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»Sie konnte sich auf irgendeine Art mit ihm verständigen«.

»Weißt du, auf welche Art?« fragte Eadulf eifrig.

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.

»Ich hab keine Ahnung. Ein Klopfen mit den Fingern, hieß es, das beide verstanden.«

»Hast du es mal gesehen? Hat dir Teafa mal erzählt, wie es geht?« erkundigte sich Fidelma.

»Ich hab oft gesehen, wie sie es machte, aber ich hab’s nicht begriffen. Vielleicht war es nur eine vertraute Berührung mit der Hand, was ihn beruhigte.«

Grella hielt den Kopf schief, als suche sie in ihrem Gedächtnis nach irgend etwas. Dann lächelte sie leicht.

»Mir fällt was ein: Sie sagte, Gadra habe ihr das beigebracht.«

»Gadra? Wer ist Gadra?«

Grella bekreuzigte sich.

»Gadra ist ein Schreckgespenst. Man sagt, er stiehlt die Seelen unartiger Kinder. Jetzt muß ich aber gehen, sonst sucht mich Dignait. Ich kriege Ärger.«

Als sie fort war, aßen Fidelma und Eadulf in nachdenklichem Schweigen. Schließlich fand Eadulf den Mut, Fidelmas Unwillen zu riskieren und ihr eine Frage zu stellen, die ihn schon lange bewegte.

»Ist es klug«, fragte er zweifelnd, »alle Leute absichtlich in Harnisch zu bringen?«

Fidelma hob den Kopf.

»Ich höre einen mißbilligenden Ton heraus, Eadulf von Seaxmund’s Ham«, bemerkte sie ernst, doch ihre Augen funkelten mutwillig.

»Entschuldige, aber ich meine, manchmal erreicht man mit ein bißchen Takt und Klugheit ebensoviel wie mit .«

»Du meinst, ich bin ungebührlich grob?« unterbrach ihn Fidelma ernst, wie ein Schüler, der einen Lehrer um Rat fragt.

Eadulf war verlegen. Wenn Fidelma in dieser Stimmung war, traute er ihr nicht. Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Meine Mutter hat mir mal gesagt, man könne eine Stickerei nicht mit der Axt auftrennen.«

Fidelma starrte ihn ehrlich überrascht an.

»Du hast deine Mutter noch nie erwähnt, Eadulf.«

»Sie lebt nicht mehr. Aber sie war eine kluge Frau.«

»Ich weiß ihre Klugheit zu schätzen. Aber wenn du an eine dicke geschlossene Holztür von Arroganz gerätst, mußt du manchmal die Axt nehmen und sie aufbrechen, ehe du mit dem Menschen dahinter reden kannst. Oft wird die normale Höflichkeit von arroganten Leuten für Schwäche gehalten oder sogar für Kriecherei.«

»Hast du dir wirklich den Weg zur Wahrheit aufgebrochen?«

»Ich bin der Wahrheit näher gekommen, als es mir sonst gelungen wäre, wenn ich die Türen verschlossen gelassen hätte. Aber ich stimme dir zu, daß es bis zur vollständigen Wahrheit noch ein weiter Weg ist.«

»Und wie gelangen wir dorthin?« wollte Eadulf wissen.

»Wenn wir gegessen haben, suche ich Duban auf. Vielleicht können wir feststellen, ob dieses Schreckgespenst Gadra wirklich existiert. Wenn es ihn gibt und er mir zeigen kann, wie man sich mit Moen verständigt, dann sind wir der Wahrheit schon sehr viel näher. Wenn wir herausbekommen, was Moen weiß .«

Eadulf blieb skeptisch.

»Das war doch nur ein Ammenmärchen. Ein Schreckgespenst, das Kinderseelen stiehlt, na weißt du!«

»Hinter jedem Ammenmärchen steckt meistens ein Stück Wahrheit, Eadulf.«

»Du gehst von zu vielen Annahmen aus, Fidelma.«

»Wieso?«

»Du nimmst an, daß dieses Schreckgespenst existiert. Du nimmst an, daß Grella dir nicht etwas vorgeflunkert hat mit der Behauptung, Gadra habe Tea-fa gelehrt, sich mit Moen zu verständigen. Du nimmst auch nur an, daß es so eine Verständigungsmöglichkeit überhaupt gibt. Weiter nimmst du an, daß der Unglückliche Verstand besitzt und daß er dir etwas mitteilen wird, was das Geschehen erhellt. Und du gehst von der Annahme aus, daß er unschuldig ist.«

Fidelma lehnte sich zurück, legte die Hände auf den Tisch und sah Eadulf einen Moment an, bevor sie antwortete.

»Meine Annahmen gründen sich auf meinen Glauben an seine Unschuld. Den kann ich nicht erklären, und ich habe auch keine Beweise für ihn. Es ist ein Gefühl, eine Überzeugung, daß das, was meinen Sinnen falsch erscheint, auch wirklich falsch ist. Die Logik sagt, daß das, was als Wahrheit behauptet wird, einem aber falsch vorkommt, auch falsch ist.«

»Ist nicht die Selbsttäuschung die schlimmste Täuschung?« erwiderte Eadulf.

»Du glaubst, ich täusche mich selbst?«

»Ich versuche dich nur daran zu erinnern, daß das, was so zu sein scheint, auch wirklich so sein könnte.«

Fidelma lachte leise und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Eadulf, du bist die Stimme des Gewissens. Wenn ich zu sehr schwärme, zügelst du meinen Überschwang. Dennoch werden wir dieses Schreckgespenst Gadra aufspüren, falls es denn existiert.«

Eadulf seufzte.

»Ich hatte keinen Zweifel daran, daß wir das tun werden.«

Fidelma erhob sich und ging Duban suchen.

Critan stand bei den Ställen auf Wache, und er erklärte Fidelma nach einigen Hin und Her, daß Duban sich zur Zeit nicht im rath aufhielt. Er war nicht gerade mitteilsam.

»Er mußte mit einigen Kriegern zu den hochgelegenen Weiden.« »Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte Fidelma. »Warum sind sie jetzt noch losgeritten, es wird doch gleich dunkel?«

»Es ist alles in Ordnung«, antwortete Critan. »Ihr braucht euch nicht zu fürchten, solange Männer diesen rath bewachen, Schwester.«

Fidelma unterdrückte eine scharfe Erwiderung.

»Trotzdem, aus welchem Grund ist Duban fortgeritten?« drängte sie.

»Es kam die Nachricht von einem Rinderraub in einem der einsamen Bauernhöfe jenseits der Berge.«

»Ein Raubüberfall?« Das interessierte sie. »Weiß man, wer ihn verübt hat?«

»Das wollen sie eben herausfinden. Wahrscheinlich dieselben Leute, die vor ein paar Wochen in dieses Tal einfielen. Ich hätte mit Duban reiten sollen, aber statt dessen erhielt ich den Befehl, hierzubleiben und mich um diese Kreatur, diesen Moen, zu kümmern. Das ist nicht gerecht.«

Fidelma kam der junge Krieger eher wie ein schmollendes Kind vor denn wie ein, erwachsener Mann.

»Als Krieger«, sagte sie bedeutungsvoll, »bist du nur an deine Pflicht gebunden, wenn du sie freiwillig übernommen hast.«

Critan machte ein ärgerliches Gesicht.

»Ich verstehe nicht, was du meinst.«

»Genau. Hör mal, Critan«, wechselte sie rasch das Thema, »sagt dir der Name Gadra etwas?«

»Gadra soll ein Schreckgespenst sein, das Kinderseelen stiehlt«, knurrte der junge Mann. »Die Leute hier benutzen seinen Namen, um ihre Kinder zu ängstigen.«

»Gibt es ihn wirklich?«

»Ich habe Duban von ihm reden hören. Ich glaube nicht an Gespenster, also hab ich ihn danach gefragt.«

»Und was hat Duban gesagt?« wollte Fidelma wissen.

»Er erzählte mir, daß zu seiner Jugendzeit Gadra als Einsiedler in den Bergen lebte und sich weigerte, den neuen Glauben anzunehmen.«

»Ist er noch am Leben?«

»Das war vor vielen Jahren. Er wohnte im Wald in einem kleinen Bergtal. Ich weiß nicht, wo. Duban könnte es vielleicht wissen.«

Fidelma dankte dem jungen Mann und ging zurück zum Gästehaus, um Eadulf zu berichten.

»Was nun?« fragte er.

»Wir können nichts weiter tun, als bis morgen zu warten.«

Lange nach Mitternacht wurde Fidelma vom Hufschlag eines Pferdes geweckt. Eadulf schlief fest in seiner Kammer. Sie erhob sich, nahm ihren Mantel um und schlich sich barfuß zum Fenster an der Vorderseite des Gästehauses.

Am Tor stieg ein Mann vom Pferd. Im Licht der Fackeln erkannte sie Menma, den Stallwärter. Sie wollte schon zurück ins Bett, als sich eine Gestalt aus dem Schatten der Festhalle löste. Sie trat ins Licht der Fackeln und begrüßte den rothaarigen Mann.

Es war Pater Gorman. Er schien erregt und schwenkte die Arme. Sein Ton war offenbar heftig, aber trotzdem sprach er leise, und sie konnte seine Worte nicht verstehen.