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Es war sicher ein Fall von geringer Bedeutung und einer, den Cron angemessen entscheiden konnte. Fidelma wollte sich schon entschuldigen und verabschieden, als ihr plötzlich ein Verdacht kam. Sie wandte sich eilig zurück.

»Ist einer der Beteiligten ein Bauer namens Muadnat?«

Cron starrte sie verblüfft an.

»Kannst du hellsehen, Schwester? Was weißt du von Muadnat?« forschte sie.

Fidelma hatte also richtig vermutet. Cron wußte offensichtlich nicht, daß Fidelma die Richterin in Lios Mhor gewesen war. Zu diesem Zweck also war Mu-adnat im rath des Fürsten aufgetaucht.

»Wußtest du von Muadnats Prozeß gegen seinen Verwandten Archü?«

Cron schien angestrengt nachzudenken. Sie nickte langsam.

»Ich weiß davon nur durch den Dorfklatsch. Mu-adnat mußte vor einem Brehon in Lios Mhor erscheinen und verlor einen Hof, auf den er Anspruch erhob.«

»Ich war dieser Brehon«, erklärte Fidelma. »Während ich mich in Lios Mhor aufhielt, erhielt ich den Auftrag meines Bruders, hierher zu reisen.«

Die blauen Augen der Tanist betrachteten sie neugierig.

»Gegen wen erhebt Muadnat die Klage?« erkundigte sich Fidelma.

»Wiederum gegen Archü.«

Fidelma überlegte rasch.

»Kannst du mir die Einzelheiten seiner Beweisführung nennen?«

Einen Augenblick schien es, als wolle Cron sich weigern, doch dann besann sie sich eines Besseren.

»Ich glaube, Archü hat sich für etwas zu verantworten«, sagte sie ausweichend.

»Wofür genau?« drängte sie Fidelma.

»Seit Archü den umstrittenen Hof am Schwarzen Moor in Besitz nahm, ist er Muadnats Nachbar, denn Muadnats Land grenzt an seines. Muadnat behauptet, Archü habe aus bösem Willen und Fahrlässigkeit seine Schweine nachts durch den Grenzzaun gelassen, wo sie Schaden auf Muadnats Grund und Boden anrichteten. Außerdem hätten die Tiere auf Muadnats Hof ihren Kot hinterlassen.«

Fidelma atmete tief ein und aus, während sie die Bedeutung der Angelegenheit erwog.

»Mit anderen Worten, wenn Muadnat diese Ansprüche gegen Archü zu Recht erhebt, wird er einen hohen Schadenersatz von ihm verlangen können?« fragte sie.

Crons Miene besagte, daß dies offenkundig war.

»Das hat mir Muadnat auch schon erklärt.«

Fidelma fragte spöttisch: »Also hat sich Muadnat bereits rechtskundig gemacht?«

»Was willst du damit andeuten?« erwiderte die junge Tanist.

»Ich treffe nur eine Feststellung und deute gar nichts an. Es stimmt allerdings, daß der Besitzer von Tieren, die durch seinen bösen Willen oder seine Fahrlässigkeit Schaden anrichten, als Verursacher dieses Schadens gilt, daß die Strafe sich verdoppelt, wenn der Schaden in der Nacht entstand, und daß der Schadensersatz sich noch erhöht, wenn die Tiere Kot abgesetzt haben. Mit anderen Worten, Archü würde einen erheblichen Betrag als Schadensersatz an Muadnat zu zahlen haben.«

Cron stimmte zu.

»Wahrscheinlich den halben Wert seines Hofes oder noch mehr«, sagte sie. »Wenn er nicht über Viehbestände verfügt, die über den Wert des Hofes hinausgehen, wird er zweifellos den Hof verlieren.«

»Wir wissen beide, daß er nicht mehr besitzt«, antwortete Fidelma knapp. »Muadnat wird sich nicht mit weniger als dem ganzen Hof zufriedengeben.«

»Ich glaube, so lautet das Gesetz.«

Fidelma überlegte sorgfältig ihre Worte, bevor sie sie aussprach.

»Als erwählte Fürstin hast du das Recht und die Verantwortung, in deinem Stammesgebiet Recht zu sprechen, und du kannst das allein tun, wenn kein Brehon zur Verfügung steht.«

»Ich kenne meine Rechte und Pflichten.« Crons Augen verengten sich mißtrauisch.

»Ich will dir nicht zu nahe treten, wenn ich dich frage, bis zu welchem Grad du die Rechte studiert hast?«

»Ich habe nur das Bretha Comaithchesa studiert, das Nachbarschaftsrecht, denn wir sind hier nur eine kleine ländliche Gemeinschaft, und dieses Gesetz spielt hier die größte Rolle. Ich bin nicht juristisch ausgebildet. Ich habe nur drei Jahre in Lios Mhor studiert und den Grad eines Freisneidhed erworben.«

Fidelma nickte langsam. Der Grad nach dreijährigem Studium war das, was die meisten Fürsten in den fünf Königreichen aufzuweisen hatten. Fürsten brauchten eine Ausbildung, denn sie hatten viele Pflichten zu erfüllen, und die Tätigkeit als Richter beim Stammes gericht war eine davon. Ihr war klar, daß Cron sie mit einiger Feindseligkeit betrachtete. Sie mußte so diplomatisch vorgehen, wie es Eadulf ihr nahegelegt hatte, denn ihr Verhältnis zu Cron war schon schwierig genug.

»Würdest du mir erlauben, dich als Beisitzerin in diesem Fall zu beraten?«

Cron errötete und nahm es als Beleidigung auf.

»Ich meine, ich bin in der Lage, den Fall zu entscheiden«, verteidigte sie sich. »Ich war oft dabei, wenn mein Vater Urteile gesprochen hat.«

»Ich habe nicht gesagt, daß du nicht dazu in der Lage bist«, antwortete Fidelma versöhnlich. »Aber ich habe den Verdacht, daß es hierbei um mehr geht als um den einfachen Schadensfall. Schließlich hat Muad-nat schon einmal versucht, Archü mit Hilfe des Gesetzes zu enteignen.«

»Würde dich das nicht in deiner Beurteilung voreingenommen machen?« fragte Cron und mühte sich sehr, den Spott in ihrer Stimme zu unterdrücken.

»Vielleicht bin ich wirklich voreingenommen«, gestand Fidelma ein. »Ich schlage daher vor, daß du das Urteil fällst und ich lediglich neben dir sitze, um dich in juristischen Dingen zu beraten. Ich verspreche dir, daß meine Ratschläge sich einzig und allein auf Rechtsfragen beschränken werden.«

Cron zögerte und überlegte, ob Fidelma irgendwelche Hintergedanken hegen mochte.

»Das Urteil ist meine Sache?«

»Du bist die erwählte Fürstin von Araglin«, bestätigte Fidelma. »Du sprichst das Urteil.«

Cron dachte einen Moment nach. Es stimmte, daß Fidelma als dalaigh mit dem Rang eines anruth, nur einen Grad unter dem höchsten, den es in den fünf Königreichen gab, einfach verlangen konnte, daß sie den Richterstuhl einnahm. So lautete das Gesetz, denn an einem Ort, an dem es keinen ständigen Brehon gab, besaß ein angereister Richter je nach seiner amtlichen Stellung einen höheren Rang als ein kleiner Fürst. Damit, daß Fidelma lediglich die Erlaubnis erbat, als Beisitzerin zu beraten, bewies sie, daß sie nicht in Crons Befugnisse eingreifen wollte.

»Was sollte an Muadnats Anspruch falsch sein?« fragte Cron ausweichend.

»Das bleibt abzuwarten. Muadnat war verbittert, als das Urteil gegen ihn ausfiel und er den Hof an den jungen Archü verlor.«

Das sah Cron ein.

»Denkst du, daß Muadnat diese Anklage zurechtgezimmert hat?«

»Da du das zu entscheiden hast, ist es wohl besser, wenn ich meine Gedanken für mich behalte«, antwortete Fidelma sofort. »Aber laß mich neben dir sitzen. Ich berate dich nur in Fragen des Gesetzes, und du beurteilst die Tatsachen. Meine Worte werden einzig und allein die Rechtslage betreffen, nichts anderes. Das schwöre ich dir.«

»Dann soll es so sein.« Zum erstenmal setzte Cron in Gegenwart Fidelmas ein anscheinend wirklich freundschaftliches Lächeln auf.

»Zu welcher Zeit soll Muadnat vor dir erscheinen?«

»Zur Mittagsstunde.«

»Dann gehe ich jetzt und sage Eadulf Bescheid.«

»Er ist ein interessanter Mann, dein Angelsachse«, bemerkte Cron listig.

»Meiner?« Fidelma zog überrascht die Brauen hoch. »Eadulf gehört keiner Frau und keinem Mann.«

»Ihr seid anscheinend recht gut befreundet«, erwiderte Cron. »Der gutaussehende Bruder glaubt wohl nicht an das, was Pater Gorman über die Ehelosigkeit der Diener und Dienerinnen Gottes lehrt?«