Zu ihrer Überraschung schien Menma ebenso heftig zu antworten.
Pater Gorman wies auf das Gästehaus. Offensichtlich waren Eadulf und sie der Gegenstand des Streits. Sie fragte sich, aus welchem Grunde.
Kurz darauf zog Menma sein Pferd am Zügel fort zum Stall.
Pater Gorman blieb noch stehen, die Hände in die Seiten gestemmt, und sah Menma nach. Dann wandte auch er sich rasch ab und schritt zu seiner Kapelle.
Gedankenvoll ging Fidelma wieder zu Bett.
Die Sonne schien schon hell, als sie sich zu Eadulf setzte zu dem Frühstück, das Grella gebracht hatte. Sie spürte die Wärme der Strahlen, die durch die Fenster des Gästehauses fielen. Eadulf war gerade mit dem Frühstück fertig und lehnte sich zurück, während Fidelma schweigend aß. Erst als auch sie die Mahlzeit beendet hatte, fragte er: »Was meinst du, ob Duban schon zurück ist?«
»Ich werde ihn suchen und sehen, ob er uns mehr über diesen Einsiedler sagen kann«, erwiderte Fidelma.
Eadulf sollte inzwischen ein bißchen bei den Bewohnern des rath herumhören.
Fidelma ging vom Gästehaus an der Steinmauer der Festhalle entlang.
Stimmen und ein kurzes hartes Lachen ließen sie innehalten. Das Lachen kam ihr bekannt vor.
Sie blieb im Schutz der Mauer stehen und blickte dorthin, von wo es gekommen war. Ein Reiter stand dort, der anscheinend gerade eingetroffen war, denn er war noch vom Staub der Reise bedeckt. Er war vom Pferd gestiegen und hatte die Zügel über den Arm geschlungen. Fidelma erkannte den großen, stämmigen Mann sofort. Es war Muadnat, der Bauer, gegen den sie in Lios Mhor das Urteil gesprochen hatte. Etwas anderes verschlug ihr fast den Atem: Die Gestalt, die er in den Armen hielt und die seine Küsse mit der Leidenschaft eines jungen Mädchens erwiderte. Es war eine hochgewachsene blonde Frau in einem bunten Mantel. Erst als sie sich aus der stürmischen Umarmung löste, erkannte Fidelma in ihr Cranat, die Witwe Ebers.
Instinktiv trat Fidelma tiefer in den Schatten der Mauer zurück und betrachtete Muadnat genauer. Für jemanden, der gerade sieben cumals Land verloren hatte, sah er recht glücklich aus, als er die verwitwete Fürstin umarmte. Die Vertraulichkeit der beiden war nicht zu übersehen. Muadnat lachte noch einmal schallend, bis Cranat ihm den Finger auf die Lippen legte, sich unruhig umsah und ihn verschwörerisch in das Haus hinter ihnen hineinwinkte. Muadnat band nur noch rasch sein Pferd an dem Pfosten davor an, bevor er ihr folgte.
Fidelma wartete, bis sie verschwunden waren, und ging dann mit nachdenklich gesenktem Kopf weiter zum Eingang der Festhalle. Deren Tür stand offen. Sie wußte nicht, was sie zögern ließ, ihr Kommen anzukündigen. Leise trat sie ein. Vielleicht hatte sie im Unterbewußtsein die Stimmen wahrgenommen. Eine von ihnen gehörte Duban.
»Ich meine, du solltest ihr mehr Respekt erweisen«, sagte er ernst. »Wenigstens mache sie dir nicht unnötig zur Feindin.«
»Warum nicht? Lange ist sie nicht mehr hier. Ich meine, sie überschreitet ihre Befugnisse.«
Fidelma runzelte die Stirn, denn die andere Stimme war die Crons. Das Gespräch fand in einem Nebenraum statt, dessen Tür nur angelehnt war. Katzengleich schlich sich Fidelma näher.
»Ich weiß, sie ist Colgüs Schwester. Aber denkst du, sie wäre nur deshalb hergeschickt worden? Sie ist schlau. Diesen forschenden grünen Augen entgeht so leicht nichts.«
»Ach! Du hast die Farbe ihrer Augen bemerkt?« Die Antwort klang verdrossen. Erstaunt entdeckte Fidelma Eifersucht in der Stimme der Tanist.
Duban entgegnete mit einem Lachen: »Ich habe bemerkt, daß sie sich nicht hinters Licht führen läßt. Je weniger du ihre Feindschaft herausforderst, desto besser, mein Schatz.«
Die Anrede ging ihm ziemlich leicht von den Lippen.
»Sie wird doch wohl nicht glauben, daß Moen unschuldig ist?« Cron klang etwas besänftigt.
»Ich meine, sie vermutet es. Pater Gorman glaubt, daß sie entschlossen ist, es zu beweisen. Er war ganz aufgeregt, als ich ihn gestern abend traf, nachdem er mit ihr gesprochen hatte.«
»Ich dachte, die Angelegenheit ließe sich leicht regeln. Wenn meine Mutter sich doch bloß nicht eingemischt hätte.«
»Nichts ist leicht, mein Schatz. Wenn sie wirklich glaubt, daß Moen unschuldig ist, dann wird sie nach anderen suchen, die ihn ermordet haben könnten. Du tätest gut daran, sie dir zur Freundin zu machen.«
Cron zog scharf den Atem ein.
»Sie könnte herausfinden, wie sehr ich meinen Vater haßte. Meinst du das?«
»Am Ende wird sie herausfinden, wie sehr jeder ihn haßte«, antwortete Duban. »Jedenfalls mußt du dich um diesen blöden Muadnat kümmern. Ausgerechnet in diesem Augenblick mußte der im rath auftauchen und Ärger machen. Kannst du ihm nicht sagen, er soll verschwinden und nächste Woche wiederkommen, wenn alles vorbei ist?«
»Wie kann ich das, mein Lieber? Er hat nicht genug Verstand, um den Grund zu begreifen. Er könnte uns Probleme bereiten. Nein, ich muß die Sache in die Hand nehmen. Sag Muadnat, wie ich mich entschieden habe und daß er zur Mittagsstunde in der Festhalle erscheinen soll.«
»Dann behandle bitte die Schwester mit mehr Anstand.«
»Geh jetzt«, befahl Cron. »Es gibt noch viel zu tun.«
Fidelma schlich rasch auf Zehenspitzen zur Tür zurück. Dort nahm sie den Hammer und schlug gegen den hölzernen Block, bevor sie die Halle betrat, als wäre es das erste Mal. Cron kam aus dem Nebenraum. Sie war allein. Sie begrüßte Fidelma höflich, doch mit wachsamem Blick.
»Ich suche Duban«, verkündete Fidelma.
»Weshalb glaubst du, daß er hier sein könnte?« wich ihr die Tanist aus.
»Sicher ist das hier doch ein guter Anfang, wenn man den Kommandeur deiner Leibgarde sucht?« fragte Fidelma unschuldig.
Cron erkannte ihren Fehler und rang sich ein Lächeln ab.
»Im Augenblick ist er nicht hier. Er war vorige Nacht lange unterwegs und ist wahrscheinlich noch gar nicht aufgestanden.« Die Lügen gingen ihr glatt über die Lippen. »Wenn ich ihn sehe, sage ich ihm, daß du dich nach ihm erkundigt hast. Jetzt entschuldige mich bitte, ich muß mich auf eine wichtige Angelegenheit vorbereiten.«
Fidelma ließ sich nicht so leicht abwimmeln.
»Vorbereiten?«
»Ich muß heute ein Urteil sprechen«, erwiderte Cron. »Geringere Fälle darf ich verhandeln, auch wenn meine Mutter mit meiner Gesetzeskenntnis nicht zufrieden ist.«
Es stimmte, daß ein Fürst bei unwesentlichen Fällen als Richter fungieren durfte, wenn kein Brehon bei der Hand war, um ihm zu helfen.
»Was für ein Fall ist es denn?«
»Keiner, der dich etwas angeht«, erwiderte Cron sofort. Doch dann lenkte sie ein. »Es handelt sich um einen Schaden, den Tiere angerichtet haben. Ein Bauer aus unserer Gemeinschaft verlangt Schadenersatz von einem anderen Bauern. Die Sache muß sofort entschieden werden, denn der Kläger hegt großen Zorn.«
Schadensfälle durch Tiere kamen oft vor. In jeder Landgemeinde waren Schäden am Boden oder an der Ernte, die Haustiere des Nachbarn verursacht hatten, der häufigste Anlaß zu Gerichtsverfahren. Im allgemeinen tauschten benachbarte Bauern daher tairgille genannte Kautionen aus, um mögliche Schadensfälle durch Haustiere abzudecken.
In den meisten Lebensbereichen griff das Gesetz auf ähnliche Kautionen zurück, um sicherzustellen, daß rechtliche Verpflichtungen eingehalten wurden. Selbst Fidelma mußte wegen ihres Amtes als professionelle Richterin bei dem Oberrichter oder Brehon ihres Bezirks ein Pfand von fünf Unzen Silber hinterlegen für den Fall, daß eines ihrer Urteile angefochten wurde. Denn wenn ein Urteil von ihr durch den Oberrichter verworfen wurde, mußte sie denjenigen Ersatz leisten, die sie durch ihr falsches Urteil geschädigt hatte. Ihre Kaution verfiel nur dann, wenn der Kläger innerhalb einer bestimmten Zeit gegen ihr Urteil Beschwerde einlegte und der Oberrichter ihr Urteil für falsch befand. Wenn ein Richter sich weigerte, diese Kaution zu hinterlegen, wurde er von der weiteren juristischen Tätigkeit ausgeschlossen.