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»Du mochtest Moen nicht?«

Ebers Witwe zog erstaunt die Brauen hoch.

»Mögen? Wie kann man wissen, was jemand wie Moen im Sinn hat?«

»Nun gut, vielleicht versteht man seine Gedanken, Hoffnungen und Wünsche nicht. Aber warst du nicht täglich in Kontakt mit ihm?«

»Du würdest dieser Kreatur dieselben Gefühle zubilligen wie einem normalen Menschen?« mischte sich Cron höhnisch ein.

»Wenn man des Augenlichts, des Gehörs und der Sprache beraubt ist, bleiben einem noch die anderen Sinne«, wies Fidelma sie zurecht. »Du mußt doch miterlebt haben, Cranat, wie Moen hier aufwuchs?«

Cranat kniff mürrisch die Lippen zusammen.

»Ja. Aber ich kenne das unglückliche Geschöpf nicht besonders gut. Ich habe auch gesehen, wie Ferkel zu Säuen heranwuchsen. Das bedeutet nicht, daß ich die Sau genau kenne.«

Fidelma lächelte dünn.

»Meinst du damit, daß du Moen eher für ein Tier als für ein menschliches Wesen hältst? Daß er deshalb mit deinem Leben nichts zu tun hat?«

»Wenn du so willst«, gab sie zu.

»Ich versuche lediglich, deine Haltung Moen gegenüber zu verstehen. Wie standest du zu Teafa? Ich habe gehört, daß zumindest sie sich mit ihm verständigen konnte.«

»Verständigt sich der Schäfer mit seinen Schafen?« »Ich habe auch gehört, daß du nicht gut mit Teafa auskamst.«

»Wer erzählt dir solchen Klatsch?«

»Bestreitest du, daß es so war?«

Cranat zögerte und zuckte dann die Achseln.

»Wir hatten Meinungsverschiedenheiten in den letzten Jahren.«

»Worüber?«

»Sie war der Ansicht, ich solle mich von Eber scheiden lassen und so meinen Status als Gattin des Fürsten verlieren. Mir tat Teafa leid. Wenn sie sich auch ihr Unglück selbst zuzuschreiben hatte.«

»Unglück? Wieso?«

»Sie war über das heiratsfähige Alter hinaus, vom Leben enttäuscht, und aus dieser Enttäuschung heraus hatte sie das Findelkind Moen zu sich genommen, das ihr nicht die Gefühle entgegenbringen konnte, die sie von ihm erwartete.«

»Doch sie war die Schwester deines Gatten?«

»Teafa zog es vor, für sich zu bleiben. Manchmal nahm sie an religiösen Festen teil, aber sie stimmte mit Pater Gormans Auslegung des Glaubens nicht überein. Sie lebte beinahe wie eine Einsiedlerin, obwohl ihre Hütte nur dreißig Schritte von hier entfernt steht.«

»Welchen Grund könnte Moen haben, sie und Eber umzubringen?«

Cranat breitete die Arme aus.

»Wie ich vorhin schon sagte, kann ich mich nicht in die Gedanken eines wilden Tieres hineinversetzen.« »Dafür hältst du Moen? Einfach für ein wildes Tier?«

»Für was sonst soll man die Kreatur halten?«

»Ich verstehe. Ist das die Art, in der Teafas Familie ihn in all den Jahren behandelte, in denen er in dieser Gemeinschaft lebte? Wie ein wildes Tier?« forschte Fidelma und überging Cranats Frage.

Cron entschied sich, für ihre Mutter zu antworten.

»Er wird wie jedes andere Tier in diesem rath behandelt, vielleicht besser. Er wird gut behandelt, nicht grob, aber wie sollte man sonst mit ihm umgehen?«

»Wenn ich euch richtig verstanden habe, führt ihr seine Handlungen nach all diesen Jahren auf einen plötzlichen Anfall tierischer Instinkte zurück?«

»Worauf sonst?«

»Es muß schon ein schlaues Tier sein, das ein Messer nimmt, die Frau tötet, die es sein Leben lang versorgt hat, seinen Weg zu Ebers Wohnung findet und ihn ebenso tötet.«

»Wer sagt denn, daß Tiere nicht schlau sein können?« konterte Cron.

Mit mürrischer Miene stimmte Cranat ihr zu.

»Mir scheint es, junge Frau, daß du eine Möglichkeit zu finden versuchst, Moen zu entlasten. Warum tust du das?«

Fidelma stand plötzlich auf.

»Ich suche lediglich nach der Wahrheit. Ich kann nichts für die Art und Weise, in der du die Dinge siehst, Cranat von Araglin. Ich habe eine Aufgabe entsprechend meinem Eid als Anwältin bei den Gerich-ten der fünf Königreiche. Diese Aufgabe besteht nicht nur darin, festzustellen, wer gegen das Gesetz verstoßen hat, sondern auch, warum gegen das Gesetz verstoßen wurde, damit Schuld und Wiedergutmachung angemessen beurteilt werden können. Für den Augenblick habe ich keine weiteren Fragen.«

Eadulf bemerkte die empörten Mienen von Mutter und Tochter. Wenn Blicke töten könnten, wäre Fidelma gestorben, noch bevor sie vom Podium herabtrat. Ungerührt schritt sie, gefolgt von Eadulf, zur Tür der Festhalle.

Draußen blieb sie stehen. Beide schwiegen eine Weile.

»Du scheinst nicht viel für Cranat und ihre Tochter übrig zu haben«, meinte Eadulf trocken.

Fidelma lächelte schelmisch.

»Ich habe einen schwerwiegenden Fehler, Eadulf. Ich gebe ihn auch offen zu. Ich kann bestimmte Dinge nicht vertragen. Hochmut ist etwas, was mich gegen die Leute einnimmt. Ich zahle ihn ihnen mit gleicher Münze heim. Ich fürchte, ich kann die Lehre, man solle >die andere Wange hinhalten<, nicht befolgen. Ich meine, diese Lehre lädt nur zu weiteren Beleidigungen ein.«

»Nun, wenigstens siehst du deinen Fehler ein«, erwiderte Eadulf. »Der größte Fehler ist es, wenn man sich keines Fehlers bewußt ist.«

Fidelma kicherte leise.

»Du wirst noch ein Philosoph, Eadulf von Seax-mund’s Ham. Aber etwas Wichtiges haben wir immerhin herausgefunden. Cranat ist nicht zu trauen.«

»Warum nicht?«

»Sie war zu >tief erschüttert<, um der Leiche ihres Gatten die letzte Ehre zu erweisen, sich die Leiche auch nur anzusehen, aber stark und pflichtbewußt genug, um einen Boten nach Cashel zu senden, weil sie sich nicht auf die Gesetzeskenntnis ihrer unerfahrenen Tochter verlassen wollte. Das finde ich seltsam.«

Sie schaute nach der Kapelle. Eadulf folgte ihrem Blick. Die Tür des Gotteshauses stand offen.

»Ob wohl der gestrenge Pater Gorman zurückgekehrt ist?« überlegte sie laut. Dann ging sie entschlossen auf die Kapelle zu und rief: »Komm, Eadulf, sehen wir nach.«

Eadulf stöhnte innerlich, als er ihr folgte, denn nach allem, was sie gehört hatten, würden der Priester und Fidelma wie Hund und Katze sein.

In der düsteren Kapelle waren Kerzen angezündet. Der Weihrauchduft, der das ganze tannenholzgetäfelte Gebäude erfüllte, schlug ihnen sofort entgegen. Er war außerordentlich stark. Mit einem Blick erfaßte Fidelma den Reichtum der Innenausstattung. Goldgerahmte Heiligenbilder hingen an den Wänden, und ein feingearbeitetes silbernes, mit Juwelen besetztes Kreuz befand sich auf dem Altar mit einem einfachen Silberkelch davor. Es gab kein Gestühl in der Kapelle, denn nach der Sitte stand die Gemeinde während des Gottesdienstes. Die mit Parfüms und Gewürzen getränkten brennenden Kerzen verbreiteten einen Geruch, der ihnen fast den Atem nahm. Pater Gorman war offensichtlich der Hirte einer reichen Kirche und Gemeinde.

Ein Mann kniete im Gebet. Fidelma blieb an der Tür stehen, Eadulf an ihrer Seite. Der Mann schien ihre Anwesenheit zu spüren, denn er blickte über die Schulter, beendete sein Gebet und bekreuzigte sich. Dann erhob er sich und kam zu ihnen.

Pater Gorman war hochgewachsen, schlank, von fast weiblicher Gestalt, doch mit dunklem Teint, fleischigem Gesicht, dicken roten Lippen und schütterem ergrauendem Haar, das einst so schwarz gewesen sein mußte wie seine blitzenden Augen. Der hübsche junge Mann von einst war noch erkennbar, obwohl Fidelma jetzt eher den Eindruck eines Wüstlings mittleren Alters hatte, der gar nicht mit ihrer Vorstellung von einem feurigen katholischen Priester übereinstimmen wollte. Er begrüßte sie mit einer tiefen, grollenden Stimme, in der die Verkündigung von Höllenfeuer und Verdammnis mitschwang. Ohne Überraschung stellte sie fest, daß die corona spina in sein Haar eingeschnitten war, das Zeichen eines Geistlichen römischer Ausrichtung, und nicht die Tonsur eines Anhängers der irischen Kirche. Verwundert sah sie, daß er rauhlederne Handschuhe trug.