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»Ich habe nichts gehört«, beharrte Pater Gorman.

»Warst du überrascht, als du erfuhrst, daß es Moen war, den man an Ebers Leiche gefunden hatte, und daß er nach Ansicht der Zeugen den Mord begangen hatte?«

»Überrascht?« Pater Gorman überlegte einen Moment. »Nein, als Überraschung würde ich meine Reaktion nicht bezeichnen. Wenn man ein wildes Tier frei im Haus herumlaufen läßt, muß man damit rechnen, daß es einen anfällt und beißt.«

»Als das hast du Moen angesehen?«

»Als ein wildes Tier? Ja. Ich sah in diesem Kind der Blutschande nichts anderes als ein wildes Tier. Ich ließ dieses Kind der Blutschande nicht in diese meine Kapelle. Er war von Gott verflucht.«

»Meinst du, das sei die rechte christliche Art, mit einem Behinderten umzugehen?« unterbrach ihn Fidelma empört.

»Sollte ich mit Gott rechten wegen Seiner Bestrafung dieser Kreatur? Denn eine Bestrafung ist es, wenn ihm das genommen wird, was uns zu Menschen macht. Hat Christus nicht gesagt: >Des Menschen Sohn wird seine Engel senden; und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die da unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern.<? Gott bestraft uns ebenso wie Er uns belohnt.«

»Du scheinst dir sicher zu sein, daß Gott Moen geschaffen hat, um ihn zu bestrafen. Vielleicht schuf er Moen, um zu erproben, wie weit unser christlicher Glaube reicht?«

»Das ist Vermessenheit.«

»Meinst du? Ich werde oft der Vermessenheit beschuldigt, wenn ich Fragen stelle, die die Leute nicht beantworten können oder wollen. Armer Moen. Anscheinend wurde er hier nur geduldet.«

Diese Feststellung schloß eine Frage ein.

»Tadelst du meine christliche Ethik, Schwester?« In der Stimme des Priesters schwang ein gefährlicher Unterton mit.

»Das steht mir nicht zu, Pater Gorman«, erwiderte Fidelma höflich.

»Eben!« fauchte Pater Gorman.

»Dann hast du also keine Bedenken, Moen für schuldig zu halten?« schaltete sich Eadulf ein, um die wachsende Spannung zu mildern.

Pater Gorman schüttelte den Kopf.

»Was sollte ich für Bedenken haben? Es gab Zeugen.«

»Aber hast du dich nie gefragt, welchen Grund Moen dafür gehabt haben soll?«

»Wahrscheinlich hatte er mehrere Gründe. Das Geschöpf lebt in seiner eigenen Welt, von uns anderen abgekapselt. Wer kennt seine Denkweise, seine Logik? Er muß nicht die gleichen Gründe und Motive haben wie wir. Er ist von einer anderen Welt. Wer weiß, welche Bitterkeit und welchen Haß er in seiner Welt hegt gegen die, die in dieser Welt glücklicher sind?«

»Dann gestehst du ihm einige menschliche Gefühle zu?« warf Fidelma rasch ein.

»Solche Gefühle würde ich auch einem Tier zugestehen. Wenn du zum Beispiel einen Hund mißhandelst, wird er dich eines Tages anfallen.«

Fidelma beugte sich nachdenklich vor.

»Meinst du damit, daß Eber Moen mißhandelt haben könnte?«

»Ich nannte damit nur allgemeine Gründe, keine bestimmten«, verteidigte sich der Priester.

»Hat Teafa Moen mißhandelt?«

Pater Gorman schüttelte den Kopf.

»Nein. Sie war in das Geschöpf vernarrt. In der Familie der Fürsten von Araglin sind alle pervers.«

Fidelma packte sofort den Köder, den er ihr unabsichtlich hingeworfen hatte.

»Schließt du Eber in diese Feststellung ein?«

»Ihn besonders. Beten wir darum, daß Cron nach ihrer Mutter kommt und nicht nach ihrem Vater.«

Fidelmas Augen verengten sich.

»Aber viele Leute haben mir gesagt, Eber sei die Freundlichkeit und Großzügigkeit in Person gewesen und überall in Araglin hochangesehen. Hat man mich falsch unterrichtet?«

Ein bitteres Lächeln verzog Pater Gormans Mund.

»Eber hatte einen Vorzug: Er war ein großzügiger Mensch. Weiter reichten seine Tugenden aber nicht, und sein Leben war eine einzige lange Reihe von Lastern. Was meinst du, weshalb seine Gattin das Ehebett verlassen hat?«

»Ich habe sie danach gefragt, und sie hat nur gesagt, daß es in gegenseitigem Einvernehmen geschah.«

Pater Gorman schnaubte skeptisch.

»Ich habe ihr zugeredet, sie solle sich nach dem Gesetz scheiden lassen. Doch sie ist eine stolze Frau, wie es ihr als Fürstin ihres Stammes auch zukommt.«

»Warum hast du ihr geraten, sich von Eber scheiden zu lassen?« fragte Fidelma.

»Weil er ein Mann war, der nicht für die Ehe taugte.«

»Cranat war nicht der Meinung, so hat sie es mir jedenfalls gesagt. Kannst du dich genauer ausdrük-ken?«

»Ich kann weiter nichts sagen, als daß Eber ...« Er erschauerte und bekreuzigte sich. »Entschuldige, aber er war sexuell pervers.«

»Auf welche Art?« fragte Fidelma nach.

»Meinst du, daß er lieber mit Knaben oder jungen Männern schlief als mit Frauen?« vermutete Eadulf, der plötzlich einen Grund für Moens Mordtat zu erkennen glaubte. »Hat Eber Moen sexuell mißbraucht?«

Pater Gorman hob die Hände, und in seinem Gesicht malte sich Entsetzen.

»Nein, das nicht! Nein, Eber liebte das andere Geschlecht sehr, vielleicht zu sehr.«

»Ach, ich verstehe. Wußte Cranat davon?«

»Jeder wußte davon. Cranat erfuhr es als letzte. Er war schon immer so, schon seit der Pubertät. Seine Schwestern wußten das sehr gut, und es war Teafa, die es Cranat schließlich sagen mußte. Das hat mir Cranat erzählt. Danach hat sie beschlossen, das eheliche Bett zu verlassen.«

»Warum hat sich Cranat nicht von ihm getrennt?«

»Wegen ihrer Tochter Cron. Wegen der Schande, die daraus entstanden wäre. Und dann war es so, daß Cranat, obwohl eine Fürstin ihres Stammes, kein eigenes Geld oder Land besaß. Sie heiratete Eber seines Geldes wegen. Er heiratete sie ihrer hohen Abstammung und ihrer Familienbeziehungen wegen. Das ist wohl keine gute Basis für eine Ehe.«

»Ich verstehe. Aber nach dem Gesetz hatte doch Cranat die Möglichkeit, sich von ihm zu lösen? Wenn Cranat sich von Eber aus den vor dir erwähnten Gründen scheiden ließ, konnte sie alles behalten, was sie in die Ehe gebracht hatte. Wenn es da nichts gab, hatte sie außerdem Anspruch auf ein Neuntel des Vermögenszuwachses ihres Gatten während der Zeit der Ehe. Wenn sie also bei der Heirat nichts besaß, hätte doch ein Neuntel des Reichtums, den Eber in den ungefähr zwanzig Jahren seiner Ehe mit Cranat angehäuft hatte, ausgereicht, um ihr ein gutes Leben zu sichern.«

»Das hätte es wohl«, antwortete Pater Gorman ein wenig bitter. »Ich hätte ihr helfen können. Aber sie entschied sich zum Bleiben.«

Fidelma sah ihn nachdenklich an.

»Du hegst offensichtlich starke Gefühle für Cra-nat«, bemerkte sie leise.

Pater Gorman errötete.

»Es ist doch nichts Unrechtes dabei, wenn man einem ernsten Übelstand abhelfen will.«

»Überhaupt nichts«, versicherte ihm Fidelma. »Aber damit hast du dich bestimmt bei Eber nicht beliebt gemacht. Wie ich höre, meinst du, daß Moen mit dem Verlust seines eigenen Lebens bestraft werden sollte.«

»Ist das Wort Gottes nicht deutlich genug? Wenn ein Mensch einem anderen ein Auge nimmt, dann soll man ihm auch ein Auge nehmen. Ich glaube an das volle Maß der Vergeltung, wie es unser Glaube und die römische Kirche lehren.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Auf die Spitze getriebene Gerechtigkeit ist oft ungerecht.«

Pater Gormans Augen verengten sich.

»Das riecht nach der Weisheit des Pelagius.«

»Ist es unrecht, die Worte eines weisen Mannes zu zitieren?«

»Die Kirchen Irlands sind voller pelagianischer Ketzereien«, höhnte der Priester.

»War Pelagius solch ein Ketzer?« fragte Fidelma milde.

Pater Gorman verschlug es fast die Sprache vor Empörung.

»Du zweifelst daran? Kennst du dich nicht in der Geschichte aus?«

»Ich weiß, daß Papst Zosimus ihn von der Ketzerei freisprach trotz des Drucks von Augustin von Hippo, der den Kaiser Honorius dazu überredete, ein kaiserliches Dekret zu erlassen, mit dem er verurteilt wurde.«