist schon schlimm, auch ohne die zusätzliche Beleidigung durch die Dunkelheit. Warum hat man dem Gefangenen nicht ein Licht dagelassen?«

Der junge Krieger, Critan, kicherte laut hinter ihrem Rücken.

»Du hast Humor, Lady. Das ist gelungen!«

Duban knurrte ihn an, er solle auf seinen Posten vor der Tür zurückgehen, und schlurfte in die Dunkelheit. Als Fidelmas und Eadulfs Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, erkannten sie die unbestimmten Umrisse seiner Gestalt, wie er sich über etwas beugte, dann hörten sie, wie er Funken schlug und einen Öldocht entzündete, der zu glimmen begann. Mit der Lampe in der Hand wandte er sich um.

Er winkte sie tiefer in den höhlenartigen Stall hinein und zeigte in eine entfernte Ecke.

»Da ist er. Dort ist Moen, der Mörder Ebers.«

Fidelma ging weiter.

Duban hob die Lampe so hoch er konnte, um das übelriechende Innere zu erhellen. In der Ecke lag etwas, was auf den ersten Blick wie ein Bündel Lumpen aussah. Schmutzige, muffige Wollsachen. Das Bündel bewegte sich, und eine Kette klirrte. Fidelma schluckte schwer, als sie erkannte, daß das Bündel einen Menschen bedeckte, der mit dem linken Fuß an einem der Pfosten angekettet war, die das Dach trugen. Dann sah sie, wie sich ein wuscheliger Kopf ruckartig hob, mit dem Rücken zu ihr, und der Mensch mit leicht schräg gehaltenem Kopf zu lauschen schien. Er gab ein seltsames Wimmern von sich.

»Das ist die Kreatur, dieser Moen«, sagte Duban dumpf neben ihr.

Kapitel 6

Fidelma konnte sich nicht gegen den Schauder wehren, der sie überlief, als sie auf die groteske Gestalt starrte.

»Gott im Himmel schaue auf uns herab! Was hat das zu bedeuten? Ich würde nicht einmal ein Tier unter solchen Bedingungen halten, geschweige denn einen Menschen, selbst wenn er unter Mordverdacht steht.«

Sie trat vor, beugte sich über die kauernde Gestalt und berührte sie an der Schulter.

Auf das, was dann geschah, war sie nicht vorbereitet.

Bei der Berührung fuhr die Gestalt mit einem Schreckensgeheul hoch. Sie kroch stöhnend auf allen vieren davon wie ein Tier, bis sie am Ende der Kette mit einem Ruck zum Stehen kam. Sie fiel der Länge nach auf das schmutzige Stroh, das den Boden bedeckte, und lag still, hob aber beide Hände, als wolle sie den Kopf vor einem Schlag schützen. Sie verharrte nur einen Moment in dieser Stellung, dann rappelte sie sich hoch und wandte ihnen das Gesicht zu. Fidelma und Eadulf waren entsetzt von dem, was sie sahen: die Augäpfel hatten keine Pupillen, sie blickten weiß und leer.